Der erste Vorsitzende von Willow Creek Deutschland, Ulrich Eggers, sprach mit pro über die Causa Bill Hybels

Der erste Vorsitzende von Willow Creek Deutschland, Ulrich Eggers, sprach mit pro über die Causa Bill Hybels

„Es geht nicht um Willow, es geht um Jesus“

Die Kontroverse um Willow-Creek-Gründer Bill Hybels geht in die nächste Runde. Nach neuen Vorwürfen gegen den amerikanischen Pastor hat Willow Creek Deutschland Stellung bezogen. Der Erste Vorsitzende Ulrich Eggers hat sich gegenüber pro zu den Vorwürfen gegen Hybels positioniert.

Der Vorstand von Willow Creek Deutschland hat sich zu den neuen Vorwürfen des sexuellen Fehlverhaltens gegen Willow-Creek-Gründer Bill Hybels und dem Rücktritt von dessen Nachfolger geäußert. Man sei „beschämt und enttäuscht“, heißt es in einer Stellungnahme. Der Vorstand forderte den amerikanischen Zweig und Hybels selbst auf, entschlossen für eine Klärung zu arbeiten. Auch das Vorhaben externer Ermittlungen begrüßte er.

Für die deutsche Arbeit von Willow Creek solle die Affäre ebenfalls Konsequenzen haben – so solle etwa der Missbrauch von Macht offener thematisiert werden. Pro hat mit dem Schriftführer der Stellungnahme und erstem Vorsitzenden von Willow Creek Deutschland, Ulrich Eggers, gesprochen.

pro: Herr Eggers, Bill Hybels war bis jetzt das Gesicht der Willow-Creek-Bewegung – wie kann Willow ohne ihn funktionieren, wie das Ansehen der Bewegung gewahrt werden?

Ulrich Eggers: Ich hoffe, sie besinnen sich schlicht auf ihren Auftrag als Gemeinde und leben ihn. Das hat immer die Faszination an dieser Gemeinde ausgemacht. Willow ist und bleibt einfach eine tolle Gemeinde, die durch unzählige Ehren- und Hauptamtliche eine vorbildliche Arbeit macht. Willow ist mehr als Bill Hybels. Sicher hat der Global Leadership Summit stark von seiner Rolle gelebt, wird es aber schaffen, neue Gesichter einzubinden, die es ja längst gibt. Vieles kommt jetzt darauf an, dass in den nächsten Wochen die richtigen Schritte gegangen werden.

Ich verstehe sehr gut die Überforderung von Ältesten und Leitung in diesem ja auch internationalen Medien-Hype um die Anklagen gegen Hybels – da braucht man Zeit, um Loyalitäten zu klären und richtige Schritte zu gehen. Es lief nicht optimal, aber es sind gute, ehrliche Leute am Werk – die dennoch in diesem Sturm heftig rudern und auch Fehler machen. Wir raten, dass jetzt neutrale Berater dort vor Ort helfen und beten, dass einfach auch die Kraft für die nächsten Wochen reicht.

Für die deutsche Arbeit gilt mein jetzt ja schon fast prophetisches Wort vom Ende des letzten Kongresses: Es geht nicht um Willow, sondern es geht um Jesus und seinen Auftrag an uns! Dafür sind unsere Konferenzen Plattform, dafür werden wir auch weiter spannende Sprecher haben, die gute praxistaugliche Impulse liefern. Voneinander lernen und leidenschaftlich im Auftrag von Jesus unterwegs sein, das bleibt bestehen.

Was für Reaktionen erhalten Sie als deutsche Geschäftsführung von Willow Creek?

Wir staunen darüber, mit welch großer Reife unsere Freunde und Besucher reagieren. Es gibt viel Verständnis für die Situation, vereinzelt Kritik am Vorgehen der Freunde in den USA – auch ein ungläubiges Staunen, dass diese Anklagen gegen Hybels wirklich wahr sein sollen. In dem allen ist es uns sehr wichtig, dass die Stimmen der Frauen, die sich mit ihren Geschichten nach langer Zeit herausgewagt haben, gehört und beachtet werden. Zugleich ist allen klar, dass es sich oft um Vorgänge handelt, die Jahrzehnte zurückliegen und in ihrer Substanz zum Teil sehr schwer zu bewerten sind. Das verlangt ein differenziertes Hinsehen – sehr schwer in diesem Moment der offenen Krise. Sicher auch durch den anfangs zu zaghaften Aufklärungswillen zusätzlich erschwert. Wir alle brauchen da eine gute, geistlich gegründete Geduld.

Wie sind die Reaktionen intern? Kommt es vor, dass Ehrenamtliche abspringen?

Davon haben wir bisher so gut wie nichts gemerkt. Willow Deutschland oder Schweiz ist ein Konferenz-Veranstalter, der bisher von der „Marke Willow“ nur Gutes empfangen und nichts anderes im Sinn hat, als Gutes weiterzugeben. Schon beim letzten Kongress waren nur zwei von rund 15 Impulsen von Billy Hybels. Es geht um Jesus, es geht um Ermutigung für Mitarbeitende, es geht um gute Leitung angesichts der großen Aufgabe für Kirchen und Gemeinden in unserer Welt. Das bleibt der Fokus und lohnt allen Einsatz.

Gibt es absehbare Auswirkungen auf die nächsten geplanten Willow-Veranstaltungen? Sie schreiben in der Stellungnahme, dass unter anderem verstärkt der Missbrauch von Macht thematisiert werden soll.

Natürlich machen wir uns Gedanken darüber, wie wir diese Themen bei der nächsten Konferenz gut aufgreifen können. Schon beim Summit (Global Leadership Summit, Anm.d.Red.) diese Woche wird Danielle Strickland dazu reden. Aber die Frage nach der Faszination und Gefahr von Größe, der Rolle von Sexualität im Leben von Leitenden und dem Vorrang für Charakter und Integrität wird mit Sicherheit besonders thematisiert. Das ist ein Dauerbrenner für uns alle – und wir wissen um diese Gefahren ja nicht erst seit heute.

Welche Auswirkungen haben die Vorwürfe gegen Bill Hybels auf Pastoren und Christen, denen er bis jetzt ein Mentor und Glaubensvorbild war?

Natürlich stürzt das viele in einen Denkprozess. Aber das ist auch eine Chance für eine gesunde Ent-Täuschung. Meine große Hoffnung ist, dass es nicht dazu kommt, das Kind mit dem Bad auszuschütten. Ich merke schon jetzt in der Berichterstattung, dass oft einem Mythos gefrönt wird: Wir wollen an die großen makellosen Helden glauben, die ihre Erkenntnis-Perlen alle nur vom Nachdenken am Schreibtisch bekommen. Wir predigen über König David – und blenden aus, dass er ziemlich schlimme Dinge gemacht hat. Wir verstehen nicht, dass gute Früchte aus der dunklen feuchten Erde des Lebens geboren werden, mit der wir alle uns rumschlagen müssen. Wir kritisieren Bill, weil er sich entgegen unserer frommen Wünsche und Illusionen nun endgültig auch als nicht perfekt herausstellt. Aber das wäre zu kurz gedacht und produziert die nächste Enttäuschung am nächsten Vorbild – auch wenn wir sicher keine Sünde oder Schuld verharmlosen dürfen.

Mir persönlich geht es so: Das Gute, das ich von Bill Hybels gelernt habe als Vorbild, das bleibt und steht fest. Gutes und Richtiges bleibt gut, auch wenn der, von dem es kommt, gerade Probleme hat. Er ist Mensch wie ich und ein wunderbar begabter Nachfolger Jesu. Ich bete für ihn, dass er in den Gebieten, wo er offensichtlich Schwächen und Schatten hat, Klärung und Wiederherstellung findet. Und ich fordere von ihm, dass er die Vorwürfe klärt, ehrlich wird und umkehrt und Vergebung und Wiedergutmachung sucht, wo immer er im Umgang mit Frauen versagt hat. So würde er es selbst sagen. Er muss raus aus der Defensive und zurückfinden zu dem, was ihm immer wichtig war. Ich traue ihm das zu! Aber ich ermahne uns alle zugleich auch: Auf jeder Kanzel predigt immer nur ein Sünder mit schon erkannten oder noch nicht erkannten Sünden. Und das Besondere von Kirche ist, dass wir ein Ort der Barmherzigkeit sind. Dazu müssen wir aber auch endlich ein Ort des Realismus werden. Sünde ist nie gut – Umkehr ist für jeden wichtig, Schuld bleibt Schuld. Aber wir alle leben von der Barmherzigkeit und haben gerade dann besonders viel zu sagen, wenn wir uns ehrlich und mit Integrität durch das Auf und Ab kämpfen.

Wie gehen Sie persönlich mit der Spannung um, zum einen Vorsitzender von Willow Creek Deutschland zu sein, zum anderen auch Geschäftsführer der SCM-Gruppe, die ja die Bücher von Bill Hybels im Sortiment hat? Wird es von Seiten der Verlagsgruppe eine Reaktion geben?

Es ist schmerzlich, dass auch ein Bill Hybels Schatten hat, aber es überrascht mich nicht, ich habe sie ja auch. Wichtig ist, wie wir mit ihnen umgehen, ob wir immer wieder den Neuanfang suchen. Deswegen kommt sicher viel darauf an, wie Bill Hybels sich in den nächsten Monaten verhält und was die unabhängigen Untersuchungen jetzt ergeben. Im Moment sind die Bücher noch im Angebot – aber wir werden die Situation aufmerksam beobachten.

Die Fragen stellte Martin Jockel

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