Margot Käßmann wird am Sonntag 60 Jahre alt und verabschiedet sich in den Ruhestand

Margot Käßmann wird am Sonntag 60 Jahre alt und verabschiedet sich in den Ruhestand

Welcher Kampf war der wichtigste, Frau Käßmann?

Keine Protestantin ist so beliebt und zugleich so umstritten wie Margot Käßmann. Wo sie Lesungen hält oder predigt, sorgt sie für lange Schlangen. Doch ihre pazifistischen, feministischen und liberaltheologischen Thesen haben nicht nur Christen geärgert. Zu ihrem 60. Geburtstag am 3. Juni verabschiedet sich die Reformationsbotschafterin in den Ruhestand. pro traf sie vorher zum Interview.

pro: Frau Käßmann, zwei Sätze haben Ihren beruflichen Lebensweg geprägt. „Du kannst niemals tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Und: „Nichts ist gut in Afghanistan.“

Margot Käßmann: Ja, ich bemerke auch, dass sich Menschen weit über kirchliche Kreise hinaus an diese beiden Sätze erinnern.

Den ersten Satz haben Sie bei Ihrem Rücktritt als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gesagt, nachdem Sie mit Alkohol am Steuer erwischt wurden. Es ist geradezu paradox: Ihr Rücktritt hat Sie außerhalb der Kirche erst richtig populär gemacht.

Das war für mich eine merkwürdige Erfahrung. Da war die Skandalisierung in den Medien am Dienstag, mein Rücktritt am Mittwoch und am Donnerstag schon die Rehabilitation in der Öffentlichkeit. Ich bin heute noch froh, dass ich damals auf mein inneres Gefühl gehört habe und diesen Weg gegangen bin, obwohl mir viele geraten haben, es anders durchzustehen. Dass dann aber so viele Menschen ihre Sympathie für mich ausgedrückt und mir Respekt für den Rücktritt gezollt haben – das habe ich nicht erwartet.

Das Medienecho war durchweg positiv, selbst die Bild-Zeitung würdigte Sie plötzlich.

Ein Journalist schrieb: „Vielleicht hat Margot Käßmann ihrer Kirche mit diesem Rücktritt einen größeren Dienst erwiesen als sie es in sechs Jahren im Amt der Ratsvorsitzenden gekonnt hätte.“ Er wollte vielleicht sagen, dass es typisch protestantisch ist, zu einem Fehler zu stehen, nicht am Amt zu kleben und auch, dass es am Ende Vergebung gibt. Denn das habe ich erlebt: Eine Form kollektiver Vergebung. Das war sehr befreiend. Eine Erklärung dafür habe ich bis heute nicht. Vielleicht ist es so gekommen, weil viele andere ihre Vergehen lieber unter den Teppich kehren.

Als Sie dann ein Jahr später Ihr Buch „Sehnsucht nach Leben“ veröffentlichten, standen die Leute bei Signierstunden Schlange bis auf die Straße.

Das war auch für mich irritierend. Ich musste mich fragen, was die Leute da in mir sehen. Vielleicht sagen sie sich: Ich habe auch Fehler in meinem Leben gemacht und ich kann damit leben. Aber solche Zuschreibungen sind nicht ungefährlich. Martin Schulz ist als Heilsbringer gefeiert worden und nun, zwölf Monate später, ist er in der Versenkung verschwunden. Ich bin nach meinem Rücktritt in jede Talkshow eingeladen worden, wenn es um den Rückzug von Prominenten ging: Annette Schavan, Horst Köhler, Karl-Theodor zu Guttenberg. Ich habe immer abgelehnt. Ich wollte nicht den Rest meines Lebens Rücktrittsexpertin sein.

„Mein Verhältnis zur Presse ist positiv und versöhnt.“

Sie sind im Laufe Ihrer Karriere immer schnell und kompromisslos mit schlechten Nachrichten an die Öffentlichkeit gegangen – im Falle Ihres Rücktritts ebenso wie nach Ihrer Krebsdiagnose und im Verlauf Ihrer Scheidung. Hatten Sie Angst vor der Presse oder sind Sie einfach nur ehrlich?

Es war nicht mein größter Wunsch, meine Krankheit öffentlich zu machen. Aber wenn eine Landesbischöfin von heute auf morgen drei Monate lang keine Termine mehr wahrnimmt, lässt sich das nicht geheim halten. Die Leute hätten ohnehin gefragt, ob ich Krebs habe oder ob es eine Depression ist oder noch etwas anderes. Es hätte tausend Gerüchte gegeben. Da habe ich es lieber gesagt. Brustkrebs zu haben ist keine Schande.

Diese Strategie wirkte auf manche wie Selbstvermarktung.

Ich denke, die Leute können von einer Landesbischöfin erwarten, dass sie sich erklärt. Ich hätte mich auch nicht heimlich scheiden lassen können. Sobald eine Akte mit meinem Namen bei Gericht auftaucht, wird das bekannt, genau wie bei der Alkoholfahrt. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass Vertuschen nach hinten losgeht. Ich handle lieber, als behandelt zu werden.

Behandelt worden sind Sie vor allem von den Medien. Wie ist Ihr Verhältnis zur Presse heute?

Als Kirche können wir die Medien nutzen, das hätte Luther auch getan. Ich fürchte, er hätte sogar getwittert. Ich selbst finde diese Verkürzung schwierig. Die Menschen sollten lieber erstmal richtig nachdenken, bevor sie ihre Sätze in die Welt werfen. Insgesamt ist mein Verhältnis zur Presse positiv und versöhnt. Ich habe die Medien genutzt, habe Fernsehgottesdienste mitgemacht, schreibe selbst eine Kolumne in der Bild am Sonntag (BamS). Deshalb muss ich es auch aushalten, wenn ich über sie Kritik erfahre. Die Grenze ist da, wo Medien hetzen. Ich bin kein Fan von Jörg Kachelmann. Aber er wurde schon verurteilt, bevor es einen Richterspruch gab. Das finde ich schrecklich. Oder wenn Journalisten Prominente beschatten ...

Das ist Ihnen sicher auch schon passiert, oder?

Nach meinem Rücktritt war es unangenehm. Ich bin einmal um 6.15 Uhr morgens mit dem Hund rausgegangen. Ich dachte, um diese Zeit am Sonntag wird wohl kein Journalist auf den Beinen sein. Dann fotografierte mich jemand. Der Mann sagte, er sei Paparazzo, aber ein ganz netter. 6.15 Uhr am Sonntagmorgen – das muss doch wirklich nicht sein.

„Ich wollte eigentlich nie provozieren.“

Haben die Medien Sie mit ihrer Berichterstattung verletzt?

Nach dem Rücktritt haben mich bestimmte Sachen getroffen. Ich habe so viel albernes Zeug gelesen: Spekulationen über meine Promillezahl oder den Beifahrer. In einer Zeitung stand etwas von einer nächtlichen Tour durch das Kneipen- und Rotlichtmilieu Hannovers. Dabei war ich bei einem Spanier essen, ganz seriös. Diesen Skandalisierungsdrang fand ich schlimm.

Haben Sie Ihr Verhalten gegenüber den Medien daraufhin geändert?

Es ist nicht einfach, das richtige Verhältnis zwischen Distanz und Nähe im Umgang mit der Presse zu finden. Ich habe in meiner Laufbahn zweimal Homestorys gemacht – das würde ich heute nicht mehr tun. Ich würde auch keine Fotos mit meinen Enkelkindern veröffentlichen. Ich denke, die Kirche braucht insgesamt ein Medientraining, wo deren Vertreterinnen und Vertreter lernen, mit Anfragen angemessen umzugehen. Denn wenn sich niemand mehr traut, etwas öffentlich zu sagen oder anzuecken,wird es ja auch langweilig.

Was das öffentliche Anecken betrifft, gibt es in der Kirche derzeit niemanden, der Ihren Platz einnehmen könnte.

Ich wollte eigentlich nie provozieren. Ich war nur manchmal etwas spontaner, als der Pressesprecher es sich gewünscht hat. Die Kirche wird ohne mich gut klarkommen. In der Flüchtlingsfrage hat sich etwa der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm sehr klar geäußert.

Sie sind strikte Pazifistin. Das hat Ihnen viel Kritik eingebracht. Der FDP-Politiker und Pfarrerskollege Pascal Kober sagt, man lerne schon im Grundkurs Theologie, dass die Welt durch Gott erlöst werde und nicht dadurch, dass es keine Waffen mehr gebe.

Ich finde es immer anmaßend, wenn jemand sagt, er habe die richtige Theologie und jemand anderes die falsche. „Du sollst deine Feinde lieben“ ist der schwierigste Satz von allen Aussagen Jesu. Ich kann auch nicht so leicht auf meine Feinde zugehen und würde nicht behaupten, dass ich zum Beispiel Herrn Kober liebe oder Donald Trump. Es ist schwer, friedlich und gewaltfrei zu antworten, aber sehr einfach, zu sagen: Waffen wird es immer geben, wir gehen nach Mali oder in den Irak und schaffen mit Gewalt Frieden. Ich sehe nicht, dass diese Strategie in den letzten 50 Jahren erfolgreich gewesen wäre.

„Es gibt keine christliche Rechtfertigung für Krieg"

Hat Ihre Haltung zum Krieg mit Ihrer Familiengeschichte zu tun? Ihre Mutter und Großmutter sind vor dem Einmarsch der Russen in Deutschland geflohen.

Ja. Das Wissen darum, dass Krieg Menschenleben zerstört, war sehr präsent in meiner Kindheit. Alles, was meine Großmutter bei ihrer Flucht bei sich hatte, waren ein Kinderwagen und eine Federdecke. Mehr war ihr nicht geblieben. Ihre Geschichte war so präsent, dass ich als Kind das Gefühl hatte, ich kenne mich in Hinterpommern besser aus als in Stadtallendorf, wo ich aufwuchs. Sie trauerten um das verlorene Glück, ohne revanchistisch zu sein. Mir war damals schon klar, dass Krieg grausam ist. Was in Syrien geschieht, ist schrecklich, und Rüstungsexporte empören mich zutiefst.

Auch, wenn die Alternative ist, dass Baschar al-Assad seine eigenen Leute bombardiert?

Ist der Krieg denn weniger schlimm? Es gibt keine christliche Rechtfertigung dafür. Krieg kann durch Prävention verhindert werden. Aber den Pazifisten wird immer dann, wenn es zu spät ist, gesagt, es gibt keine andere Möglichkeit als Waffengewalt.

Sie haben in Ihrer Kirche viele Schlachten geschlagen und sind dafür scharf kritisiert worden: Pazifismus war nur ein Thema, viele hielten Ihre liberale Theologie für falsch oder Ihren Feminismus, Ihre Äußerungen zu Verhütung und der „Pille danach“. Welcher Kampf war Ihnen rückblickend der wichtigste?

Ich habe diese Dinge nicht so sehr als Kampf empfunden. Ich habe mir die Themen auch nicht ausgesucht. Ich finde es wichtig, dass wir unsere Art zu glauben nicht als die einzig mögliche ansehen. Die eine richtige Theologie oder die richtige Form, Kirche zu sein, gibt es nicht. In Äthiopien zum Beispiel leben Christen ihren Glauben ganz anders. Warum lassen wir uns davon nicht anregen? Ich glaube, dass es den Kirchen hierzulande gut tut, dass sie nun von vielen Menschen aus anderen Kulturen besucht werden.

Die christliche Vielfalt, die Sie da loben, kann auch Probleme mit sich bringen. Die Russisch-Orthodoxe Kirche etwa hat Ihnen nach Ihrer Wahl zur Ratsvorsitzenden die Anerkennung verweigert.

Ja, aber eine Irritation des Eigenen ist doch immer hilfreich. Ich habe meine Meinung zu Themen durchaus auch geändert. Ich bin heute nicht mehr die Margot Käßmann aus den Achtzigern. Die Welt verändert sich und wir uns auch. Die Kirche darf niemals starr werden. In der Kirchengeschichte war es immer so, dass es Aufbruchsbewegungen von unten gab, wenn die Kirche zu eng wurde – dazu zähle ich die Franziskaner genauso wie den Pietismus und die Friedensbewegung. So bleibt die Kirche lebendig. Sie haben mich nach dem wichtigsten Kampf gefragt: Der für Veränderung ist es vielleicht. Und dabei wünsche ich mir, dass wir fröhlich unser Christsein bekennen. Das ist für mich eine tragende Lebenskraft.

Sie haben im Laufe Ihres Lebens immer wieder mit Evangelikalen zu tun gehabt. Ihre Familie gehörte der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche an. Sie haben in Tübingen und Marburg studiert und in den USA. Wie ist Ihr Verhältnis zu den Frommen?

Ich habe ein gutes Verhältnis zu Freikirchen, solange sie nicht moralistisch daherkommen. Ich habe ein Problem damit, dass einige von ihnen die Frauenordination ablehnen. Als ich Bischöfin in Hannover wurde, hielten einige eine sogenannte Notsynode ab, weil sie den Bischofsstuhl als nicht besetzt ansahen. Auch, dass die Sexualmoral in manchen Freikirchen so hoch bewertet wird, stört mich. Zu den Themen Homosexualität und Abtreibung bekomme ich von Evangelikalen die meisten Briefe. Dabei sind wir Menschen doch sündig in so vielen Formen. Wir übertreten so viele Gebote. Aber alles, was mit Sexualität zusammenhängt, wird da besonders wichtig genommen. Als ich geschieden wurde, gab es im Magazin ideaSpektrum drei Monate lang Leserbriefe zu dem Thema. Dabei haben mein damaliger Mann und ich nie Details dazu bekanntgegeben.

Sie mögen das Moralisieren nicht, aber man sagt Ihnen einen besonders guten Draht zu Ihrem ehemaligen Ratskollegen Peter Hahne nach, der ja nun nicht gerade dafür bekannt ist, sich in dem Bereich zurückzuhalten.

Ja, das ist lustig, nicht wahr? Niemand hat verstanden, warum ausgerechnet wir so gut miteinander konnten. Bischof Huber musste uns während der Ratssitzungen öfter ermahnen, dass wir nicht so viel tuscheln. Diese Verbundenheit kam daher, dass Peter Hahne und ich unsere Verschiedenheit mit Humor genommen haben. Er sagte zu mir: Margot, du mit deinen Hirtinnen verdirbst mir die ganze Weihnachtsgeschichte. Und ich antwortete: Tja Peter, das musst du wohl lernen, es gab Hirtinnen. Wir hätten uns wegen unserer unterschiedlichen Ansichten nie das Christsein abgesprochen.

Sie haben ab Mai keine Termine mehr angenommen. Hören wir künftig nichts mehr von Margot Käßmann?

Ich freue mich darauf, meine Zeit frei einteilen zu können. Seit ich im Studium mein erstes Kind bekam, war ich immer durchgetaktet. Ich freue mich auf Zeit mit meinen Enkeln. Und ich möchte ein Buch über das Altern schreiben. Meine BamS-Kolumne schreibe ich auch weiter. Ich werde nicht ins Kloster gehen und für immer schweigen.

Frau Käßmann, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Anna Lutz

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe 1/2018 des Christlichen Medienmagazins pro. Bestellen Sie pro kostenlos und unverbindlich unter Telefon 06441-915-151, per E-Mail an info@kep.de oder online.

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