„Wenn nicht alles täuscht, kehrt gerade der Teufel zurück“, schreibt der Journalist Lucas Wiegelmann in der Welt am Sonntag

„Wenn nicht alles täuscht, kehrt gerade der Teufel zurück“, schreibt der Journalist Lucas Wiegelmann in der Welt am Sonntag

„Den Teufel theologisch wieder ernst nehmen“

Der Teufel war eigentlich längst abgeschafft. Doch immer mehr Theologen plädieren dafür, die Bedeutung des Satans wieder neu zu beachten. Darüber schreibt der Autor Lucas Wiegelmann in einer „kleinen Satanologie“ in der Welt am Sonntag (WamS).

Papst Franziskus hatte Anfang Mai in seiner Predigt in seinem Wohnhaus im Vatikan über den Satan gesprochen, schreibt die WamS. Der WamS-Autor Lucas nahm dies zum Anlass, den Teufel und seine Geschichte im Christentum näher zu beleuchten.

Der Teufel sei wie „ein tollwütiger und angeketteter Hund“, dem man nicht zu nahe kommen dürfe, warnte der Papst. „Er ist angekettet. Ja also, gehst du da nicht hin, um ihn zu streicheln? Tu das nicht, denn er beißt dich, er zerstört dich.“ Dabei sei der Teufel „eigentlich längst abgeschafft“ gewesen, schreibt Wiegelmann. Im Laufe einer langen Entzauberung der Welt seit der Aufklärung sei er zu einer bloßen bizarren Erinnerung „an einen längst versunkenen Glaubenskosmos voller bemitleidenswerter Irrationalitäten, ein Relikt des rührenden Aberglaubens“, geworden.

„Wenn nicht alles täuscht, kehrt gerade der Teufel zurück“, schreibt der Journalist. Er tauche etwa wieder in der Welt der Gelehrten auf: „Ganze Teams von Theologen – und keineswegs nur katholische – erforschen seit einigen Jahren wieder das Wesen Satans und diskutieren, ob er nicht doch ein integraler Bestandteil des christlichen Weltbilds sein müsste.“ Außerdem böten päpstliche Hochschulen gerade verstärkt Fortbildungen zum Thema Exorzismus an. Wiegelmann: „Ausgerechnet dieser Franziskus widmet sich voller Inbrunst einer Gestalt, die seine Vorgänger lieber umschifften oder abstrahierten.“

„Gott ist kein Sugardaddy“

Der Teufel komme in der hebräischen Bibel nur an drei Stellen ausdrücklich vor, erklärt der Autor. „Zwar von Jahwe geschaffen und ihm untergeordnet (Monotheismus!), aber aus freiem Willen von ihm abgefallen und mit einem gewissen eigenen Spielraum ausgestattet, betrat der Teufel die Weltbühne als Sündenbock für alles Böse, das man nicht Gott selbst anlasten mochte.“ Was das Neue Testament angeht, so habe der evangelische Theologe Jan Dochhorn festgestellt: „Es gibt kaum ein Stück Literatur im Neuen Testament, das den Teufel unerwähnt lässt.“ Das Neue Testament beschreibe den Teufel als Anführer der bösen Geister und den Herrscher der irdischen Welt, der Jesu Heilswerk zu vereiteln oder wenigstens zu verzögern sucht, „der sich aber letztlich als der Schwächere erweisen wird“.

Es mehrten sich mit der Zeit die Stimmen, die den Satan abschaffen wollten, „und spätestens im 20. Jahrhundert war der Teufel am Ende“. Auch in der katholischen Kirche, wie das Zweite Vatikanische Konzil zeigte. Wiegelmann erklärt: „Das Problem ist nur: Nur weil der Teufel seltener im Messbuch vorkommt, scheint sich das Böse in der Welt noch nicht nennenswert verringert zu haben. Not und Leid, Gewalt und Sünde bleiben menschliche Realität. Nur dass der Mensch für alle Untaten, für die man früher den Teufel oder, noch früher, Gott selbst zumindest mitverantwortlich machen konnte, heute selber geradestehen muss, als der neue, der vermeintlich vollständig rationalisierbare Teufel.“

Der Wiener Alttestamentler Ludger Schwienhorst-Schönberger ist der Meinung: „Die Rede vom Teufel ist nicht so primitiv, wie viele meinen.“ Statt den Teufel totzuschweigen, wäre es besser, die mit dieser Figur veranschaulichte Realität theologisch wieder ernst zu nehmen.

Und auch Forscher Dochhorn sagt: „Theologen scheuen sich heute vor der Frage, ob der Teufel existiert. Diese Frage müssen wir aber wieder diskutieren.“ Der Theologe stellt fest: „Je intensiver man sich mit satanologischen Texten beschäftigt, desto klarer wird, dass der Teufel und das Böse Teil des Systems Gottes sind. (...) Gott ist kein Sugardaddy. Wir sollen ihn fürchten und lieben, wie Luther im kleinen Katechismus sagt.“

Von: Jörn Schumacher

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