Abbildung Martin Luthers und Adolf Hitlers auf dem Einband der „Weltgeschichte für Alle“ aus dem Jahr 1933

Abbildung Martin Luthers und Adolf Hitlers auf dem Einband der „Weltgeschichte für Alle“ aus dem Jahr 1933

Luther: Vorbild der Nazis

Martin Luther galt den Nationalsozialisten als Held. Er symbolisierte den starken deutschen Antisemiten. Eine Ausstellung in Berlin zeigt nun, wie Hitler den Reformator für seine Zwecke instrumentalisierte.

Vier Jahrhunderte liegen zwischen Luthers antijudaistischen Schriften und den Novemberprogromen der Nazis. Und doch ist es vermutlich kein Zufall, dass deutsche Synagogen ausgerechnet in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten, an Luthers Geburtstag also. Denn es war der Reformator selbst, der in seiner Schrift aus dem Jahr 1543 mit dem Titel „Von den Juden und ihren Lügen" das Niederbrennen jüdischer Gemeindehäuser forderte. Die Nazis, so vermuten die Macher der Ausstellung „Überall Luthers Worte ..." in der Berliner „Topographie des Terrors", verwiesen mit den Gewalttaten bewusst auf den Reformator, der ihnen als Prototyp des starken Deutschen galt. Ab Freitag können Besucher im NS-Dokumentationszentrum lesen, hören und sehen, wie die Nationalsozialisten sich den Schriften des besonders im Jahr des Reformationsjubiläums so umjubelten Kirchenerneuerers bedienten.

Postkarte zum Deutschen Luthertag von 1933

Postkarte zum Deutschen Luthertag von 1933

So begingen die Nationalsozialisten etwa 1933 mit viel Tamtam den 450. Geburtstag Luthers. Das Titelblatt der offiziellen Publikation zum „Deutschen Luthertag" zeigt den Reformator als deutschen Herkules, eine dornenbesetzte Keule schwingend und durch seine am Boden liegenden getöteten Feinde watend. Der „Bildbericht für das deutsche Christenvolk" aus demselben Jahr zeigt den „Stamm Luthers", eine Bilderserie, die Luthers Vater und seine mutmaßlichen späteren deutschen Vorfahren porträtiert – ein Verweis auf die Rassenlehre der Nazis. „Luther ist unser!", heißt es in einer Schrift von Kurt Melcher, dem Oberpräsident der Provinz Sachsen von 1933. „Denn er ist aus deutschem Blut und Boden gewachsen", schreibt er weiter, und: „Aus diesem seinem deutschen Geist, der auch der Geist Adolf Hitlers ist, fühlen wir Deutschen des Dritten Reichs uns ihm verbunden."

Größter Antisemit der deutschen Geschichte

„Zum größten Antisemiten der deutschen Geschichte" sei Luther stilisiert worden, erklärte Kurator Ulrich Prehn am Donnerstag bei der Vorstellung der Ausstellung in Berlin. Das Regime habe sich viele Freiheiten genommen, um Luther so zu deuten, wie es Hitler gepasst habe. Und dennoch sei Luther auch schlicht gut geeignet gewesen als deutsche Führerfigur. Aber nicht nur die Nationalsozialisten bedienten sich des ehemaligen Mönchs. Den Beginn der Ausstellung markiert ein Zitat Dietrich Bonhoeffers: „Man fragt sich, warum aus Luthers Tat Folgen entstehen mussten, die genau das Gegenteil von dem waren, was er wollte." Und auch der Titel der Ausstellung ist ein Hinweis auf Bonhoeffer und seine Bekennende Kirche, die den nationalsozialistisch gesinnten Deutschen Christen und Hitler Widerstand leistete: „Überall Luthers Worte und doch aus der Wahrheit in Selbstbetrug verkehrt."

Kriegspostkarte mit Luther-Zitat und einem Luther-Portrait von C. Reissmann, Poststempel vom 31. März 1940

Kriegspostkarte mit Luther-Zitat und einem Luther-Portrait von C. Reissmann, Poststempel vom 31. März 1940

Das gibt einen zarten Hinweis darauf, was die Ausstellung dem Besucher eigentlich mitgeben möchte. Zwar hielten sich die Veranwortlichen bei Nachfragen dazu zurück. Man wolle es dem Besucher überlassen, sich eine Meinung dazu zu bilden, ob Luther sich in seinen Schriften anders ausgedrückt hätte, wären ihm die Konsequenzen bewusst gewesen, erklärte der Direktor der Stiftung „Topographie des Terrors", Andreas Nachama, auf Nachfrage. Dennoch sei er eine Gallionsfigur beider Seiten gewesen. Den Nazis dienten seine späten Schriften, die sie in sogenannten „Volksausgaben" verfielfältigten, als Beleg für die Redlichkeit ihrer Ideologie. Bonhoeffer aber bezog sich ebenso auf Luther, etwa in seinem Werk „Nachfolge" aus dem Jahr 1937, in dem er die Missdeutung des Reformators durch die Deutschen Christen analysierte.

1939 schufen die Nationalsozialisten ausgerechnet auf der Wartburg ein Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben. Ergebnis waren unter anderem ein Neues Testament ohne Bezüge zum Alten und ein „judenreiner" Katechismus für die Schule. Außerdem bemühten sich die involvierten Theologen, Jesus als größten arischen Führer zu stilisieren. Der Jude, ein Arier, der Mönch, ein Nationalsozialist. „Überall Luthers Worte ..." zeigt: Dem, der sich der Sprache zu bedienen weiß, ist nahezu alles möglich. (pro)

Von: al

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