Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan erhielt stehende Ovationen in der Hans-Martin-Schleyerhalle auf dem 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart
Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan erhielt stehende Ovationen in der Hans-Martin-Schleyerhalle auf dem 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart
Frank-Walter Steinmeier, Kofi Annan, Nick Baines und Moderator Arnd Henze auf dem Podium des Kirchentags (v.l.n.r)
Frank-Walter Steinmeier, Kofi Annan, Nick Baines und Moderator Arnd Henze auf dem Podium des Kirchentags (v.l.n.r)
Außenminister Steinmeier: „Frieden muss erabeitet werden“
Außenminister Steinmeier: „Frieden muss erabeitet werden“

Kofi Annan: Jeder trägt Verantwortung für Frieden

Nicht allein Gewalt kann einen Konflikt beenden. Das hat der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan am Samstag beim Kirchentag in Stuttgart gesagt. Zusammen mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier diskutierte Annan darüber, ob die Welt aus den Fugen ist.

Die Welt habe sich verändert, meint der siebte Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, in der Diskussion zum Thema „Die Welt ist aus den Fugen. Wer übernimmt Verantwortung in Krisen und Konflikten?“. Heute blickten wir pessimistischer auf die Welt als vor 25 Jahren zum Fall der Berliner Mauer.

Gleichzeitig sieht Annan nicht, dass die Welt außer Kontrolle sei. Die Zahl der Menschen, die in Konflikten sterben, sei gesunken. Durch die Globalisierung und soziale Medien sehen wir aber nun Bilder von Kriegen und Krisen schneller. „Wir können nicht länger sagen, dass wir nichts gewusst haben.“ Mit Blick auf den Irak- oder Afghanistan-Krieg und die Nachwehen sagte er, die Internationale Gemeinschaft müsse nach dem wahren Problem fragen. Das sei wichtig, um eine Gesellschaft zu stabilieren. „Man kann nicht allein durch Gewalt erfolgreich sein.“

„Herausforderung der Migration ist nicht durch höhere Zäune zu lösen“

Die Weltgemeinschaft stehe vor drei Herausforderungen. Erstens gelte die Verantwortung zum Schutz. Dies beziehe sich darauf, Menschen vor schweren Menschenrechtsverletzungen und Brüchen des humanitären Völkerrechts zu schützen. Diese Verantwortung gehe aber nicht nur die Politik an, sondern jedermann, seien es Unternehmer oder Medienvertreter. Zweites fordere der Klimawandel heraus. Annan foderte mit Blick auf die UN-Klimakonferenz in Paris in diesem Herbst auf, Druck ausüben, ein internationales, gemeinsames Klimaabkommen zu erreichen. Die dritte Herausforderung sei die Migration. „Wir werden sie nicht lösen, indem wir höhere Zäune bauen“ oder mit einer Politik der Abschottung. Sie müsse geregelt werden im Interesse der Migranten. Annan lobte Deutschland für die Aufnahme von Migranten und ermutigte es, damit fortzufahren. Er sagte, Deutschland zähle zu den Ländern, „das die meisten Migranten aufnimmt“.

„Solidarität macht uns menschlich“

Der Friedensnobelpreisträger Annan sagte: „Wir sitzen alle in dem selben Boot.“ Die Menschenrechts-Charta sei „für uns, die Menschen“ geschrieben worden. „Solidarität ist das, was uns menschlich macht.“ Er appellierte an die junge Generation: „Jeder von euch ist ein potentieller Anführer, ihr seid nicht zu jung, um anzuführen.“ Annan nahm den Zuhörern ein Versprechen ab, ihre Rolle in der Welt zu erkennen und sagte: „Ich verlasse mich auf euch, ihr Anführer des nächsten Jahrhunderts“. Sie sollten keine unschuldigen Beisteher sein, wenn Unrecht geschieht, sondern sich dagegen aussprechen.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sagte: „Heute ist diese Welt keineswegs friedicher geworden.“ Sich auf den US-Politiker Henry Kissinger beziehend sagte er, erst jetzt, ein Viertel Jahrhundert nach dem Fall der Berliner Mauer, realierten wir, was passiert ist. Die alte Ordnung der Welt, bestehend aus West und Ost, sei in sich zusammengefallen. Aber eine neue Ordnung sei nicht in Kraft getreten. Die Ordnung müsse wachsen mit einer sich veränderten Welt. Weil Gruppierungen wie der „Islamische Staat“ die Staatenordnung ablehnten, sei es noch konfliktreicher, mit ihnen zu sprechen. Früher verhandelte die Politik nur mit Staaten.

„Wir tragen Verantwortung für unser Handeln wie für Nicht-Handeln“

Frieden lasse „sich nicht herbeiwünschen“, sondern er entstehe. „Frieden muss erarbeitet werden“. Der SPD-Politiker plädierte dafür, auf Verhandlungen zu beharren. „Wenn nichts mehr geht zwischen den Konfliktparteien, dann ist die Welt gefragt und dann drüfen wir uns auch nicht in Deutschland verweigern.“ Klug sei, aus dieser Welt einen friedlicheren und gerechteren Ort zu machen. Dabei heiße es, Verantwortung für den Frieden zu übernehmen und das sei wiederum „nie von schnellen Antworten“ gekennzeichnet. „Wir tragen Verantwortung für unser Handeln wie für unser Nicht-Handeln.“ Dafür gebe es Regeln: Verlässiglichkeit, Recht und Vertrauen. An diese Ordnung müssten wir uns halten. Starke Schultern im übertragenen Sinne, wie etwa Deutschland, müssten mehr tragen, als schwache. Deutschland, das als „Brandstifter“ die Ordnung vor 70 Jahren zerstört habe, müsse jetzt besondere Verantwortung übernehmen.

Die Flüchtlinge und Verfolgten der Welt mahnten uns, „Schaut nicht weg“, aber hört weg, wenn jemand das Bemühen um Frieden als naiv bezeichnet. „Aufhören ist keine Option und Tatenlosigkeit ist keine Haltung. [...] Solange wir nicht aufgeben, behält die Hoffnung ihren Platz.“ Im Irak gebe es erstmals Hoffnung, in der Ukraine stürben nicht mehr so viele Menschen wie am Anfang des Konflikts. Wir hätten das „Wunder“ der deutsch-israelischen Beziehungen erlebt, „weil das Land der Opfer dem Land der Täter die Hand gereicht hat“. Warum solle das nicht auch im israelisch-palästinensischen Konflikt möglich sein, fragte Steinmeier.

Flüchtlinge sollten bei uns „einen Platz zum Ausruhen finden“. „Vom Weltfrieden sind wir weit entfernt“, aber es lohne sich, zu kämpfen, mahnte der Außenminister. Es gehe darum, „nicht die Kraft und nicht die Geduld [zu] verlieren“.

Bischof: „Stimmen denen geben, die keine Stimme haben“

Der Bischof der Diözese Leeds und Mitglied des House of Lords, Nick Baines, sagte, die Kirchen müssen die Verantwortung übernehmen, denjenigen „eine Stimme zu geben, die keine Stimme“ oder keine Macht haben, etwa Migranten oder Arme. „Das ist für die Kirche unbequem, aber wir müssen für diese Leute sprechen.“

Baines kritisierte zu enge Verbindungen zwischen Politik und Kirche. Es sei immer schwierig, wenn die Kirche zu nah an politischen Vertretern stehe. „In Russland und der Ukraine ist das problematisch.“ Um den Frieden zu unterstützen, appellierte Baines: „Eine Sache: Folgt Jesus.“ Er fügte hinzu: „Wir müssen ernsthafter sein mit unserer Jüngerschaft.“ (pro)

Von: ms

Sie können sich über Disqus, facebook, Twitter oder Google anmelden um zu kommentieren. Bitte geben Sie einen Namen, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine E-Mail-Adresse ein. Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Um Missbrauch zu vermeiden, werden wir Ihren Kommentar erst nach Prüfung auf unserer Seite freischalten. Wir behalten uns vor, nur sachliche und argumentativ wertvolle Kommentare online zu stellen. Bitte achten Sie auch darauf, dass wir Beiträge mit mehr als 1600 Zeichen nicht veröffentlichen. Mit Abgabe des Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.

Datenschutz
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Moderation
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei der Christlichen Medieninitiative pro e.V. Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in den Nutzungsbedingungen.

comments powered by Disqus