Ein Superstar, der keiner sein will: Rick Warren
Ein Superstar, der keiner sein will: Rick Warren

Rick Warren in Berlin: Popstar wider Willen

Rick Warren zählt zu den einflussreichsten evangelikalen Persönlichkeiten der Welt. Am vergangenen Wochenende hat er Berlin besucht und wurde empfangen wie ein Superstar. Er selbst rät: „Verschwende keine Sekunde daran, berühmt werden zu wollen.“

Das Selfie mit dem Superstar ist so etwas wie der moderne Wildschweinkopf an der Wand. Nur, dass die Trophäe nicht im Kaminzimmer, sondern auf Facebook ausgestellt wird. Wer im sozialen Netzwerk mit Christen in Berlin befreundet ist, konnte am vergangenen Wochenende eine ganze Reihe solcher Fotos bewundern. Zu sehen ist darauf neben dem Fotografen immer ein Mann: Rick Warren. Seines Zeichens Megachurch-Gründer, Buchautor und laut Time Magazine eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in den USA. Wenn es so etwas wie einen christlichen Superstar gibt, dann ist Warren mit Sicherheit einer. Sein Buch „Leben mit Vision“ hat sich weltweit 30 Millionen Mal verkauft. In seine Gottesdienste kommen wöchentlich 25.000 Menschen. Er betete vor Millionen TV-Zuschauern bei der Amtseinführung des US-Präsidenten Barack Obama. Dieser Tage spricht der Baptist im Vatikan zum Thema Ehe. Papst Franziskus hatte ihn persönlich eingeladen.

„Wir sind alle im selben Team“

Am Samstag steht dieser Rick Warren in der Cafeteria einer Berliner Kirche, umringt von Dutzenden Gemeindegründern, denen er erklären will, wie das denn eigentlich geht: Kirche machen. Am kommenden Tag wird er in einem Kinosaal predigen. Der Berliner Ableger seiner Saddleback-Kirche hat extra einen großen Raum angemietet, um die vielen Besucher unterzubekommen, die eigens wegen Warren in den Gottesdienst kommen werden. Heute geht alles noch etwas ruhiger zu. Zwar nimmt Warren auch hier geduldig Fans und Freunde in den Arm, um ihnen eine Foto-Erinnerung zu hinterlassen. Und er wird auch hier eifrig beklatscht und bejubelt. Doch das Treffen ist eher privater Natur. Die Saddleback-Gemeinde hat ausgewählte Pastoren und Gemeindegründer zu einem gemütlichen Meet and Greet eingeladen. So gemütlich, wie es mit rund 100 Gästen eben sein kann.

„Wir sind alle im selben Team“, ruft er den Besuchern zur Begrüßung zu, nachdem er einige Hände geschüttelt und auf der Bühne Platz genommen hat. Das klingt zwar nach amerikanischem Pathos, zumindest aber nicht nach Star-Allüren. Im dunkelblauen Hemd und Jeans, übergewichtig und gemütlich, etwas zerknautscht noch vom langen Flug aus den USA, beginnt er einen Monolog über das Geheimnis der Saddleback-Kirche. „Keiner von euch hat kleiner angefangen als ich“, sagt er und erinnert sich an die ersten Wochen seiner Gemeinde vor 34 Jahren in Los Angeles, als nur er und seine Frau Kay zu den Mitgliedern zählten.

Jubelrufer und Kritiker ignorieren

Heute ist Saddleback eine der zehn größten Kirchen in den USA und hat Ableger auf jedem Kontinent. Das Erfolgskonzept erklärt er so: Saddleback sei vor allem bemüht, Menschen in Kleingruppen zu integrieren. 40.000 Personen besuchten in den USA die Bibelkreise seiner Kirche, das wären fast doppelt so viele, wie in den Gottesdienst kommen. Zudem hat Saddleback überdurchschnittlich viele ehrenamtliche Mitarbeiter, laut Warren 22.000. Wer mithilft, identifiziert sich mit der Kirche – diese Idee geht auf.

Warren betont, dass der Erfolg nicht an ihn geknüpft sei. Das habe eine Auszeit vor einem Jahr gezeigt. In den Monaten seiner Abwesenheit sei Saddleback um tausende Mitglieder gewachsen. „Verschwende keine Sekunde daran, berühmt werden zu wollen“, rät Warren seinen Zuhörern. Als Hindernis bezeichnet er seinen Star-Status sogar. Denn er brächte zweierlei mit sich: Die Jubelrufer und die Kritiker. „Beide sind Ablenkungen“, sagt er.

Ein öffentlicher Tod

Und doch hat sich Warren für die Öffentlichkeit entschieden. Exemplarisch zeigt das sein Umgang mit der wohl größten Tragödie in seinem Leben. 2013 nahm sich Warrens jüngster Sohn Matthew mit 27 Jahren das Leben. Er litt unter Depressionen. Warren nahm sich daraufhin eine mehrmonatige Auszeit. Doch schon bei seinem ersten Auftritt danach sprach er über den Suizid seines Sohnes. Warren erklärte es zu seinem Ziel, ein seiner Meinung nach existierendes Stigma psychisch Erkrankter aus den Kirchen zu verbannen. Heute gibt es kaum einen öffentlichen Auftritt, bei dem Warren nicht über seinen verstorbenen Sohn spricht. Auch in Berlin erzählt er von Matthew, dass er ein wundervoller Christ gewesen sei, der andere immer ermutigt habe.

Warren mag das öffentliche Leben nicht gewollt haben, heute aber nutzt er es für seine Zwecke. Indem er seine Geschichte wieder und wieder erzählt, will er die Kirche verändern. „Es geht nicht darum, populär zu werden. Es geht um Bedeutsamkeit“, sagt er, und: „Wir sind alle kaputt.“ Das sollen all jene wissen, die kurze Zeit später ihre Selfies mit Rick Warren bei Facebook hochladen und stolz von ihrer Begegnung mit einem der populärsten Christen der Welt berichten. (pro)

Von: al

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