Anfang November gibt Nikolaus Schneider sein Amt als EKD-Ratsvorsitzender auf. Er will mehr Zeit für seine krebskranke Frau haben
Anfang November gibt Nikolaus Schneider sein Amt als EKD-Ratsvorsitzender auf. Er will mehr Zeit für seine krebskranke Frau haben

Schneider: Weltoffen mit fehlender Linie

In seiner Amtszeit als Ratspräsident der EKD hat sich Nikolaus Schneider gerne in die politische Debatte eingemischt. Und er versuchte stets, eine offene Kirche für jedermann zu schaffen. Nicht nur einmal ging das auf Kosten einer klaren, christlichen Botschaft. Ein Rückblick von Swanhild Zacharias

Die wichtigste Aufgabe der Kirche sei es, klar und verständlich von Gottes Wort zu reden, sagte Nikolaus Schneider im November 2010, als er zum Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt wurde. „Mit Präses Nikolaus Schneider steht künftig ein Mann an der Spitze der EKD, der immer wieder versucht hat, Glauben und Leben, Kirche und Gesellschaft zusammenzubringen“, sagte der damalige Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA), Jürgen Werth, nach der Wahl. Im Rückblick scheint es so, als habe genau dieses Zusammenspiel von Kirche und Gesellschaft den scheidenden Ratsvorsitzenden das eine oder andere Mal ins Wanken gebracht, wenn es um eine klare Verkündigung des Wortes Gottes ging.

Das zeigt zum Beispiel das EKD-Familienpapier, für das Schneider auch aus den eigenen Reihen viel Kritik einstecken musste. Einer seiner Amtsvorgänger, Wolfgang Huber, widersprach ihm, was die biblische Auslegung zum Thema Homosexualität betrifft. Die Stelle in 2. Samuel 1,26 könne nicht im Sinne der Orientierungshilfe gewertet werden und als Beleg dafür angeführt werden, als evangelische Kirche homosexuelle Partnerschaften gleichermaßen wie die Ehe anzuerkennen. Die Professoren für Systematische Theologie Wilfried Härle oder Klaus Tanner unterstellten dem Papier theologische Unsauberkeiten. Viele Laien waren zudem der Meinung, das Papier spiegele eine Anpassung an die Gesellschaft wieder und der Titel „Orientierungshilfe“ werde dem Inhalt nicht gerecht. Es fehle an deutlichen Linien, sagte zum Beispiel die TV-Journalistin Maria von Welser. Der Kirchenjournalist Matthias Kamann deutete das Familienpapier als ein „Zeichen des Scheiterns“. Der Theologe Thomas Schirrmacher kritisierte darüber hinaus den Entstehungsprozess. Der zuständigen Kommission habe eine bürgerliche Stimme gefehlt und die Schrift sei parteipolitisch einseitig. Schneider verteidigte das Papier zwar bis zum Schluss, räumte aber gleichzeitig auch Fehler ein. „Wir hätten ausführlicher sagen müssen, was wir wollen“, erklärte er. Einige Punkte hätte man theologisch zudem besser begründen müssen.

Ratlos und unentschlossen?

Kritik ernteten Schneider und die anderen Ratsmitglieder auch für den Umgang mit dem Disziplinarverfahren gegen Bernhard Felmberg, ehemaliger Bevollmächtigter des EKD-Rates bei Bundestag, Bundesregierung und der Europäischen Union. Das Verfahren behandelte die Lebensführung des Kirchenmannes, der intime Beziehungen zu Mitarbeiterinnen unterhalten haben soll. „Der ratlose Rat ließ die Zeit verstreichen, in der man Felmberg geräuschlos hätte abziehen können. Stattdessen ließ sich der Rat von außen zu einem Disziplinarverfahren gegen Felmberg treiben, und geklärt wurde die Personalie erst, als darüber breit berichtet worden war“, schrieb Journalist Kamann. Die Bild-Zeitung hatte im März 2013 über außereheliche Beziehungen des Beauftragten der EKD berichtet, wenige Monate später legte er sein Amt nieder.

Unentschlossenheit zeigte Schneider beim Thema Präimplantationsdiagnostik (PID). Der Rat der EKD hatte sich zwar Anfang des Jahres 2011 gegen die PID ausgesprochen. Kurz vor der Entscheidung im Bundestag schwenkte Schneider jedoch um und sprach sich gegen ein Verbot der Selektion von Embryonen bei der PID aus. Einer „eng konditionierten Zulassung“ der PID würde er zustimmen, sagte er damals. So kam es, dass der Rat lange mit einem „Jein“ stimmte und schließlich für ein „Ja, in Ausnahmefällen.“ Viele Christen hätten sich sicherlich ein klares Nein mit Berufung auf das christliche Menschenbild ihrer evangelischen Kirche gewünscht.

Eine offene Kirche für alle

Gegenüber dem Islam in Deutschland vertrat Schneider Zeit seines Amtes eine liberale Haltung. Den Islamunterricht an deutschen Schulen befürwortete er. Den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff lobte er zudem für dessen umstrittene Aussage, der Islam gehöre zu Deutschland. Schneider hatte Wulff zu dessen „ausgestrecker Hand“ gratuliert. Die Christenverfolgung in anderen, vor allem islamischen Ländern, dürfe das Verhältnis der Evangelischen Kirche zu den Muslimen hierzulande nicht beeinflussen, sagte Schneider bei einem Treffen mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, im vergangenen Jahr. Er betonte aber, dass es natürlich Unterschiede zwischen den beiden Religionen gebe.

Schneider „teilt nicht aus wie seine Vorgängerin [Margot Käßmann, Anm. d. Red.], agiert nicht kantig intellektuell wie davor Wolfgang Huber“, schrieb Spiegel-Autorin Katja Thimm im vergangenen Jahr in einem Porträt über den scheidenden Ratsvorsitzenden. Schneider könne stattdessen aber Lebenserfahrung vorweisen: Der Vater war Kommunist, der Frömmigkeit verabscheute, Schneiders Tochter starb mit 22 Jahren an Krebs, der Kontakt zu seinem Bruder sei abgebrochen. Der Theologe predige das, was er erlebt habe: „Die Schuld, den Verlust und das Vertrauen, die Liebe und das Mitgefühl, die Gnade, die eigene Fehlbarkeit ohnehin”. Die Lage der Betroffenen sei für ihn ein wichtiger Ausgangspunkt seiner Gedanken. Das gelte unter anderem für seinen Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paare und mit PID. So viel Kritik Schneider auch für seine Entscheidungen einstecken musste – er verfolgte stets das Ziel, Kirche für alle zugänglich zu machen. Das verdient Anerkennung.

Evangelikale standen Schneider wegen seiner liberalen Haltung oft kritisch gegenüber. Auch seine offensichtliche Nähe zur Politik kam nicht immer gut an. In einem Spiegel-Interview Ende Oktober dieses Jahres warb der Kirchenmann jedoch für einen differenzierteren Umgang mit der evangelikalen Szene. „Wer undifferenziert von Evangelikalen spricht, tut ihnen Unrecht“, sagte er. Zur politischen Nähe seiner Kirche erklärte er, es wäre falsch, wenn sie sich nur noch für den politischen Diskurs interessiere. Sich in einen „frommen Winkel“ zurückzuziehen, sei aber ebenso falsch.

In Zwickmühle beim Thema Sterbehilfe?

In die politische Debatte mischte sich Schneider besonders beim Thema Sterbehilfe ein. Durch die Krebserkrankung seiner Frau Anne hat er einen persönlichen Bezug dazu. Mit seiner Position überraschte er die Evangelische Kirche. In einem Interview mit dem Magazin Stern erklärte er, wenn seine Frau Sterbehilfe in Anspruch nehmen wolle, würde er auch etwas gegen seine Überzeugung tun und sie dabei begleiten. „Aber ich würde alles versuchen, Anne für einen anderen Weg zu gewinnen“, fügte er hinzu.

Als Kirchenmann steht er hinter der EKD, die sich seit Jahren gegen eine Legalisierung von Sterbehilfe ausspricht. Den Inhalt des Interviews hatte er Medienberichten zufolge nicht mit dem Kirchenrat abgestimmt. Die EKD stellte kurz darauf klar, dass man trotz des Alleingangs von Schneider weiterhin gegen ein selbstbestimmtes Sterben sei. Mit seiner Aussage im Stern-Interview schwächte Schneider einerseits die Position der Evangelischen Kirche. Vor dem Hintergrund der eigenen Betroffenheit und der Liebe zu seiner Frau mag man andererseits über seine Aussage jedoch kaum urteilen.

Zu wenig deutliche Worte

Zusammen mit seiner Frau Anne schrieb Schneider mehrere Bücher. Im vergangenen Jahr veröffentlichten sie gemeinsam das Buch „Vertrauen – Was in unsicheren Zeiten wirklich trägt”. Sie beschreiben darin unter anderem die schwere Zeit, in der ihre Tochter Meike an Leukämie erkrankt war, schließlich starb und wie Gottvertrauen dem Ehepaar durch diese Zeit half. Schneider war der erste Deutsche, der eine Audienz bei Papst Franziskus erhielt. Auch zu diesem Termin begleitete ihn seine Frau.

Nach seiner Wahl vor vier Jahren schrieb die Nachrichtenagentur dpa, Schneider wolle stets „den Sorgen der Menschen Ausdruck und eine Stimme geben“. Bei der Buchvorstellung im vergangenen Jahr sagte er zudem, zum Gottvertrauen gehörten auch Taten, deshalb sollten sich Christen einmischen – unter anderem in die Politik. Beides hat Schneider in seiner Amtszeit getan. Gerade in der politischen Debatte führte das jedoch manchmal zu einem Mangel an Klarheit in der Verkündigung biblischer Inhalte. (pro)

Von: sz

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