Oppositionell: Unweit der Büste des Kommunisten Karl Marx hielt der Evangelist Theo Lehmann vor tausenden Menschen Gottesdienste, bei denen er auch die DDR kritisierte
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Blues-Experte: Lehmanns Leidenschaft gilt der afro-amerikanischen Musik. Hier auf der Leipziger Buchmesse
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Evangelist Theo Lehmann wird 80

Der Chemnitzer Pfarrer und Evangelist Theo Lehmann wird am Donnerstag 80 Jahre alt. Seine Lieder sind Klassiker, seine Gottesdienste lockten tausende Menschen aus der ganzen DDR an. Der Stasi war er ein Dorn im Auge.

„Ich hab mir heute meine Zahnbürste hier eingesteckt. Das habe ich von Martin Luther King gelernt. Das ist das Zeichen, bereit zu sein, falls wir mal kurz verreisen müssen.“ Das sagte Theo Lehmann, als er am 8. Oktober 1989 vor rund 3.000 jungen Menschen in der damaligen Karl-Marx-Stadt predigte. „Wir sind in großer Not“, hieß es im Predigttext aus dem Propheten Nehemia, über den Lehmann an dem Tag sprach. „Große Not“ sah der Evangelist auch in der DDR – und er benannte sie. Die Zahnbürste signalisierte: „Ich bin bereit, für das, was ich sage, in den Knast zu gehen“, erklärte Lehmann in einem Interview. „So habe ich immer gelebt und gepredigt.“

Weil Lehmann in dem sozialistischen Staat für Freiheit und für die Wahrheit des Evangeliums kämpfte, hatte ihn die Staatssicherheit ganz besonders im Blick und versuchte, ihn mundtot zu machen. Bis hinein in sein engstes berufliches und privates Umfeld hatte die Stasi Spitzel auf ihn angesetzt – Pfarrer, Diakone, Kantoren. Sogar zwei seiner besten Freunde haben ihn ausspioniert, erfuhr Lehmann nach der Wiedervereinigung aus seinen Stasi-Akten. „Ich habe Jahre gebraucht, um wieder ein normales Verhältnis mit ihnen aufzubauen“, sagte Lehmann.

Ein Leben für Jesus und mit dem Blues

Der promovierte Theologe war von 1964 bis 1976 Pfarrer in Chemnitz, damals Karl-Marx-Stadt. Danach war er 22 Jahre lang Evangelist der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Zu seinen monatlichen Jugendgottesdiensten kamen regelmäßig mehrere tausend junge Menschen aus der ganzen DDR. Aus einer Evangelisation in der Leipziger Nikolaikirche gingen die montäglichen Friedensgebete hervor, die die Demonstrationen gegen das DDR-Regime begleiteten.

Lehmanns klare und pointierte Formulierungen in Predigten, Texten und Liedern sind ebenso ein Markenzeichen wie sein Humor. Zusammen mit Liedermachern wie Wolfgang Tost, Jörg Swoboda oder Lutz Scheufler, der sein Nachfolger als Evangelist der Sächsischen Landeskirche war, verfasste er zahlreiche Lieder. Bei Musikfesten und Evangelisationen trat er häufig mit ihnen gemeinsam auf. Die Verkündigung der biblischen Botschaft gehört ebenso zu Lehmanns Leidenschaft wie die fachliche Auseinandersetzung mit Blues, Jazz und afro-amerikanischer Musik. Über die Geschichte und Theologie von Negro-Spirituals schrieb er seine Doktorarbeit. Sein Buch „Blues and Trouble“ mit einem Vorwort von Martin Luther King war das erste Buch, das in der DDR zu diesem Thema erschien.

Daneben hat Lehmann weitere Fach- und Andachtsbücher veröffentlicht. 2005 erschien seine Autobiografie „Freiheit wird dann sein“. Für seine oppositionelle Haltung in der DDR erhielt er die Sächsische Verdienstmedaille. Die konservative Kirchliche Versammlung um Bibel und Bekenntnis verlieh Lehmann 2006 den Walter-Künneth-Preis. Am Donnerstag feiert der gebürtige Dresdner, Sohn von Indien-Missionaren, seinen 80. Geburtstag. Bis vor wenigen Monaten hat Lehmann noch auf öffentlichen Veranstaltungen gesprochen. Diesen Verkündigungsdienst hat er nun jedoch aus gesundheitlichen Gründen beendet. (pro)

Von: JSt

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