Was bleibt übrig, wenn ein Prediger die wichtigsten christlichen Vokabeln nicht mehr benutzen soll?
Was bleibt übrig, wenn ein Prediger die wichtigsten christlichen Vokabeln nicht mehr benutzen soll?

Erklärungsversuch: Predigen ohne „starke Worte“

In einem Interview in der Zeit-Beilage Christ und Welt versucht die Leiterin des Zentrums für Predigtkultur ihren jüngsten Vorschlag, in der Fastenzeit auf zentrale Begriffe des christlichen Glaubens zu verzichten, zu erklären. Das überraschende Ergebnis: Mit dem Vorstoß soll mehr Heiterkeit in die Kirchen einkehren.

An der Kritik von außen habe sie gemerkt, „wie codiert die religiöse Sprache“ sei, sagt die Leiterin des Zentrums für Predigtkultur, Kathrin Oxen, im Christ und Welt-Interview. „Es gibt offenbar Gemeinden, da muss man nur ‚Jesus!‘ rufen, und dann ist alles gut. Aber das Austauschen von Codewörtern kann nicht der Sinn einer Predigt sein.“ Die Interviewerin, Christiane Florin, hat die Aufforderung, Pfarrer sollten in der Fastenzeit auf starke Worte wie Christus, Gott, Leiden, Erlösung oder Liebe verzichten, zum Anlass genommen, bei der Zentrumsleiterin nachzuhaken. Kritik aus dem „evangelikalen Lager“ bewertet diese als Zuspitzung. Oxen fühlt sich missverstanden, dass „wir angeblich verboten hätten, über Gott und Jesus zu sprechen“. Auch pro hatte den Vorstoß kritisch kommentiert und die Meinung vertreten, dass sich die Grundpfeiler des christlichen Glaubens schlecht ohne die grundlegenden „starken Worte“ erklären ließen.

An das Spiel „Tabu“ gedacht

Florin vergleicht den Vorstoß des Zentrums für Predigtkultur mit dem Gesellschaftsspiel „Tabu“ und fragt, ob die evangelische Kirche lustiger werden wolle. „An dieses Spiel haben wir tatsächlich auch gedacht“, antwortet Oxen. „Es wäre ein schöner Nebeneffekt, wenn das Schreiben und das Hören einer Predigt Spaß machen könnten. Humor ist in der Fastenzeit nicht verboten.“

Gegenüber pro hatte sie von einer kreativen Herausforderung für die Pfarrer gesprochen. Wie genau diese aussehen soll, erklärt sie im Christ und Welt-Interview: „Von Jesus kann man lernen, dass man von Gott sehr anschaulich erzählen kann. […] Jesus spricht zum Beispiel nicht vom Himmelreich, sondern sagt: ‚Mit dem Himmelreich ist es wie ...‘.“ Handele eine Predigt zum Beispiel von Rettung, sollte die Frage beantwortet werden, wie es sich im Alltag anfühle, gerettet zu werden. Auf Florins Einwurf, dass auch Jesus beispielsweise die Bergpredigt gleich im dritten Satz hätte ändern müssen, um auf das „starke Wort“ Leid zu verzichten, antwortet Oxen: „Heutige Prediger sind eben nicht Jesus. Sie sollten sich Fragen stellen wie: Wer sind diejenigen, die Leid tragen? Bin ich das vielleicht selbst? Sie sollten versuchen, die großen Begriffe in kleinerer Münze auszuzahlen.“

Inhalt statt Worte

Oxen legt wert darauf, dass das Zentrum für Predigtkultur mit dem Vorstoß nicht verbiete, bestimmte Worte zu verwenden, sondern lediglich zum Verzicht auf sie aufrufe. „Die Fastenaktion ‚Sieben Wochen ohne‘ wird ja sehr positiv erlebt.“ Auf Florins Nachfrage, „Gott ist also verzichtbar wie Alkohol oder Fleisch?“ sagt Oxen, dass lediglich auf das Wort, nicht aber auf den Inhalt verzichtet werden sollte.

Ihr selbst falle es schwer, auf den Begriff „Hoffnung“ zu verzichten. Um die Ostergeschichte zu erklären, ohne das Wort „Auferstehung“ zu verwenden, schlägt sie vor, „die Geschichte des leeren Grabes zu erzählen. Der französische Soziologe Bruno Latour spricht in seinem Buch ‚Jubilieren‘ vom Verflüssigen. Das heißt ja nicht, dass der Begriff verschwindet, nur weil das starre Wort weg ist.“

Oxen erklärt weiter, dass das Problem vieler Prediger sei, nicht den Mut zu haben, „darüber zu sprechen“. Viele Prediger hätten Angst, sich durch Schilderungen des eigenen Erlebens angreifbar zu machen. Deswegen versteckten sie sich hinter Phrasen. „Wir möchten dazu ermutigen, dass der Prediger sich mehr zeigt.“

Andernfalls bestehe die Gefahr, dass Sprache ausgrenzend wirke. „Wenn sie anschaulich ist, ist das Risiko geringer, dass sie abschreckend wirkt“. (pro)

Von: str

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