(v.l.) Klaus Wowereit und Gianfranco Ravasi eröffenten den "Vorhof der Völker" in Berlin
(v.l.) Klaus Wowereit und Gianfranco Ravasi eröffenten den "Vorhof der Völker" in Berlin
Zollitsch: Kirche muss für Orientierung sorgen
Zollitsch: Kirche muss für Orientierung sorgen
Woelki:  „Der Vorhof der Völker möchte zeigen, dass der Kalte Krieg zwischen Gläubigen und Ungläubigen vorbei ist“
Woelki: „Der Vorhof der Völker möchte zeigen, dass der Kalte Krieg zwischen Gläubigen und Ungläubigen vorbei ist“

„Eine gottlose Stadt ist Berlin gewiss nicht“

Seit Dienstag treffen sich Katholiken und Atheisten in Berlin zum „Vorhof der Völker“. Zum Auftakt der Dialogveranstaltung stritten der Soziologe Hans Joas und der Philosoph Herbert Schnädelbach über Gott als Werteinstanz. Klaus Wowereit würdigte die religiöse Vielfalt der Hauptstadt.

Noch bis Donnerstag diskutieren Gläubige und Nichtgläubige ihre Weltanschauungen in verschiedenen Veranstaltungen, etwa zur Medizinethik, Blasphemie in der Kunst oder zu ethischem Humanismus. Die Reihe hatte der emeritierte Papst Benedikt XVI. im Jahr 2009 initiiert, nun findet sie erstmalig in Berlin statt. Der Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit, lobte bei der Eröffnung die Dialoginitiative der Katholischen Kirche. Berlin halte er als Veranstaltungsort für das Forum unter dem Thema „Freiheitserfahrungen mit und ohne Gott“ für besonders geeignet. Wowereit erinnerte an die „wechselvolle Geschichte von Freiheit und Unfreiheit“, die die Stadt durch den Mauerbau und -fall erlebt habe. Auch der Glaube spiele dafür eine große Rolle. 250 Religionsgemeinschaften beheimate die Metropole heute. „Eine gottlose Stadt ist Berlin gewiss nicht“, stellte er fest. Stattdessen weise sie eine besondere religiöse Vielfalt auf. Das sei Herausforderung und Bereicherung zugleich. „Berlin lebt von dieser Vielfalt“, sagte Wowereit und verwies auf Gläubige wie Nichtgläubige. Deshalb sei es eine wichtige Aufgabe der Politik, Grundrechte wie die Religionsfreiheit zu schützen. Übergriffe auf Andersdenkende jeglicher Überzeugung verurteilte er.

Diskurs statt Fundamentalismus

Erzbischof Robert Zollitsch erklärte, seine Kirche sehe eine Verpflichtung, in der Gesellschaft für Orientierung zu sorgen. Der Kurienkardinal der katholischen Kirche, Gianfranco Ravasi, sagte, seine Kirche habe sich auch für Berlin als Veranstaltungsort entschieden, „weil hier Postmodernes und Säkulares ganz massiv vorhanden ist“. Der Dialog solle dazu dienen, festgefahrene und fundamentalistische Positionen unter Gläubigen und Ungläubigen aufzulösen. Stattdessen sollten alle dazu kommen, ihre Überzeugungen kritisch abzuwägen.

Der Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Kardinal Woelki, sprach von einem Ringen Religiöser und Nicht-Religiöser um die Fragen nach der Wahrheit. „Der Vorhof der Völker möchte zeigen, dass der Kalte Krieg zwischen Gläubigen und Ungläubigen vorbei ist.“ Am Ende des „Vorhofs der Völker“ erwarte er zwar keine Einigung, wohl aber eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe in den kommenden Tagen. „Unsere Aufgabe als Glaubende ist es, die entscheidenden Fragen nach Gott wach zu halten“, sagte er und warnte: „Wo der Blick auf den Himmel verloren geht, wächst die Gefahr für den Menschen.“ Andererseits bedürfe der Glauben der Vernunft.

Agnostiker trifft Katholiken

Zum Auftakt diskutierten der katholische Soziologe Hans Joas und der agnostische Philosoph Herbert Schnädelbach über das Verhältnis von Gottesglauben und atheistischem Humanismus. Schnädelbach fragte, ob Gott sich überhaupt als Werte-Instanz eigne. Die Zehn Gebote etwa seien nicht exklusiv, sondern fänden sich auch in anderen Kulturen und Religionen. Er fragte zudem, warum die Vernunft des Menschen als Basis ethischer Willensbildung nicht ausreiche. „Was könnte ein transzendenter Gott an dieser Stelle noch hinzufügen?“

Joas erwiderte, eine allein menschliche Moral könne dazu führen, dass der Urheber sie in seinem eigenen Sinne gestalte und sich übervorteile. Letztlich werde aber niemand zu Gott finden, weil ihm jemand nachweise, dass er für ihn nützlich sei. „Der Weg zum Glauben muss ein anderer Weg sein“, sagte er.

Der Soziologe sprach sich dafür aus, weniger abstrakt über Religion zu sprechen, sondern Fragen des Glaubens und Unglaubens an konkreten Beispielen festzumachen. Ebensowenig wie es „die Religion“ gebe, existiere ein bestimmter Atheismus. Er sei vielfältig wie der Glaube. Ein Defizit des Christentums sei es, dass es nicht ausreichend habe vermitteln können, dass Gott kein Konglomerat von Regeln darstelle, sondern Freiheit schenke. Zugleich kritisierte er den heutigen Atheismus als „ermüdet“. (pro)

Von: al

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