Margot Käßmann zum Reformationsjubiläum: Klarmachen, dass es um ein weltweites Fest des Glaubens an Jesus Christus geht"
Margot Käßmann zum Reformationsjubiläum: Klarmachen, dass es um ein weltweites Fest des Glaubens an Jesus Christus geht"

„Freikirchen sind Teil der reformatorischen Bewegung“

530 Jahre wäre Martin Luther am Sonntag alt geworden. Die Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017, Margot Käßmann, bewundert im pro-Interview die Schaffenskraft des Reformators und verwahrt sich gegen Vorwürfe, ihre Kirche betone die negativen Seiten seines Schaffens zu stark.

pro: Wir befinden uns ziemlich genau in der Mitte der Lutherdekade, Sie selbst sind seit anderthalb Jahren Botschafterin für das Reformationsjubiläum – ganz ehrlich, können Sie den Namen Martin Luther noch hören?

Margot Käßmann: Mir macht es immer mehr Freude, weil das Interesse so groß ist. Ich habe diese Woche beispielsweise bei evangelischen Unternehmern in Hamburg gesprochen und beim Bundessozialgericht in Kassel. Ich finde es großartig, wenn unsere Kirche mit ihren Themen auch in nichtkirchlichen Bereichen Interesse findet.

pro: Entdecken Sie heute noch Neues am Reformator?

Margot Käßmann: Immer wieder. Luther hat ja unendlich viel schriftlich hinterlassen. Ich wundere mich immer, wie er das gemacht hat – ohne Computer. Die Schaffenskraft gerade seiner frühen Jahre ist für mich weiterhin beeindruckend. Seine Gedanken sind und bleiben aktuell. Ich habe gerade vor meinem Vortrag bei den Hamburger Unternehmern Luthers Äußerungen zu Wucher und Zins gelesen. Schon damals sagte er, der Mensch könne doch nicht allein davon leben, dass das Geld sich vermehrt.

pro: Im Themenjahr Reformation und Toleranz hat sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit den Schattenseiten der Reformation beschäftigt. Luther gilt als Juden- und Moslemfeind. Auch die Täufer, eine Vorläufergruppe der heutigen Mennoniten, lehnte er ab. Was für ein Problem hatte Luther mit solchen „Wiedertäufern“?

Margot Käßmann: Luther war ein Kind seiner Zeit. Und ja, beim Thema Kindertaufe war er nicht tolerant. Mir war wichtig, dass wir diese Schattenseiten der Reformation in einem der Themenjahre zeigen, auch, weil mich immer wieder Menschen fragen, wie ich einen Menschen feiern kann, der so viele negative Seiten hat. Dazu sage ich: Wir feiern ihn nicht blind. Als Nachkommen der Reformation nehmen wir das gesamte Erbe an. So hat es 2010 zum Beispiel einen Buß- und Versöhnungsgottesdienst mit dem Lutherischen Weltbund und den Mennoniten gegeben. Im Oktober bei der Ökumenischen Versammlung der deutschen evangelischen Kirchen mit ihren Partnerkirchen in der Schweiz waren auch Mennoniten beteiligt. Das finde ich bedeutsam.

pro: Prägt dieses Erbe das Verhältnis der EKD zu den Freikirchen noch heute?

Margot Käßmann: Ich denke, das Thema Taufe bleibt aktuell. 2007 haben sich Katholiken, Protestanten und Orthodoxe in Deutschland geeinigt, die Taufe wechselseitig anzuerkennen. Da konnten die Baptisten nicht unterschreiben. Das finde ich traurig. Auch, wer Kinder aus theologischen Gründen nicht taufen möchte, sollte meiner Meinung nach nicht ein zweites Mal taufen, sondern in einer Zeremonie an die erste Taufe erinnern. Da bleibt also Diskussionsbedarf, vor allem zwischen EKD und Baptisten.

pro: Nikolaus Schneider sagte jüngst: „Die Lerngeschichte der Toleranz ist, trotz aller Fortschritte, nicht abgeschlossen.“ Was muss die EKD denn noch lernen?

Margot Käßmann: Es ist wichtig, dass wir die deutschen Freikirchen als Teil der reformatorischen Bewegung sehen. Deshalb hat es mich gefreut, dass bei der Ökumenischen Versammlung nicht nur Mennoniten, sondern auch Methodisten beteiligt waren. Wir haben ein gemeinsames Erbe. Es gibt zwar manche Spannungen bis heute, aber andere konnten wir auch versöhnen, etwa zwischen Reformierten und Lutheranern. Es gibt heute Abendmahlsgemeinschaften, etwa mit den Methodisten. Das zeigt doch, dass wir Spaltungen überwinden konnten. Das ist mir ein tiefes Anliegen. Wenn uns von außen vorgeworfen wird, der Protestantismus spalte sich ständig, dann müssen wir das ernst nehmen. Wir müssen im Dialog bleiben und zeigen: Wir sind gemeinsam evangelisch mit unterschiedlichen Akzentuierungen. Es liegt eine kreative Kraft in dieser Vielfalt.

pro: Ganz aktuell wirft Ihnen der Kirchenjournalist Wolfgang Thielmann vor, Sie als Reformationsbotschafterin und der Rat der EKD als solcher machten nicht klar, was es an der Reformation überhaupt zu feiern gebe. Stattdessen verlören Sie sich in Vergangenheitsbewältigung und Aufarbeitung lutherischer Fehltritte...

Margot Käßmann: Das offenbart einen sehr eingeschränkten Blick. Wir hatten 2013 dieses Themenjahr Reformation und Toleranz, da stand das logischerweise im Vordergrund. Immer wieder spreche ich in Vorträgen darüber, warum wir feiern können, sowohl protestantisch als auch gemeinsam vor ökumenischem Horizont. Ich kann Herrn Thielmanns Sicht nicht nachvollziehen, anscheinend bekommt er wenig davon mit, was in der EKD läuft.

pro: Was gibt es also zu feiern?

Margot Käßmann: Wir können feiern, dass mit der Reformation die Freiheit des Glaubens, des Einzelgewissens, sinnbildlich geworden ist und eine Bewegung ausgelöst hat, die Spuren bis hin zu unserer Verfassung hinterlassen hat: Redefreiheit, Meinungsfreiheit zum Beispiel. Der Einzelne darf frei denken. Das war eine Umwälzung. Luther hat eine Bildungsbewegung in Gang gesetzt, die wir bis heute spüren. Jeder darf, kann und soll selbst nachlesen, selbst nachfragen. Das wappnet uns gegen Fundamentalismus. Fragen gehört zum evangelischen Glauben dazu. Gleichzeitig hat Luther sich auf die Bibel rückbezogen und gesagt: Kein Dogma und kein spirituelles Erleben geht über das dort Geschriebene. Da liegt die Quelle unseres Glaubens. Das können wir feiern bis heute.

pro: 2014 beginnt das Themenjahr Reformation und Politik. Was hätte Luther zum heutigen Staat-Kirche-Verhältnis zu sagen?

Margot Käßmann: Das ist natürlich ein Stück weit spekulativ, aber ich könnte mir vorstellen, dass er recht zufrieden wäre. Vom guten und konstruktiven Verhältnis zwischen Kirche und Staat haben beide Seiten etwas. Ein Staat braucht eine starke Kirche, denken Sie allein daran, was Diakonie und Caritas leisten. Evangelische Kindertagesstätten und Kindergärten leisten einen substanziellen Beitrag, um dieses Land zusammenzuhalten.

pro: Das schließt Kirchensteuer und Staatskirchenleistungen ein?

Margot Käßmann: Die Kirchensteuern sind ja keine Staatsleistungen. Der Staat zieht sie für die Kirchen ein, das ist der Konsens zwischen unserer Kirche und ihren Mitgliedern. Dafür wird der Staat bezahlt und das ist für die Kirchen günstiger, als es selbst zu machen. Was die Staatsleistungen angeht, ist die Evangelische Kirche gesprächsbereit.

pro: Gibt es etwas, auf das Sie sich in den verbleibenden vier Jahren Lutherdekade noch besonders freuen?

Margot Käßmann: Ich freue mich ganz besonders darauf, dass wir dieses Mal kein deutsches Lutherjubiläum feiern, sondern es ein internationales Fest mit ökumenischem Horizont wird. Ich bekomme Anfragen aus der ganzen Welt dazu. Das wäre für mich der wichtigste Akzent: Klarzumachen, dass es um ein weltweites Fest des Glaubens an Jesus Christus geht.

Pro: Frau Käßmann, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Anna Lutz.

Von: al

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