Sophia Magdalena Scholl, die oft nur Sophie genannt wurde, kam am 9. Mai 1921 in Forchtenberg zur Welt. Als Studentin engagierte sie sich in der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Nach einer Flugblatt-Aktion an der Universität München wurde sie verhaftet und am 22. Februar 1943 hingerichtet.

Sophia Magdalena Scholl, die oft nur Sophie genannt wurde, kam am 9. Mai 1921 in Forchtenberg zur Welt. Als Studentin engagierte sie sich in der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Nach einer Flugblatt-Aktion an der Universität München wurde sie verhaftet und am 22. Februar 1943 hingerichtet.

„Christlicher Glaube war entscheidend für ihren Widerstand“

Im kommenden Jahr würde die Widerstandskämpferin Sophie Scholl 100 Jahre alt. In einer aktuellen Biographie über sie greift der Hamburger Pfarrer Robert M. Zoske auf neues Quellenmaterial zurück. Wichtig ist ihm zu zeigen, dass das Engagement der Scholls eindeutig von christlich-ethischen Motiven geprägt war.

pro: Was fasziniert Sie am meisten an Sophie Scholl?

Robert M. Zoske: Es ist dieselbe Faszination, die ich bei der Beschäftigung mit ihrem Bruder Hans gespürt habe. Ich sehe bei beiden eine ganz große Übereinstimmung zwischen Glauben und Tun. Sie hatten einen starken Glauben und wollten sich nicht zurückziehen, sondern als Christen handeln. Trotz all ihrer Schwächen sind sie Vorbilder. Sie zeigen, wie auch junge Menschen ihren christlichen Glauben leben und gesellschaftliche Impulse setzen können.

Welche Eigenschaften beschreiben Sophie Scholl am besten?

Fromm, unbedingt und zögerlich. Die Frömmigkeit hat ihr ihre Mutter vermittelt, die Diakonisse gewesen war. Das Unbedingte ist wie bei Hans ein Teil der Erziehung durch den Nationalsozialismus. Man dachte, dass es schlecht sei, Kompromisse zu schließen. Als junges Mädchen meinte sie meistens genau zu wissen, was richtig ist. Ihr Engagement im Nationalsozialismus förderte dieses Denken. Das Zögerliche trat in den Vordergrund, als sie sich durchrang, etwas gegen das Regime zu tun. Das war ein langer Prozess, der ihr schwer fiel. Dass sie doch aktiv wurde, hat sicherlich mit ihrem Glauben zu tun. Er hat letztlich dazu geführt, dass sie in den Widerstand ging, „den Sprung wagt“, wie sie schreibt. Sie will sich hineinstürzen und dem Schutz von Gottes Engeln vertrauen.

Was hatte Sophie Scholl für eine Kindheit?

Sophies Vater hat sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet. Er ging in seinem Beruf als Bürgermeister und später als Unternehmens- und Steuerberater auf. Die Erziehung der Kinder überließ er größtenteils seiner Frau Magdalene. Sie hatte gelobt, als Diakonisse ehelos zu leben und hat sich davon für ihren Mann Robert gelöst. Aber sie brach nicht mit ihrem Glauben. Als Diakonisse wollte sie dem Nächsten dienen. Das hat sie dann in der Familie gelebt. Auch ihre Krankheitsphasen erschütterten ihren Glauben nicht.

Wie war die Familie Scholl eingestellt?

Der Vater war politisch interessiert. Es wird berichtet, dass er von Anfang an gegen den Nationalsozialismus gewesen sei. Das halte ich für eine Übertreibung. Er war gegen den Nationalsozialismus als Massenorganisation. Er glaubte, dass sich die große Menge leicht verführen lässt, aber gleichzeitig hat er sich mit dem Nationalsozialismus arrangiert, weil er auch eine Familie zu ernähren hatte. Die Quelle des Widerstandes von Sophie und Hans war schon die Individualität der Eltern, aber ganz deutlich ein tiefer frommer Glaube.

Welche Rolle spielte im Erwachsenwerden die Religion? Konfirmation und gleichzeitiges Engagement bei den Jungmädels schienen für Sophie ja kein Widerspruch zu sein.

Gustav Oehler, der Sophie Scholl konfirmiert hat, war auch Pastor für die Hitler-Jugend. Sophie und ihre Geschwister sahen, dass das offenbar kein Widerspruch war. Die Kirche erlebte einen neuen Aufschwung und Adolf Hitler wurde als von Gott gesandter Führer interpretiert. Wenn das gestandene Theo­logen so sehen, warum sollte ein 14-jähriges Mädchen daran zweifeln? Sophie war bis 1941 weiter im Bund Deutscher Mädel (BDM, Anm. d. Red.) aktiv. Sie forderte in jenem Jahr noch andere dazu auf, sich dort zu engagieren. Ihre Schwester Inge hat Sophies angeblich frühe Abkehr von der Hitler-Jugend immer wieder kolportiert. Zwar begann sie ab Herbst 1937 nach der kurzzeitigen Verhaftung ihrer Geschwister ein wenig zu zweifeln und die Sache kritisch zu sehen, aber selbst 1941 war sie noch nicht die Widerständlerin, die gesagt hat: „Hitler muss weg“.

Welches Gottesbild hatte Sophie Scholl?

Sie hatte ein eindeutig christliches Gottesverständnis. In der Vorschule wurden ihr biblische Geschichten erzählt. Ihre Mutter nahm sie mit in den Kindergottesdienst. Wenn sie später in ihren Tagebüchern mit Gott ringt, dann ist das der Vater Jesu Christi. Später im Widerstand schreibt sie, dass Jesus Christus für sie das Rettungsseil sei, das Gott ihr zugeworfen habe. Daran klammere sie sich, um nicht im Angstmeer zu versinken. Christlicher geht es nicht.

Welche Person aus ihrem Umfeld hat Sophie am meisten geprägt?

An erster Stelle steht eindeutig die Mutter. Dann kommt der Vater und dann die Diskussionen innerhalb der Familie – mit ihren Eltern und den Geschwistern. Als sie sich in BDM-Uniform konfirmieren ließ, wollte sie zeigen, dass für sie der christliche Glaube und der Nationalsozialismus zusammen passen. Was für uns heute befremdlich ist, war damals für viele Menschen normal.

Robert M. Zoske, Jahrgang 1952, war bis zu seiner Pensionierung mehr als 30 Jahre lang Pfarrer in der Nordkirche. Ende November erschien sein Buch: „Sophie Scholl: Es reut mich nichts. Porträt einer Widerständigen“, Propyläen, 448 Seiten, 24 Euro, ISBN 97835491001892014. Seine Doktorarbeit verfasste er über Hans Scholl und dessen religiöse Motivation.

Robert M. Zoske, Jahrgang 1952, war bis zu seiner Pensionierung mehr als 30 Jahre lang Pfarrer in der Nordkirche. Ende November erschien sein Buch: „Sophie Scholl: Es reut mich nichts. Porträt einer Widerständigen“, Propyläen, 448 Seiten, 24 Euro, ISBN 97835491001892014. Seine Doktorarbeit verfasste er über Hans Scholl und dessen religiöse Motivation.

Ab wann hat Sophie den Bruch mit dem Nationalsozialismus vollzogen?

Es gibt kein konkretes Datum, sondern es ist eine allmähliche Entwicklung. Zunächst war sie begeistert, später dann kritisch und distanziert. Irgendwann war sie der Illusion beraubt, dass der National­sozialismus Zukunft hat. Klar vor Augen geführt wird ihr das Versagen des Staates in Blumberg. In der badischen Kleinstadt leistete sie 1941/42 ihren sechsmonatigen Kriegshilfsdienst im Kindergarten.

Was ist dort vorgefallen?

Das Dorf wuchs überdimensional, weil die Nazis dort Erz förderten. Nach den deutschen Eroberungen wurde es aber andernorts effizienter und billiger abgebaut. Tausende Mitarbeiter standen von heute auf morgen auf der Straße. Das hat Sophie Scholl miterlebt und verstanden, dass die Wirtschaftspolitik der Nazis keine Rücksicht auf Mensch und Natur nimmt. Sophie liebte die Natur und die wurde jetzt zerstört, um ein paar Reste Erz zu fördern.

Es gibt auch historische Dokumente, die den Bruch mit dem Nationalsozialismus belegen…

Ja, Fritz Hartnagel, mit dem sie mehr als fünf Jahre sehr eng verbunden war, hat sich nach dem Krieg erinnert, dass Sophie ihn wohl im Mai 1942 gebeten hat, einen Bezugsschein für einen Vervielfältigungsapparat zu besorgen. Außerdem lieh Hartnagel ihr die beträchtliche Summe von 1.000 Reichsmark. Daraus lässt sich schließen, welche Pläne Hans und Sophie hatten.

Wie war das Verhältnis zwischen den beiden?

Hans Scholl hatte für den Widerstand eine größere Bedeutung als Sophie. Ohne ihn hätte es die „Weiße Rose“ nicht gegeben. Sophie war erst ab Herbst 1942 ganz wesentlich beteiligt. Ohne sie hätte es den zweiten Teil des Widerstandes mit den Flugblättern 5 und 6 so nicht gegeben. Sie organisierte Papier, Briefmarken und Geld. Aber der Initiator und Lenker war Hans.

Das Verhältnis der Geschwister war nicht immer einfach.

Das stimmt. In einem Briefwechsel mit einer Freundin beschreibt sie Hans als sehr sprunghaft und vergleicht ihn mit einem Chamäleon. In München wolle sie sich neben ihn stellen und ihm Standfestigkeit geben. Sie meinte, ihn bemuttern zu müssen. Als Hans nach Russland musste, schreibt sie von einem schmerzhaften Abschied. In der Widerstandsarbeit sind sie eng zusammengerückt.

Sophie Scholl ging ihrem Tod relativ gelassen entgegen, war aber auch eine Suchende. Stimmt das?

Für mich gehört es zum Ergreifendsten, was ihre Mutter Magdalene zweimal schildert. Als sie Sophie kurz vor der Hinrichtung das letzte Mal sah, sagte Magdalene zu ihr: „Aber gelt, Jesus.“ Sophie habe geantwortet: „Ja, aber du auch.“ Und sie hätte das „überzeugend“, fast „befehlend“ gesprochen, sagt ihre Mutter. Sie bestätigt also den fromm-pietistischen Glauben der Mutter. Aber sie macht ihrer Mutter klar, dass auch sie glauben darf und etwas gegen das Regime tun kann. Da kommt beides zusammen: Glaube und Tat. Und bei allen Zweifeln ist Jesus ihr fester Anker und Halt.

Was hat das Sterben der Geschwister mit den Angehörigen gemacht?

Ihre Schwester Inge Scholl hat das Bild von Sophie stark geprägt. Sie hat ihr Leben ihren toten Geschwistern gewidmet. Die ganze Familie musste mit dem Erlebten umgehen. Sophies Vater war dem christlichen Glauben gegenüber ­distanziert. Als er in Sippenhaft kommt, schreibt er in Briefen, dass er betet. Wie lange das angehalten hat, ist nicht klar. Die Mutter hat immer betont, dass alles so gekommen ist, wie Gott es wollte. Ihre Kinder müssten sich keine Vorwürfe machen, weil sie alles aus reinem Herzen gemacht hätten. Sie sieht in den Ereignissen Gottes Vorsehung und weiß sich in seiner Liebe geborgen.


Wofür steht aus Ihrer Sicht die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“?

Ihr Engagement ist christlich-ethisch. Der christliche Glaube ist eindeutig konstitutiv für ihren Widerstand. Sie brauchten etwas, das sie dem Nationalsozialismus entgegensetzen konnten, und das war ihr Glaube. Politisch waren die sechs Freiheitskämpfer der „Weißen Rose“ keine homogene Gruppe. Geeint hat sie die Ablehnung des Nationalsozialismus. Wenn sie nach einem Umsturz den weiteren Fortgang hätte planen wollen, wäre das politisch schwierig geworden.

Mit biblischen Motiven…

Die „Weiße Rose“ ist ein Ruf zur Umkehr und zum Umdenken. Im Markus-Evangelium sagt Jesus: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ Das ist einer der Kernsätze des Evangeliums. Diese Zielrichtung kommt auch in den Flugblättern stark zum Ausdruck. Christen können dem Regime nicht zuschauen oder sich zurückziehen. Sie müssen handeln. Für mich ist der Widerstand der „Weißen Rose“ ein Aufruf zum Sinneswandel und zur Denkwende. Das geht von allen ihren Taten aus.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Johannes Blöcher-Weil

Dieser Text erschein zuerst in der Ausgabe 6/2020 des Christlichen Medienmagazins pro. Sie können das Heft kostenlos online bestellen oder telefonisch unter 06441/56677-00.

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