Immer mehr Menschen gehen in Belarus gegen Präsident Alexander Lukaschenko auf die Straße

Immer mehr Menschen gehen in Belarus gegen Präsident Alexander Lukaschenko auf die Straße

„Die aktuelle Situation fordert alle Kirchen heraus“

Belarus hat gewählt – die Wahl endete offiziell mit einem haushohen Sieg des Amtsinhabers Alexander Lukaschenko. Doch dass das Volk wirklich eine Wahl hatte, bezweifeln viele neutrale Beobachter der Situation in der „letzten Diktatur“ Europas. Die Münsteraner Theologin und Religionspädagogin Yauheniya Danilovich, die aus Belarus stammt, hat im Gespräch mit pro die Ereignisse und die andauernden Proteste bewertet.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die Wahlergebnisse?

Bereits vor den Wahlen habe ich die Situation in Belarus als sehr ungewöhnlich wahrgenommen. Die Menschen waren entschlossen, den Status quo zu verändern. Sie wollten nicht länger in einem Land leben, das die Würde der Bevölkerung verletzt und in den staatlichen Medien dreiste Propaganda verbreitet. Die Menschen wünschen sich demokratische Strukturen und keine Atmosphäre von Angst und Kontrolle. Das gesellschaftliche Klima war sehr solidarisch. Obwohl Kandidaten und Kandidatinnen bereits vor den Wahlen unterdrückt oder verhaftet wurden, haben die Menschen an ihrem Willen nach Veränderung festgehalten.

Wie haben Sie den Wahltag selbst wahrgenommen?

Die sehr hohe Wahlbeteiligung hat für lange Schlangen vor den Wahllokalen im In- und Ausland gesorgt. Umso enttäuschender waren die Wahlergebnisse für mich und die Mehrheit der Bevölkerung. Wir waren enttäuscht, weil unsere Stimme schon wieder nicht gezählt hat und weil das Recht auf freie und faire Wahlen mit Füßen getreten wurde. Ich wäre überrascht gewesen, wenn das Wahlergebnis anders ausgefallen wäre. Aber Alexander Lukaschenko hat über Jahrzehnte konsequent einen funktionierenden Machtapparat aufgebaut. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er die Wahlen in diesem Jahr nicht fälschen lässt. Deswegen habe ich das Ergebnis enttäuscht zur Kenntnis genommen. Traurig und wütend hat mich die maßlose, willkürliche und in aller Hinsicht unmenschliche Gewalt gegen den Protestierenden gemacht, insbesondere in den ersten Tagen nach den Wahlen.

Welches sind die drängendsten Probleme des Landes?

Belarus ist seit langem in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Die Corona-Krise hat das Land schwer getroffen. Bislang hat das Virus mehr als 71.000 Menschen infiziert. Das ist für ein Land mit 9,5 Millionen Einwohnern eine sehr hohe Zahl. Hinzu kommt jetzt noch die politische Krise.

Belarus gilt als die letzte „Diktatur Europas“. Wie frei können Menschen ihren Glauben ausleben?

Hier regelt das Gesetz „Über Glaubensbekenntnisse und religiöse Organisationen“ das Verhältnis zwischen Staat und Religionsgemeinschaften. Doch nicht alle Konfessionen profitieren davon in gleichem Maße. In den letzten Jahrzehnten gab es eine enge Kooperation zwischen dem Staat und der weißrussischen orthodoxen Kirche, etwa in den Bereichen Bildung und soziale Arbeit. Andere christliche Gemeinschaften mussten immer wieder Hindernisse in Kauf nehmen. So können Lutheraner und Katholiken den Bedarf an Klerikern nur ganz schwer decken. Sie haben große Probleme, Kleriker aus dem Ausland nach Belarus zu den Gottesdiensten einzuladen. Freikirchen stehen immer wieder vor der Herausforderung, ihre Gemeinden zu registrieren. In der letzten Zeit haben auch die katholischen Gemeinden ähnliche Probleme. Sie dürfen nicht alle Spenden aus dem Ausland empfangen oder müssen dafür eine 18-prozentige Steuer entrichten. Sachspenden sind mit einem hohen Maß an Bürokratie verbunden. Alle Veranstaltungen, die keine Gottesdienste sind, müssen mit der Stadtverwaltung separat abgesprochen werden.

Wie beeinflusst dies das kirchliche Leben?

Grundsätzlich vertreten offiziell alle christlichen Gemeinschaften eine neutrale Einstellung gegenüber der Politik. Die aktuelle Situation fordert alle Kirchen heraus, Farbe zu bekennen. Ich habe den Eindruck, dass die Kirchenmitglieder erwarten, dass sich ihre Kleriker positionieren. Die Proteste haben nicht nur mit Politik zu tun. Aus meiner Sicht überlappen sich mehrere Ebenen und Themen. Zum einen wollen die Menschen ihre elementaren, durch die Verfassung garantierten Rechte zurück erkämpfen. Zum anderen hat die weißrussische Bevölkerung viele Themen und Werte neu für sich entdeckt. Relevant erscheinen die Fragen der Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Würde des Menschen sowie Solidarität und Freiheit. Zu all diesen Themen können und müssen die christlichen Kirchen ihre Perspektiven ins Gespräch bringen. Und zwar in einer Sprache, die an die Lebenswelt der Menschen anknüpft und nicht an dieser vorbei schleicht.

Spielen christliche Gemeinschaften bei den Protesten eine Rolle?

Auf jeden Fall. Die Rollen sind sehr unterschiedlich innerhalb der christlichen Gemeinschaften und entwickeln sich sehr dynamisch. Einige Kleriker, Priester und Bischöfe haben bereits vor den Wahlen eine mögliche Wahlfälschung und die Demütigung der Menschen kritisiert. Bei den Demonstrationen waren auch Priester unterschiedlicher Konfessionen dabei. Nach den Wahlen und der massiven Gewalt der ersten Tage wurde in Minsk ein tägliches ökumenisches Gebet mit anschließender Prozession organisiert. Einzelne Priester und auch der vor kurzem noch tätige orthodoxe Metropolit Pavel Ponomarew haben verletzte Menschen in den Krankenhäusern oder Festgenommene in der Untersuchungshaft besucht. Der Erzbischof meiner Heimatstadt Grodno, Artemi Kishhenko, hat die extreme Gewalt gegen Protestierende bei den Festnahmen und in der Haft sehr scharf kritisiert. Einige Kirchen zeigen ihre Solidarität, indem sie ihre Glocken läuten. Viele Kleriker äußern sich in den sozialen Netzwerken gegen Gewalt. Einige bekannte Persönlichkeiten haben ihre Position gegen die Gewalt aus explizit christlicher Perspektive vertreten. Die Theologen thematisieren die Ereignisse in ihren Predigten. Ich habe den Eindruck, dass die gesamte Situation die Frage nach der Würde des Menschen noch einmal völlig neu stellt.

Dürfen die Christen in Belarus ungehindert Gottesdienste feiern?

Die Gottesdienste finden im Land nach wie vor statt.

Stehen die Kirchen geschlossen hinter dem Protest?

Nein, andere Priester zeigen sich loyal zur Regierung und nehmen an deren Kundgebungen teil. Manche versuchen Verständnis für beide Seiten der Proteste zu finden. Es gibt auch etliche, die sich zu den Geschehnissen explizit nicht positionieren. Dieses Schweigen ist für mich auch eine Position. Am 21. August gab es eine Menschenkette zwischen Kurapaty und dem Gefängnis Okrestina. In Kurapaty hatte die sowjetische Geheimpolizei zwischen 1937 und 1941 Tausende Menschen ermordet und in Massengräbern verscharrt. Im Gefängnis Okrestina in Minsk ging die Regierung nach den Wahlen besonders brutal gegen die Festgenommenen vor. Diese Aktion trug den religiös konnotierten Namen „Kette der Buße“. Daran nahmen viele Menschen mit christlichen Symbolen, Plakaten mit Bibelzitaten, Ikonen und Kreuzen teil. Die Menschen sehen viele Parallelen zwischen den jetzigen Repressionen seitens der Regierung und denen zu den stalinistischen Zeiten. An unterschiedlichen Orten fanden in den letzten Wochen interreligiöse und ökumenische Gebete für den Frieden statt. In meiner Heimatstadt Grodno gab es eine Gebetsprozession, unter anderem auf dem Ort des ehemaligen jüdischen Ghettos. Dabei beteten orthodoxe, katholische, unierte, evangelisch-lutherische Christen, Mitglieder der Freikirchen und jüdischen Gemeinden gemeinsam. Die einzelnen Kirchen rufen ihre Gemeinden zum Gebet für den Frieden in Belarus auf.

Ein Beitrag auf arte sprach davon, dass die Regierung Telefon- und Internetverbindungen gekappt hat. Ist dadurch nicht eine Eskalation vorprogrammiert?

In den ersten Tagen nach den Wahlen gab es tatsächlich keine Internetverbindung. Die Menschen in Belarus sowie ihre Verwandten und Bekannten im Ausland waren sehr verunsichert. Inzwischen hat sich die Situation mit dem Internet gebessert. Aber die Regierung sperrt immer wieder Nachrichtenseiten im Internet und verletzt damit das Informationsrecht. Die Bevölkerung hat gelernt, den staatlichen Medien nicht zu vertrauen. Durch soziale Netzwerke, YouTube oder über Nachrichtendienste informieren sich Menschen gegenseitig. Die Menschen haben in dieser Krise eine aktive Medienkompetenz erworben: Wer ein Handy in der Hand hat, wird zum Kameramann und Journalisten, während die Regierung gegen hauptberufliche Journalisten hart vorgeht. Die Menschen recherchieren selbst nach den Informationen und teilen diese gegenseitig, damit sich jeder ein eigenes Bild von den Geschehnissen machen kann. Menschen in Belarus sind Zeugen und Berichterstatter zugleich. Viele Gemeinden nutzen Livestreams der Gottesdienste.

Es gibt auch Einschränkungen der Meinungs-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, Oppositionelle verschwinden. Inwiefern kann die Kirche ein Schutzraum sein?

Die Ereignisse der letzten Wochen haben gezeigt, dass auch die Kirchen vor dem Regime schutzlos sind. Am 15. August hat sich die Synode der weißrussischen orthodoxen Kirche an ihre Gläubigen gewandt. Die Kirche verurteilt darin kategorisch die Gewalt, Folter, Demütigung, grundlose Festnahmen, Extremismus in allen Formen und Lüge. Zugleich rief sie die Menschen dazu auf, die Konfrontation zu beenden. Einen Tag später hat Erzbischof Kishhenko in seiner Predigt die Polizeigewalt gegen die Demonstranten scharf kritisiert. Diese Predigt hat eine hohe Resonanz bekommen.

Und wie haben die Machthaber reagiert?

Als Lukaschenko am 22. August Grodno besucht hat, hat er sich über die Positionen einiger Konfessionen gewundert. Den Klerikern hat er vermittelt, dass diese ihr Ding machen und sich nicht in die Politik einmischen sollen. Lukashenko hat auch klar gemacht, dass der Staat das nicht gleichgültig beobachten wird. Drei Tage später hat das Oberhaupt der Belarussischen Orthodoxen Kirche Metropolit Pavel Ponomarew sein Amt niedergelegt und ist durch die Synode in eine andere russische Diözese versetzt worden. Vorher hatte er verletzte Demonstranten im Krankenhaus besucht. Am 26. August haben Spezialeinsatzkräfte Protestierende in einer katholischen Kirche in Zentrum von Minsk eingesperrt, während dort ein Gottesdienst stattfand. Dieses Vorgehen hat der katholische Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz einen Tag danach scharf kritisiert, weil damit die Religionsfreiheit verletzt wurde. Er hat auch in einem Interview mit einem polnischen christlichen Sender seine Bedenken in Bezug auf die Wahlen ausgedrückt. Am 31. August haben die Grenzschutz-Beamten ihm die Einreise nach Belarus grundlos verweigert, obwohl er belarussischer Staatsbürger ist. Sehr viele sehen darin unmittelbare Repressionen der Regierung gegen der Kirche, die nicht still bleibt.

Wie können Christen von außerhalb den Menschen helfen?

Sehr lange war Belarus für viele ein Fremdwort. Durch die Ereignisse der vergangenen Wochen ist es in aller Munde. Medien berichten täglich über die friedlichen Proteste und die Gewalt seitens der Regierung. Ich denke, dass es sehr wichtig ist, dass Christen in anderen Ländern sich über die aktuelle Situation der Kirchen in Belarus immer wieder informieren. Weltweit, darunter auch in vielen deutschen Städten, fanden bereits Solidaritätsaktionen für Belarus statt. Sie geben ein sichtbares Zeichen dessen, dass die Menschen, die momentan für elementare Rechte kämpfen, nicht allein sind. Informationen über die Lage der Kirchen vor Ort und das Gebet für Belarus in den christlichen Gemeinden können ein solches Zeichen sein. Nicht nur als Solidaritätsadresse an die friedlich Protestierenden, sondern auch als Zeichen der Bewusstheit für die weltweite ökumenische Verbundenheit der Christen, die keine Landesgrenzen und keine Diktatur brechen kann.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Johannes Blöcher-Weil

Yauheniya Danilovich arbeitet am Seminar für Praktische Theologie und Religionspädagogik der Universität Münster. Sie stammt aus Weißrussland.

Yauheniya Danilovich arbeitet am Seminar für Praktische Theologie und Religionspädagogik der Universität Münster. Sie stammt aus Weißrussland.

Weißrussland ist ein multikonfessionelles und multireligiöses Land. Insgesamt sind 26 verschiedene Konfessionen und Religionsgemeinschaften registriert. Laut offiziellen Angaben bezeichnen sich knapp 60 Prozent der Bevölkerung als gläubig. Davon sind etwa 82 Prozent orthodox, zwölf Prozent katholisch und 6 Prozent Angehörige anderer Religionen und Konfessionen. Neben der orthodoxen und katholischen Kirche gehören die Lutherische Kirche, der Islam und das Judentum zu den traditionellen Glaubensgemeinschaften. In einigen Städten lag der Anteil der jüdischen Bevölkerung vor dem Zweiten Weltkrieg bei 70 bis 80 Prozent. Die Präsenz der Freikirchen und anderer Religionsgemeinschaften ist insbesondere in den vergangenen 20 Jahren signifikant gestiegen.

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