Im Video-Chat sprach der Theologe Johannes Hartl mit dem Präsidenten der österreichischen „Plattform Christdemokratie“ über das Thema Christen in der Politik.

Im Video-Chat sprach der Theologe Johannes Hartl mit dem Präsidenten der österreichischen „Plattform Christdemokratie“ über das Thema Christen in der Politik.

„Politiker werden immer theologischer, Theologen immer politischer“

Christen sollten sich in der Politik engagieren, allerdings braucht es dafür keine explizit christliche Partei. Davon ist der Theologe und Gründer des Gebetshauses in Augsburg, Johannes Hartl, überzeugt. Dem österreichischen Verein „Plattform Christdemokratie“ gab Hartl ein im Internet übertragenes einstündiges Interview zum Thema Glaube und Gott in der Politik.

Die Vorstellung von einer „christlichen Politik“ findet der Theologe Johannes Hartl „eigenartig“; vielmehr gebe es immer wieder Menschen, die Christen seien und sich als Politiker betätigten. „Es nervt mich ein bisschen, wie moralisiert und teilweise theologisiert Politik wird“, sagte Hartl im Gespräch mit dem österreichischen Verein „Plattform Christdemokratie“. „Ich habe den Eindruck, die Politiker werden immer moralinsaurer und theologischer, und die Theologen und Bischöfe werden immer politischer.“ Der Präsident von „Plattform Christdemokratie“, Jan Ledóchowski, hatte den Gründer des Gebetshauses Augsburg zum Thema „Glaube und Gott in der Politik. Wie Gebet unser Land verändert“ interviewt. Das Gespräch wurde live auf Facebook und YouTube übertragen, und Nutzer konnten über das Internet Fragen einreichen.

Hartl begrüßte es, wenn Menschen „aus ihrer christlichen Grundüberzeugung hinaus sich in Politik einbringen“. Der Philosoph und Theologe hält jedoch nichts davon, wenn alle diese christlichen Politiker in einer einzigen Partei versammelt würden. „Das könnte sogar schädlich sein, weil manche brennenden Zeitfragen sind sehr komplex.“ Hartl weiter: „Es ist lustig zu sehen, wer alles weiß, wen Jesus wählen würde.“ Die wichtigsten Themen, über die in Deutschland in den vergangenen Jahren gestritten worden sei, seien die Themen Migration und Ökologie. „Da sind Vertreter einer bestimmten politischen Meinung sehr schnell damit zu sagen, Jesus würde dieses oder jenes tun. Ich bin mir da nicht so sicher. In vielen Fragen ist es eben nicht so klar, wie genau die christliche Antwort wäre.“

Gute Argumente auch ohne Verweis auf Gott möglich

Das politische Christentum und eine Ideologie unterscheiden sich nach Hartls Meinung darin, dass eine Ideologie nicht wirklich diskursfähig sei. Außerdem sei sie stets von einem rigorosen Utopismus getrieben. „Die Utopie lässt wenig Spielraum zu.“ Es gebe zwar auch ideologisches Christentum, doch da widerspreche solch ein Utopismus dem Grundansatz des Christentums. „Im Christentum ist eine dialogische Grundstruktur enthalten. Es ist kein Zufall, dass das Christentum so gut mit Demokratie zusammen funktioniert und im Wesentlichen nur christliche Staaten Demokratien entwickelt haben.“ Schon die Apostel hätten ihre Gegner nicht mundtot machen wollen, sondern sie mit Worten zu überzeugen versucht, betont der Theologe.

Oft könnten Argumente von Christen auch gut vorgebracht werden ohne einen Verweis auf Gott, die Bibel oder den eigenen christlichen Glauben, ist Hartl überzeugt. Bei den Themen Abtreibung und Sterbehilfe etwa könne man schlicht argumentieren: „Wenn Menschen anfangen zu definieren, welcher Mensch leben darf, haben wir ein Problem. Dieses Faktum, dass der Mensch unabdingbare Würde hat, funktioniert auch ohne Gott.“

Der Theologe betont: Der deutsche Staat habe nicht die Aufgabe, eine weltanschauliche Neutralität herzustellen. „Die gibt es nicht. Deutschland ist christlich geprägt. Der Staat muss Nichtchristen in Deutschland die gleiche Chance geben, aber er garantiert nicht den Nichtchristen eine Freiheit von religiöser Symbolik im öffentlichen Raum.“ „Der Staat ist weltanschaulich neutral, das ist etwas anderes als wertneutral.“

„Das Gebet für die politischen Feinde sollte neu entdeckt werden“

Der Leiter des Gebetshauses in Augsburg gibt zudem den Ratschlag für Christen in der Politik, „aktiv nein zu sagen zu Menschenfurcht“. Er verstehe, wie weh es tue, wenn man als Person der Öffentlichkeit in den Medien zerrissen werde. „Aber ich glaube, die Welt sehnt sich nach Menschen, die Kontur haben“, so Hartl. „Mut steckt an, und wir brauchen mehr mutige Menschen, die weniger Menschenfurcht haben.“ Er fügte hinzu: „Es ist eine große Falle der Demokratie, wenn alle Demokraten nur noch das tun, was die Mehrheit will.“

Was einem christlichen Politiker in erster Linie helfe, sei das tägliche Gebet, um „sein Herz vor Bitterkeit zu schützen“. Hartls Rat: „Das tägliche Gespräch mit Gott reinigt das Herz. (...) Jesus hat nicht umsonst gesagt: Betet für eure Feinde. Es gibt im Politischen Lagerbildung und Feindschaften.“ Das führe dazu, dass unterschiedliche Meinungen nur noch schwer zu vermitteln seien. Hartl ergänzte: „Das Gebet für die politischen Feinde sollte neu entdeckt werden.“

Ziel des österreichischen Vereins „Plattform Christdemokratie“ ist es nach eigener Aussage, „das christlich-soziale Menschenbild und das Verständnis der Würde jedes Menschen sowie der christlichen Sozialethik zu vertiefen“. Ledóchowski trat bei der Nationalratswahl 2019 als Kandidat der Liste Sebastian Kurz an. Die „Plattform Christdemokratie“ selbst ist überparteilich und überkonfessionell.

Von: Jörn Schumacher

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