Blick in den „Hochsicherheitstrakt“ des Gefängnisses Stuttgart-Stammheim: Links, knapp hinter der Person, liegt Zelle 716, wo 1977 Jan-Carl Raspe starb. Hinten links und rechts liegen die Zellen von Andreas Baader und Gudrun Ensslin.

Blick in den „Hochsicherheitstrakt“ des Gefängnisses Stuttgart-Stammheim: Links, knapp hinter der Person, liegt Zelle 716, wo 1977 Jan-Carl Raspe starb. Hinten links und rechts liegen die Zellen von Andreas Baader und Gudrun Ensslin.

Vergiftete Wurzeln

Bei Gründung der Roten Armee Fraktion (RAF) vor 50 Jahren wurden auch christliche Ideale pervertiert – bis heute mit fatalen Folgen für die Opfer des linken Terrors.

Knapp drei Dutzend Tote, viele Verletzte und Sachschäden in Millionenhöhe. Das ist die Bilanz, die die Rote Armee Fraktion (RAF) in Deutschland hinterlassen hat. Als sich die linke Terrorgruppe nach dreißigjährigem Kampf auflöste, tat sie dies mit einem schlichten Positionspapier, vergleichbar mit dem Abschlussbericht eines Insolvenzverwalters. „Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte“, so hieß es kurzbündig in dem Schreiben, das im April 1998 in Köln bei einer Nachrichtenagentur auf dem Tisch landete.

Wer das Schreiben verfasste, ist bis heute unbekannt. Ebenso die Täter spektakulärer RAF-Morde, wie die Tötung des Treuhandchefs Detlev Karsten Rohwedder 1991 und des Deutsche Bank Chefs Alfred Herrhausen im November 1989. Herrhausen wurde mit einem selbstzündenden Sprengsatz, der auf einem Fahrradständer montiert war, in die Luft gesprengt. Bis heute auf der Flucht sind die RAF-Terroristen Burkhard Garweg, Daniela Klette und Ernst-Volker Staub, die 1993 in Hessen einen Gefängnisneubau gesprengt haben sollen und seither mit Überfällen auf Supermärkte und Geldboten ihren Lebensunterhalt bestreiten, zuletzt 2016 in Cremmlingen, im Süden Niedersachsens.

Christentum und linke Ideologie

Es klingt grotesk. Doch der Terror, der von der RAF ausging, fußte in Teilen auch auf der christlichen Heilslehre. „Etwa auf der Grundannahme, dass vor Gott alle Menschen gleich sind, und dass allein den Armen das Himmelreich offensteht“, sagt der Theologe Markus Weilhammer aus Trier. Das, was Jesus gepredigt und friedlich vorgelebt hatte, versuchte die RAF mit Waffengewalt umzusetzen, in der wohlfeilen Annahme, eine historische Mission für die am Rande der Gesellschaft Stehenden zu erfüllen. Und trotz aller Überheblichkeit im Denken und Tun hatten es sich die späteren Gralshüter der RAF-Ideologie nicht immer leichtgemacht. Ihren Verbrechen der siebziger und achtziger Jahre waren bis in die fünfziger Jahre zurückreichende Diskussionen im Milieu der außerparlamentarischen Opposition (APO) vorausgegangen, wie Aktenfunde im APO-Archiv der FU Berlin zutage gebracht haben.

Was in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist: In den linken Debattierzirkeln westdeutscher Universitäten ging es auch um die Frage, wie sich christliche Ideale in den damals noch jungen westdeutschen Staat einbringen ließen. Dass Gretchen Dutschke, Ehefrau des 1979 verstorbenen APO-Wortführers Rudolf Dutschke, ihre Magisterarbeit in evangelischer Theologie ausgerechnet über „revolutionäre Bewegungen zu Lebzeiten Jesu“ schrieb, war kein Zufall, sondern auch dem Zeitgeist geschuldet. „Die Wurzeln der RAF liegen in der Studentenbewegung der sechziger Jahre“, sagt der Berliner Publizist Sven Felix Kellerhoff. Doch als sich abzeichnete, dass das, was der bekennende Christ Rudolf Dutschke in Aussicht gestellt hatte, länger brauchen würde, als angenommen, begann es zu gären, sagt Kellerhoff.

Der berühmte „Gang durch die Institutionen“, mit dem die Achtundsechziger-Bewegung Staat und Gesellschaft zeitweilig auf den Kopf stellte, war mühsam und wenig erfolgversprechend. Einige wenige, darunter die Pfarrerstöchter Gudrun Ensslin und Christine Kuby, griffen zur Waffe, gingen in den Untergrund und erklärten der alten Bundesrepublik den Krieg. Ensslin starb 1977 in Haft durch Suizid. Kuby war die Tochter des evangelischen Pfarrers Alfred Kuby und wuchs in der Pfalz in behüteten Verhältnissen auf, bevor sie sich durch Mitarbeit in studentischen Politzirkeln radikalisierte. Nach einer Schießerei wurde die damals 28-Jährige 1978 in Hamburg festgenommen und 1995 aus der Haft entlassen. Kuby gehört zu den wenigen RAF-Terroristen, die der Gewalt abgeschworen haben. Ebenso wie ihr früherer Kombattant Klaus Jünschke, der in Haft seelsorgerischen Beistand bei der Katholischen Kirche im Bistum Limburg suchte und fand. In einem Zeitzeugengespräch mit der Zeitung Rheinischer Merkur im Jahre 2005 erinnerte sich der frühere RAF-Hardliner Peter-Jürgen Boock, heute 68 Jahre alt, daran, dass selbst im inneren Führungszirkel christliches Gedankengut durchaus eine Rolle gespielt habe – aber stets unter der Maßgabe, das vermeintliche Unrecht in der Welt zu bekämpfen, „wozu uns Gewalt ein legitimes Mittel schien“, so Boock, der heute als Buchautor in Italien lebt.

Viele Wunden sind bis heute nicht verheilt. Dass die RAF Unterstützung von muslimischen und antiisraelischen Palästinensergruppen aus dem Umfeld des 2004 verstorbenen Präsidenten Jassir Arafat erhielt, ist ebenfalls Teil der historischen Wahrheit und stellt den vorgeblichen Kampf der Terroristen gegen das „faschistische Westdeutschland“ in ein höchst fragwürdiges Licht. Unbestritten ist: Die RAF ließ sich militärisch von Leuten ausbilden, die aus ihrem Hass auf alles Jüdische und damit auch den Staat Israel keinen Hehl machten.

Als Gründungstag der RAF gilt gemeinhin der 14. Mai 1970, als Gudrun Ensslins Mitstreiter und Bettgenosse Andreas Baader bei einer Ausführung aus der JVA Berlin-Tegel von Gesinnungsgenossen mit Waffengewalt befreit wurde, was einen Unbeteiligten fast das Leben gekostet hätte. Zwei Jahre zuvor hatten Ensslin und Baader in Frankfurt am Main ein Kaufhaus angezündet. Um ein Zeichen „gegen den Krieg der USA in Vietnam“ zu setzen, wie es hieß. Und wofür sie eine mehrjährige Haftstrafe kassierten, der sich Ensslin zunächst erfolgreich entzog, während Baader nachts in Berlin mit Sonnenbrille Auto fahrend in eine Polizeikontrolle geraten war.

Unterstützung durch die DDR

Als ideologischer Kopf der RAF galt zeitweilig die Publizistin Ulrike Meinhof, die sich 1976 in Haft das Leben nahm und deren Tochter Bettina Röhl heute als Redakteurin beim Nachrichtenmagazin Focus arbeitet. In ihrem 2018 erschienenen Buch „Die RAF hat euch lieb“ rechnet Röhl mit den Morden der Gruppe und den Verbrechen ihrer Mutter ab. „Nützliche Idioten“ waren die Terroristen der Roten Armee Fraktion vor allem für die Organe der DDR-Staatssicherheit, an deren Spitze Stasi-Minister Erich Mielke und Oberst Walter Heinitz, seinerzeit zuständig für Ermittlungen und Observationen, sagt Röhl. Als Ulrike Meinhof im Sommer 1970 in Ostdeutschland Unterschlupf suchte, sagte Mielke zunächst „Nein“, bevor er die gesuchte Terroristin zwei Tage später dann doch einreisen ließ, wohl auch, um dem Klassenfeind im Westen eins auszuwischen. Zwei Jahre später war der Spuk zunächst vorbei und die erste Generation der RAF hinter Schloss und Riegel, bevor ihre Jüngerschaft weitere Morde beging, darunter am früheren Daimler-Manager Hanns-Martin Schleyer, dessen Witwe und Kinder den Verlust des Vaters nie verwunden haben.

Auf mehr als 500 Seiten rechnet Meinhof-Tochter Bettina Röhl, die sich mit ihrer Familie auch kirchlich engagiert, mit der so genannten „Studentenbewegung“ ab. Ihr Credo: „Nie ging es West-Deutschland materiell besser als in den sechziger und siebziger Jahren“. Auf den Politklamauk an den Unis und die anschließende „Genderdebatte“ hätte das Land gut und gerne verzichten können. Röhl widerspricht damit der bis heute weit verbreiteten Behauptung, die 68er um Dutschke, Daniel Cohn-Bendit und Co hätten die Bundesrepublik „demokratischer“ gemacht. „Das Grundgesetz gab es schließlich schon vorher, und ein freies Land war die Bundesrepublik auch in den fünfziger und sechziger Jahren“, so das Urteil der 1962 in Hamburg geborenen Autorin. Ihr Fazit: Studenten und Rote Armee Fraktion waren nicht Motor, sondern sich selbst inszenierende Statisten einer im Wandel begriffenen Gesellschaft, denen es erfolgreich gelang, das Interesse der Medien zu erheischen und damit selbst gestrickte Mythen zu erzeugen, in denen sich das linke und oft auch antichristliche Mainstream bis heute herumsuhlt.

Von: Benedikt Vallendar

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