Der Reformator Martin Luther hat die Auswirkungen der Pest in seinem eigenen Umfeld erfahren

Der Reformator Martin Luther hat die Auswirkungen der Pest in seinem eigenen Umfeld erfahren

Was Luther uns zum Coronavirus lehren kann

Die Coronakrise fordert Menschen und Staaten auf der ganzen Welt heraus. Martin Luther hat seinerzeit während der Pest in Wittenberg in der Bibel Orientierung für sein Handeln gefunden. Seine Erkenntnisse können uns auch heute helfen. Virologische und theologische Perspektiven auf das Coronavirus von Mirjam Schilling, Joel Gamble und Nathan Gamble

Wenige Phasen deutscher Geschichte haben uns so sehr an unsere menschliche Verletzlichkeit erinnert, wie die aktuelle Coronavirus-Pandemie. Angela Merkel sagte: „Es ist ernst. Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.“

In der Angst und Unsicherheit, wie und warum bestimmte Maßnahmen gerade getroffen werden, kann es helfen, das Virus und die Wissenschaft hinter der Pandemie besser zu verstehen; und uns als Christen daran zu erinnern, wie Gläubige vor uns mit den Herausforderungen umgegangen sind.

Was Medizinern und Forschern Sorgen macht

Drei Sorgen sind es, die Mediziner und Mitarbeiter des Gesundheitswesens zur Zeit hauptsächlich in ihren Entscheidungen leiten: die Unsicherheit, der Schweregrad und die Schnelligkeit des Virus.

  • Zunächst zur Unsicherheit: Wir kennen das Virus noch nicht gut genug. Am 31. Dezember 2019 wurde in Wuhan in der chinesischen Hubei Provinz eine Epidemie von Atemwegserkrankungen unbekannter Ursache gemeldet. Da das Virus zu 82 Prozent mit dem humanen Sars-CoV (Severe Acute Respiratory Syndrome CoronaVirus) identisch ist, wurde das Virus SARS-CoV-2 genannt und die ausgelöste Krankheit Covid-19 (COronaVIrus Disease 2019). Coronaviren infizieren den Menschen regelmäßig. Infektionen verlaufen jedoch in der Regel harmlos (grippaler Infekt). Ausnahmen stellen die 2002/3 durch Sars-CoV (ca. 8.000 Fälle, 800 Tote), sowie die 2012 durch Mers-CoV (ca. 2.500 Fälle, 800 Tote) verursachten Epidemien dar.

  • Obwohl Coronaviren den Forschern als Virusfamilie vertraut sind, besitzt jedes Virus auch individuelle Besonderheiten. Das macht es schwer, vorherzusehen, wie verschiedene Maßnahmen die Ausbreitung beeinflussen. Erschwerend kommt hinzu, dass erste Daten vermuten lassen, dass ein Infizierter das Virus schon über Tage ausscheidet, bevor er überhaupt Symptome bemerkt, getestet und isoliert werden kann. Asymptomatische Ausbreitung ist nur schwer zu kontrollieren und so steckt jeder infizierte im Durchschnitt zwei bis vier weitere Personen an (bei Grippe nur einen bis zwei).

  • Die zweite Hauptsorge für Mediziner ist die Schwere der Verläufe und der Mangel an Behandlungsmöglichkeiten. Während circa 80 Prozent der Infektionen mild verlaufen, besteht bei den schweren Fällen das Risiko von Lungenversagen, Septischem Schock oder Multiorganversagen. Für Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen ist das Risiko besonders hoch: Eine Studie veröffentlichte eine Sterblichkeitsrate von acht Prozent für 70- bis 79-Jährige und 14,8 Prozent für die Altersgruppe ab 80. Aber auch Jüngere können unerwartet sterben – in den USA waren bisher 38 Prozent der hospitalisierten Erkrankten zwischen 20 und 54 Jahre alt. Für Grippe können antivirale Medikamente und die Impfung das Risiko einer Infektion sowie die Schwere des Verlaufs senken. Für Covid-19 stehen nur unterstützende Maßnahmen, wie Sauerstoff und künstliche Beatmung zur Verfügung. Einen Impfstoff gibt es bisher nicht.

  • Am beunruhigendsten für die Gesundheitsexperten ist jedoch die exponentiell schnelle Ausbreitung, der Hauptgrund für die aktuell so drastischen Maßnahmen. Ohne Intervention wird sich Sars-CoV-2 nach aktuellen Schätzungen ausbreiten, bis ungefähr 70 Prozent der Bevölkerung infiziert sind, und die aufgebaute Herd-Immunität die übrigen 30 Prozent schützt. Das heißt: Je mehr Menschen sich infiziert haben und immun geworden sind, desto schlechter kann sich das Virus noch weiter ausbreiten, weil es dafür einen empfänglichen Wirt benötigt.

Abstand zwischen Menschen hilft

Das ist der Haken: Wenn sich zu viele Menschen innerhalb kurzer Zeit infizieren, kann das kein Gesundheitssystem der Welt stemmen. Berichte aus China und Italien haben das auf dramatische Art und Weise verdeutlicht. Deutschland besitzt europaweit zwar die höchste Zahl an Intensivbetten pro Einwohner, wird aber mit medizinischem Personal auch schnell an seine Grenzen kommen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Ärzte und Pflegepersonal trotz Schutzmaßnahmen selbst infizieren, was den Personalmangel weiter verschärft.

Ein Schlüssel zur Bewerkstelligung der Pandemie ist daher das Abflachen der Kurve. Anstatt eines steilen täglichen Anstiegs der Fallzahlen, der das Gesundheitssystem überfordern würde, ist das Ziel, einen langsamen Anstieg und insgesamt weniger Fälle zu erwirken. Denn dann kann jeder Patient die optimale Versorgung bekommen.

Um die Kurve abzuflachen, muss die Anzahl derer reduziert werden, die ein Infizierter ansteckt. Wir persönlich tragen dazu bei, indem wir Hände waschen und zuhause bleiben. Die Absage von Veranstaltungen und Schließung von öffentlichen Einrichtungen helfen zusätzlich. Die persönlichen Einschränkungen durch solche Maßnahmen sind zum Teil groß. Dennoch ist es ratsam, diese Maßnahmen frühzeitig konsequent umzusetzen, bevor Intensivstationen an ihre Kapazitätsgrenze kommen.

Abschließend: Die Inkubationszeit von Covid-19 liegt bei fünf bis 14 Tagen. Dadurch erfahren wir zwangsläufig erst mit einer Woche Verspätung, wie viele Menschen aktuell infiziert sind und inwiefern Maßnahmen zu einer Verbesserung der Situation führen können.

Luther flieht nicht vor der Pest

Wie können uns nun die Erfahrungen von Christen anderer Jahrhunderte in diesen Herausforderungen helfen?

Laut dem Medizinhistoriker Vivan Nutton wurde eine Stadt zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert ungefähr alle zehn Jahre von einer Pestepidemie heimgesucht. Krankheiten waren natürlicher Teil des Lebensrhythmus, aber die Pest mit einer Sterblichkeitsrate von 60 bis 90 Prozent (ein bis drei Prozent bei Covid-19) besonders schrecklich.

Als Reaktion auf diese Ausbrüche haben Christen durch die Jahrhunderte hinweg gefragt, ob es vertretbar ist, als Christ zu fliehen. Die wohl berühmteste Antwort auf diese Frage stammt aus Martin Luthers Brief an seinen Kollegen Johann Hess: 1527 wurde die Universitätsstadt Wittenberg von der Pest getroffen und Vorlesungen in eine nicht betroffene Stadt verlegt. Dennoch weigerte Luther sich, zu gehen. Stattdessen entschied er sich, für Kranke und Sterbende zu sorgen, und verwandelte sein Zuhause in ein provisorisches Krankenhaus. Er erlebte den Tod vieler Familienmitglieder und Freunde, sogar einiger eigener Kinder mit; und war selbst von Krankheiten geplagt. Hess musste sogar einen zweiten Briefe verfassen, weil Luther zu krank war, um auf den ersten zu antworten.

Mit einer sogenannten Pesthaube versuchten sich Ärzte in früheren Jahrhunderten vor Ansteckung zu schützen. Kräuter und mit Essig getränkte Schwämme in dem schnabelförmigen Nasenstück sollten die Atemluft filtern.

Mit einer sogenannten Pesthaube versuchten sich Ärzte in früheren Jahrhunderten vor Ansteckung zu schützen. Kräuter und mit Essig getränkte Schwämme in dem schnabelförmigen Nasenstück sollten die Atemluft filtern.

Die Folgen und Ängste, die mit seinen Ratschlägen einhergehen, kannte Luther. Aber er war überzeugt, dass Gott zu unserem Besten handelt; auch dort, wo wir es nicht erwarten, inmitten des Übels einer tödlichen Epidemie. Die Angst vor Krankheit und Tod sollte uns vielmehr dazu antreiben, zu beten und für unsere Seelen zu sorgen. Wir sollten uns daran erinnern, dass diese Welt nicht unser bleibendes Zuhause ist. Eine Epidemie ist eines von vielen Übeln, denen wir ausgesetzt sind, und wir müssen sie ernst nehmen; aber das größere Übel ist das Böse in uns (Matthäus 10,28; Lukas 12,4). Deshalb muss jede Antwort auf eine Epidemie oder andere Krise die Umkehr von unseren Sünden beinhalten; allen voran der egoistischen Liebe, die zuerst an sich selbst denkt und erst in zweiter Instanz, wenn wir unsere eigene Gesundheit und Sicherheit gewährleistet haben, an andere.

Trost in den Zusagen Gottes

Luther betrachtet die Epidemie als Versuchung, die unseren Glauben und unsere Liebe testet: „Den Glauben, auf dass wir sehen und erfahren, wie wir uns gegen Gott stellen wollen, die Liebe aber, auf dass man sehe, wie wir uns gegen den Nächsten stellen wollen.“ Durch Glauben an Gott und aus Liebe zum Nächsten sollten Christen zuerst daran denken, wie sie zur physischen und geistlichen Fürsorge der Schwachen, Selbst-Isolierten, Kranken oder Sterbenden beitragen können. Erst danach erlaubte Luther Christen private Entscheidungen darüber zu treffen, ob sie fliehen wollen. In einer Zeit ohne institutionalisiertes Gesundheitssystem, sieht es Luther als göttliche Aufgabe der Christen, diese Lücke zu schließen.

Luther ermutigt Christen in Lebensgefahr, Trost in den Zusagen Gottes zu finden: Der Teufel versucht uns, aber Gottes Zusage tritt dem entgegen und ermutigt uns, uns der Bedürftigen anzunehmen. Psalm 41 sagt: „Wohl dem, der sich des Schwachen annimmt! Den wird der Herr erretten zur bösen Zeit.“ Deshalb: „Wer aber einen Kranken versorgt, (…) wer auf diese tröstliche Verheißung solches tut, (...) derselbe hat hier wiederum einen großen Trost. (…) Gott selbst will sein Wärter, dazu auch sein Arzt sein.“

Was wir für die Coronakrise daraus lernen können

Was bedeutet das für uns und Covid-19? Unsere Haltung gegenüber Covid-19 sollte von gemäßigter Vorsicht geprägt sein. Gemäßigt, nicht in Panik, der Maxime aus der Bergpredigt folgend: „Sorgt euch nicht um euer Leben (…) Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können“ (Matthäus 6,25; 10,28); und Vorsicht, die das Böse als das erkennt, was es ist, und nicht mit Lügen abtut. Statt in Panik zu verfallen und in Hamsterkäufen so viele Schutzmasken zu kaufen, dass sie nicht mehr für die Mitarbeiter im Gesundheitswesen ausreichen, oder so viel Toilettenpapier, dass alle anderen leer ausgehen, sollten wir fragen: Was können wir als Kirche und Einzelne für die in Not tun?

Diejenigen, die in der Forschung oder im Gesundheitswesen arbeiten, sollen mutig ihrer Berufung folgen, Forschung vorantreiben, Wahrheit suchen und für Kranke sorgen. Viele von uns im Gesundheitswesen haben einen Eid geschworen, der uns der Gesundheit unserer Patienten verpflichtet. Not hebt diesen Eid nicht auf, sondern betont seine heilige und unantastbare Natur. Als Christen haben wir eine besondere Verpflichtung, unseren Eid zu erfüllen, denn Jesus fordert dazu auf: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein.“ (Matthäus 5,37).

In schweren Zeiten finden Menschen Trost im Wort Gottes. Lieder, die das schon vor mehren hundert Jahren besungen haben, sind heute noch aktuell.

In schweren Zeiten finden Menschen Trost im Wort Gottes. Lieder, die das schon vor mehren hundert Jahren besungen haben, sind heute noch aktuell.

Die von uns, die keine spezielle medizinische Ausbildung haben, sind in gleichem Maße dazu berufen, Verantwortung in der Gesellschaft wahrzunehmen: In unseren Jobs, die die Wirtschaft am Laufen halten; in unseren Familien; in der Art und Weise, wie wir kommunizieren, Nachrichten hören und darauf reagieren; oder wie wir für unsere Nachbarn, Städte und Gemeinden sorgen.

Wir sind der Wahrheit verpflichtet und stehen in der Verantwortung, sorgfältig recherchierte Informationsquellen zu konsultieren, wie die des Robert-Koch-Instituts oder des Bundesministeriums für Gesundheit. Wir sollten den Empfehlungen zuhören und diese mit der Erwartung respektieren, dass sie zwangsläufig unvollkommen sind. Aber statt zu kritisieren, sind wir berufen, täglich zu beten: für Behörden, guten Journalismus, Forschung und medizinische Hilfe.

Covid-19 erinnert uns daran, dass wir langfristiges Glück und Sicherheit nicht in der gegenwärtigen Welt, sondern in der zukünftigen finden. Kirchenvater Augustinus sagte: „Wie das Heil, so halten wir auch die Glückseligkeit nicht jetzt schon in Händen, sondern erwarten sie in der Zukunft, und dies ‚in Geduld‘; denn wir stecken in Übeln, und die müssen wir geduldig ertragen, bis wir zu jenen Gütern gelangen, wo alles von der Art sein wird, dass wir uns daran unsagbar erfreuen.“

Dies ist die überarbeitete Version eines ursprünglich auf Englisch verfassten Artikels auf der Webseite der Australian Broadcasting Coproration (ABC).

 

Dr. Mirjam Schilling arbeitet als Virologin an der University of Oxford und promoviert in Theologie (Fachbereich Science and Religion) bei Alister McGrath. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die theologischen Aspekte von Viren und Virusforschung. Joel Gamble ist Medizinstudent an der University of Toronto und studiert im Masterstudiengang Theologie (Fachbereich Science and Religion) an der University of Oxford. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Philosophie und historische Theologie der Medizin. Nathan Gamble MD MA ist Bioethiker and Mediziner an der University of Alberta.

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