Matthias Basedau, Berthold Weig und Hanno Spitzer diskutierten darüber, wo die Chancen und Risiken von Religion für den Frieden liegen

Matthias Basedau, Berthold Weig und Hanno Spitzer diskutierten darüber, wo die Chancen und Risiken von Religion für den Frieden liegen

Religion: Friedensmotor oder Bremse?

Bremst oder befördert Religion den Frieden? Welche Herausforderungen und Chancen gibt es und wie kann man sie nutzen? Darum ging es bei einer Untersuchung im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). In Berlin wurden am Mittwochabend Ergebnisse präsentiert.

Um es vorwegzunehmen: Einfache Antworten gibt es nicht. Stattdessen ist das Ganze sehr komplex. Professor Matthias Basedau warnte deshalb gleich zu Beginn seiner Ausführungen vor Schwarzweißmalerei: „Die Frage lautet nicht, ob eine Religion gut oder böse ist, sondern unter welchen Bedingungen Religion zu Krieg oder zu Frieden führt.“ Basedau ist Direktor des sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts GIGA (German Institute of Global and Area Studies), das die Untersuchung durchgeführt hat. Bei dieser wurde ein Methodenmix angewandt, die Forscher analysierten vorhandene Datensätze, führten empirische Untersuchungen in 180 Ländern und Verhaltensexperimente durch.

„Es ist kompliziert“, gestand der Professor und betonte: „Die Ergebnisse sind nicht in Stein gemeißelt.“ Generell hätten religiöse Konflikte seit 1979 weltweit zugenommen, markante Anstiegsjahre seien noch einmal 1990 und die 2000er-Jahre. Dem lägen entsprechende historische Ereignisse zugrunde, etwa die iranische Revolution, der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan, die Besetzung der Großen Moschee in Mekka, das Ende des Kalten Krieges sowie der 11. September.

Gleichzeitig sei die Religionsfreiheit langfristig gestiegen, wenn auch der Trend der letzten Jahre wieder leicht nach unten zeige. Maßgeblich für Krieg oder Frieden sind laut der Untersuchung sowohl religiöse als auch weltliche Faktoren: Dazu gehören unter anderem Nächstenliebe und Vergebungsbereitschaft oder religiöse Intoleranz sowie ein stabiles oder labiles Staatsgefüge. Dieses Ergebnis überrascht nicht wirklich. Doch Friedensfaktoren zu erkennen sei das eine, ein anderes sei, diese Erkenntnis umzusetzen, so Basedau. „Das Problem an Frieden ist: Für den Frieden brauchen wir alle, für Gewalt reichen wenige.“

Menschen müssen mehr über den Glauben wissen

Was heißt das nun konkret für Projekte des Entwicklungshilfeministeriums? Eben genau diese Friedensfaktoren zu fördern, meinte Basedau und betonte, schon die „säkulare“ Entwicklungszusammenarbeit habe gute Auswirkungen auch auf die Religionen. Als Empfehlung gab der Institutsdirektor unter anderem, bei den Religionen das Gemeinsame und nicht das Trennende zu betonen. „Den Allgemeingültigkeitsanspruch von Religion, den muss man zurückfahren“, ergänzte er, „das ist Gift für das Zusammenleben.“ Alle Religionen müssten sich dem Exklusivitätsanspruch stellen, forderte in der anschließenden Diskussion ein Pfarrer aus dem Publikum: „‚Niemand kommt zum Vater denn durch mich’ – da müssen wir theologisch ran.“

Vielleicht das wichtigste Fazit, das Basedau aus den Untersuchungen zog: Es sei notwendig, mehr über das Thema Glauben zu wissen. Dem pflichtete BMZ-Referent Berthold Weig bei: Das Thema sei in seinem Haus anfangs sehr fremd gewesen. „Die Kenntnisse über Religionen sind nicht besonders weit verbreitet“, gab auch sein Referatskollege Hanno Spitzer zu. Es sei eine große Herausforderung, das Wissen über das Wesen der Religionen zu erweitern.

EZ-Programme vor Ort in den verschiedensten Ländern wollen den Kirchen keine Konkurrenz machen: „Wir führen keinen interreligiösen Dialog, als staatlicher Akteur wollen wir das auch nicht“, betonte Weig. „Wir führen erst recht keinen theologischen Dialog. Sondern wir wollen mit Religionsgemeinschaften, mit religiösen Akteuren einen gesellschaftspolitischen Dialog führen.“ Das hohe Potenzial der Religionen müsse genutzt werden. Zusammenarbeiten, weil die religiösen Akteure die Menschen besser erreichen, forderte auch Spitzer.

Ein passendes Schlusswort fand der frühere Politiker Rudolf Decker (CDU), ebenfalls unter den Zuhörern. Der überzeugte Christ Decker hatte einst unter Abgeordneten ein Gebetsfrühstück initiiert. Er wisse aus eigener Erfahrung, dass bei den großen Religionen mehr als 80 Prozent der Inhalte weitgehend deckungsgleich seien, so Decker, der sich stets durch ein großes Engagement in Afrika ausgezeichnet hatte. Wer Gemeinsamkeiten suche, finde schnell über alle Grenzen hinweg. „Wenn ich nur an das Wort ‚Gebet‘ denke: Wenn Sie Streithälse, die je behaupten, fromm zu sein, zusammenbringen, um sie zu veranlassen, miteinander zu beten, dann haben Sie schon wesentliche Schritte zum Frieden getan."

Von: Christina Bachmann

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