Mauerstücke zum Erinnern – nicht zum Vergessen

Mauerstücke zum Erinnern – nicht zum Vergessen

Niemand hat die Absicht, neue Mauern zu bauen

Der Mauerfall 1989 war ein unfassbares Ereignis in der jüngsten deutschen Geschichte. Das Jubiläum in diesem Herbst sollte dankbar machen. Und dazu motivieren, das Miteinander zu gestalten statt neue Mauern zu errichten. Lesen Sie in unserer Themenwoche in den kommenden Tagen bei pro Beiträge zum Mauerfall. Von Jonathan Steinert

Ein Samstag im Juni 1989. Es regnet. Eine vierköpfige Familie sitzt im Škoda, am Steuer der ältere Bruder des Familienvaters. Er bringt sie nach Leipzig zum Hauptbahnhof – und fährt danach wieder zurück ins Erzgebirge. Die Familie nicht. Ihr Ziel ist die Bundesrepublik. Drei Jahre haben sie darauf gewartet, dass die Behörden ihren Ausreiseantrag bescheiden würden. Drei Jahre auf gepackten Koffern, und dann musste es schnell gehen: 48 Stunden hatten die vier Zeit, die DDR zu verlassen. Andere vor ihnen kamen ins Gefängnis, wenn sie den Antrag zum wiederholten Mal stellten, weil er abgelehnt worden war – wegen „Nötigung der Behörden“. Das blieb ihnen erspart. Aber klar war: Sie würden nie wieder in ihre Heimat zurückkommen dürfen, würden ihre Eltern und Geschwister vielleicht das letzte Mal gesehen haben.

Der Sozialismus wird siegen, das glaubten nach 40 Jahren DDR-Propaganda und marxistisch-leninistischer Indoktrination auch Systemkritiker fast. Doch dann kam es anders. Die Mauer, die die Bürger der DDR in ihrem Land einsperren sollte, fiel kein halbes Jahr nach diesem tränenreichen Abschied. Die Familie, die mittlerweile in Baden-Württemberg lebte, war die meines Onkels. Das Weihnachtsfest 1989 feierten meine Eltern und ich gemeinsam mit ihnen in der Bundesrepublik. Ein Wunder, das niemand für möglich gehalten hatte. Ich war damals vier Jahre alt. Viel habe ich von alledem nicht mitbekommen. Meine Eltern erzählen mir von vollgestopften Zügen und Bahnsteigen, davon, wie ich über die vielen Westautos staunte. Und ich erinnere mich, dass ich in den Ford meines Onkels gebrochen habe und mich so gar nicht über die Banane freuen konnte, die ich danach geschenkt bekam.

Dank statt Frust

Heute lebe und arbeite ich selbst dort, wo jahrzehntelang „der Westen“ war. Dafür musste ich keinen Antrag stellen, keine Behörden fürchten, keine Grenzkontrollen über mich ergehen lassen. Ich fahre fröhlich zwischen Hessen und Sachsen hin und her, als wäre es das normalste der Welt. Ist es für mich auch, denn ich habe es nie anders kennengelernt. Mein Heimatland ist das wiedervereinte Deutschland. Und doch ist es nicht selbstverständlich. Ich kann es mir kaum vorstellen, was es für die Generation meiner Eltern und Großeltern bedeutet hat, der Willkür einer Staatsmacht ausgeliefert zu sein, mit Bespitzelung und Verrat zu rechnen, immer auf seine Worte aufpassen zu müssen und unter Umständen nicht frei wählen zu dürfen, welchen Beruf man ausübt, weil man sich Jahre zuvor konfirmieren ließ. Und ich will nicht tauschen. Unter keinen Umständen!

Umso mehr bin ich dankbar für den Frieden, die Freiheit und den Wohlstand, in dem ich so scheinbar selbstverständlich leben darf. Mein Eindruck ist jedoch, dass jetzt, 30 Jahre nach dieser unfassbaren Veränderung in unserem Land, viel Unmut und Unzufriedenheit herrscht. Auch die Ost-West-Verwerfungen brechen in letzter Zeit wieder stärker auf. Ich wünsche mir, dass zu diesem Jubiläum die Dankbarkeit heller und länger strahlt als Resignation und Frust. Dass 30 Jahre Mauerfall uns motivieren, gemeinsam das Land und unser Zusammenleben darin zu gestalten – statt neue Mauern in unserem Denken und Fühlen aufzubauen. Diesen neuen Mauern sollten wir sogar ganz entschieden entgegentreten, denn sie später wieder einzureißen, ist schwieriger und dauert länger, als sie hochzuziehen und sich dahinter zu verschanzen. Auch das lehrt die Geschichte des geteilten Deutschlands.

In dieser Woche wird pro mehrere Beiträge zum Mauerfall veröffentlichen, Berichte und Einschätzungen von Zeitzeugen, die von West und von Ost auf die Mauer und nun auf das vereinte Deutschland schauen. Die Redaktion wünscht eine erhellende Lektüre!

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