Ob rituelle Gewalt in großem Ausmaß existiert, ist umstritten

Ob rituelle Gewalt in großem Ausmaß existiert, ist umstritten

Rituelle Gewalt: Gibt es sie wirklich?

Internationale Netzwerke von Satanisten missbrauchen Menschen auf systematische Weise, sogar in christlichen Kreisen – so behaupten es manche Therapeuten. Dass es dafür keine polizeilichen Belege gibt, fällt dabei unter den Tisch. Von Nicolai Franz

Tief im Verborgenen treiben sie ihr Unwesen. Abends sind sie noch freundliche Familienmenschen, nachts beginnt die Gewalt. Sie quälen Kinder und Erwachsene, machen sie gefügig, „programmieren“ sie auf gewisse Verhaltensweisen. Sie vergewaltigen, foltern, töten, bringen Tier- und Menschenopfer. Wenn ihre Opfer den Schmerz nicht mehr ertragen können, spalten die Gequälten Teile ihrer Persönlichkeit ab, sodass eine neue Person in ihrem Kopf die Leiden übernimmt. Die Täter sind nicht leicht erkennbar. Sie führen ein normales Leben, haben gewöhnliche Berufe, gehören allen Schichten der Gesellschaft an. Bis hin in prominente Kreise, bis nach Hollywood und in die politischen und wirtschaftlichen Eliten der ganzen Welt reicht der Einfluss dieser satanistischen Gewaltkulte. Ihre Taten werden bis in die Strafverfolgungsbehörden vertuscht. Wer redet, stirbt durch einen inszenierten Unfall, hinter dem der Satanskult steckt. Die Rede ist von „ritueller Gewalt“. Mit diesem Phänomen beschäftigen sich zunehmend Bücher, Fernsehdokumentationen und ganze Kongresse. Doch ob es diese Form des Missbrauchs überhaupt gibt, ist heftig umstritten.

„Das Unfassbare begreifen“ lautet der Titel eines neuen Buches der christlichen Therapeutin Daniela Splettstößer-Pache – und unfassbar ist tatsächlich, wovon die Autorin schreibt. Laut Buchcover soll es um „Gewalt und Missbrauch in christlichen Kreisen“ gehen. Doch wer eine Beschäftigung mit den bekannten kirchlichen Missbrauchsskandalen erwartet, liegt falsch. Denn den größeren Teil des Buches nimmt die rituelle Gewalt ein, und damit verbunden schwerste Formen des Missbrauchs. Im Gegensatz zu anderen Publikationen geht die Autorin vor allem auf christliche Kreise ein, in denen wohl kaum jemand satanistische Gewaltpraktiken vermuten würde. Behutsam nimmt Splettstößer-Pache die Leser an die Hand und warnt jeweils, wenn ein Kapitel folgt, das in besonders deutlicher Form den Missbrauch beschreibt. Sie will niemanden überfordern. Vor allem nicht die, die selbst Missbrauch erfahren haben.

Gut vernetzte Gruppe

Wenn alle Formen des Missbrauchs zusammenkämen und es einen „ideologischen Überbau“ gebe, handele es sich um rituelle Gewalt. „Ritueller Missbrauch geschieht meist in Täternetzwerken, die in alle gesellschaftlichen Bereiche und leider auch in unsere christlichen Gemeinschaften hineinreichen. Es werden Riten im Sinne von Zeremonien durchgeführt, die an Abscheulichkeit nicht zu überbieten sind.“ Dass es rituellen Missbrauch gibt, ist für die Therapeutin eine Tatsache. Dass es auch anders sein könnte, lehnt sie kategorisch ab. Im Dritten Reich hätten sich auch viele Menschen nicht vorstellen könnten, dass Juden massenweise ermordet würden, schreibt sie. Heute sei dies eine bekannte Tatsache – und irgendwann werde die Gesellschaft genauso auf das totgeschwiegene Thema „rituelle Gewalt“ blicken. Rituelle Gewalt auf einer Stufe mit dem Holocaust: Das ist die Lautstärke, mit der die Autorin für ihre These wirbt.

„Ich beschränke mich hier auf Informationen, die in Fachkreisen bekannt sind und unabhängig voneinander länderübergreifend mehrfach bestätigt wurden“, schreibt Splettstößer-Pache über rituelle Gewalt – und führt den Leser damit in die Irre. Denn nur eine gut vernetzte Gruppe von Therapeuten geht davon aus, dass rituelle Gewalt in der behaupteten Größenordnung existiert. Viele Medien hingegen scheinen der These weitgehend vorbehaltlos zu folgen.

Eine besondere Rolle spielt dabei die Fachstelle für Sekten und Weltanschauungsfragen beim Bistum Münster. Dort gibt es seit Jahren Konferenzen zum Thema rituelle Gewalt. Anfangs sei es in diesen Tagungen noch darum gegangen, ob es große, die Gesellschaft unterwandernde Netzwerke ritueller Gewalt überhaupt gebe, so Andreas Hahn, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche von Westfalen. Tatsächlich berichteten in Studien zahlreiche Psychotherapeuten von Patienten, die angaben, Opfer ritueller Gewalt geworden zu sein. Andreas Hahn ist ein Kenner der Szene, er nahm 2016 an einer solchen Konferenz teil. Heute zweifelten die Münsteraner nicht mehr daran, dass es rituelle Gewalt in großem Ausmaß gebe, schreibt Hahn im Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW). Diskussionen seien ohnehin nicht mehr möglich, da auch mutmaßlich Betroffene ritueller Gewalt an der Programmgestaltung beteiligt seien. Stattdessen erlebte Hahn ein „massives Verschwörungsdenken“, auch unter Traumatherapeutinnen: „Bis dahin, dass mir eine Liste ritueller Gewalttäter, die in einer Großstadt ein Netzwerk bilden würden, zugespielt wurde.“

In seinem Artikel identifiziert Hahn einen „festen Kreis“ von Überzeugten: „Sie kennen sich und zitieren sich in den einschlägigen Publikationen immer wieder gegenseitig.“ Sehr stark geht es dabei um „dissoziative Identitätsstörungen“, auch „multiple Persönlichkeitsstörung“ genannt. Vor allem die Arbeiten der Psychotherapeutin Michaela Huber kommen in diesem Zuge immer wieder zu Wort. Demnach sei in vielen Fällen rituelle Gewalt dafür verantwortlich, dass sich Persönlichkeitsanteile abspalten. Täter könnten mit geschickten „Programmierungen“ dafür sorgen, dass sich Opfer nicht an das Leid erinnern können, nicht einmal daran, dass ihnen eine Erinnerung fehlt. Wenn ein Opfer daran zweifle, würden Therapeuten dies sogar als Beweis dafür deuten, dass „die Täter eine Bewusstseinskontrolle ausüben“.

Verschwörungstheorien als Erklärung

Dabei sind Zweifel überaus berechtigt. Vor allem aus einem Grund: Es gibt außer den Berichten der – psychisch hochgradig auffälligen – Opfer keine Hinweise darauf, dass ihre Aussagen der Wahrheit entsprechen. Keine Blutspuren, keine Leichen, nichts. Wo die Kriminalpolizei oder die Staatsanwaltschaft ermittelt habe, so Hahn, habe es keine Ergebnisse gegeben.

Natürlich haben Befürworter der These von massenhafter ritueller Gewalt auch dafür eine Erklärung – allerdings ohne jeden belastbaren Hinweis: Die Täternetzwerke zögen sich eben bis in die Behörden hinein, die die Skandale dann vertuschten. Auch in Daniela Splettstößer-Paches Buch „Das Unfassbare begreifen“ finden sich gleich mehrere solcher Verschwörungstheorien. So schreibt die Autorin, es sei „längst bekannt, dass auch hochrangige Schichten des öffentlichen Lebens involviert sind“ – um nur eine Seite später von „unfertigen Erkenntnissen“ zu schreiben, und „dass ich keine juristisch verwertbaren Beweise liefern kann“.

Weiter vermutet Splettstößer-Pache auch hinter der #MeToo-Kampagne gegen sexuellen Missbrauch „eindeutige Hinweise auf rituelle Gewalt bei einzelnen Prominenten“. Diese seien aber aus den „öffentlichen Medien“ „schnell wieder verschwunden“. In einer Fußnote wird deutlich, welchen angeblichen Skandal sie meint: Das sogenannte „Pizzagate“, eine während des Trump-Wahlkampfes erfundene Lügengeschichte, nach der einflussreiche Promis, sogar Bill und Hillary Clinton, Teil eines internationalen Netzwerkes von Pädokriminellen seien. Der Ring agiere aus dem Keller der Pizzeria „Comet Ping Pong“ in Washington. Nach einer Kampagne von Verschwörungsportalen überfiel ein Mann die Pizzeria mit einem Sturmgewehr, um die angeblich dort festgehaltenen Kinder zu befreien. Weder fand er dort Kinder – noch einen Keller.

Ein weiteres Beispiel: „Wenn Sie einen erweiterten Einblick in die Strukturen der ausführenden Kulte erhalten, stellen Sie schnell fest, dass es enge Verknüpfungen mit dem Gewerbe der Prostitution, der Musik- und Schauspielbranche, mit Menschenhandel, Politik und Satanismus gibt.“ Beweise für diese schwere Anschuldigung liefert die Autorin freilich nicht.

Opfern nicht misstrauen

Doch auch wenn diese Verschwörungstheorien durch nichts belegt sind, bleibt eine Frage: Wie kann es dann sein, dass viele Patienten, vor allem mit dissoziativer Persönlichkeitsstörung, übereinstimmend von satanistischen Missbrauchserfahrungen berichten, wenn es keine polizeilichen Erkenntnisse dazu gibt? Der Sektenbeauftragte Hahn geht unter anderem von der „False-Memory“-These aus. Demnach können den Patienten falsche Erinnerungen „induziert“, also eingepflanzt werden. Das kann – gewollt oder ungewollt – durch den Therapeuten geschehen, aber auch durch die Patienten selbst. Dabei orientieren sie sich an Klischees satanistischer Kulte oder Gemeinschaften wie den Freimaurern, wie sie sie aus populären Büchern oder Filmen kennen. Tatsächlich gibt es in diesem Bereich mehrere Studien, die darauf hinweisen, dass solche Erinnerungen im Kopf entstehen können. Für die Therapeutin Splettstößer-Pache und andere Mitstreiter ist „False Memory“ jedoch nichts anderes als Propaganda von Sexualstraftätern, die sich selbst schützen wollen.

Natürlich wäre es falsch, Opfern schwerster Gewalt grundsätzlich zu misstrauen. Viel zu lange ist das etwa im Bereich sexuellen Missbrauchs in der Kirche – und anderswo – geschehen, zuletzt beim Missbrauchsfall von Lügde, in denen entscheidende Hinweise ignoriert wurden. Doch im Gegensatz zu den behaupteten rituellen Gewaltorgien gibt es in diesen Fällen handfeste Beweise: Videoaufnahmen, Täter, Tatorte, Chatprotokolle.

Die Polizei ist sehr bedacht darauf, den Fehler des falschen Misstrauens zu vermeiden. Davon berichtet auch Andreas Hahn: Bei polizeilichen Äußerungen zu ritueller Gewalt sei auffällig, „dass die ermittelnden Behörden trotz fehlender Indizien immer betonten, das heiße nicht, dass nichts passiert sei“. Dieser Hinweis sei „mit Blick auf eine sensible Polizeiarbeit“ zwar richtig, „allerdings spielt man damit den Verschwörungstheoretikern in die Hände“.

Schutz vor Missbrauch muss selbstverständlich werden

In dem Buch von Splettstößer-Pache mischt sich in diese Verschwörungstheorien zudem eine geistliche Komponente. Mal schreibt sie von allzu gesetzlichen Kirchengemeinden, dann von geistlichem Druck und Missbrauch bis hin zu ritueller Gewalt, die ja auch unter Christen verbreitet sei. Beim Lesen wird oft nicht klar, ob es gerade um theologische Lehrstreitigkeiten, fehlgeleitete Erziehung oder um strafrechtlich relevanten Missbrauch geht.

Trotzdem spricht die Autorin wichtige Bereiche an, in denen auch im christlichen Bereich noch viel mehr getan werden muss. Der Schutz vor Missbrauch – und der richtige Umgang damit – muss für Gemeinden zur indiskutablen Selbstverständlichkeit werden. Denn natürlich gibt es auch unter Christen Missbrauch: geistlichen, gewalttätigen, sexualisierten. Wer meint, in Kirchengemeinden könne so etwas nicht passieren, leugnet die Sündhaftigkeit und Anfälligkeit des Menschen, die vom einfachen Gemeindemitglied bis hin zur Führungsetage reicht. Verschwörungstheorien helfen dabei jedoch nicht weiter.

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