Er war in Turkmenistan der siebte Christ überhaupt. Welche Konsequenzen das für ihn hatte, hat Pastor Batyr im Gespräch mit pro erzählt.

Er war in Turkmenistan der siebte Christ überhaupt. Welche Konsequenzen das für ihn hatte, hat Pastor Batyr im Gespräch mit pro erzählt.

„Meine Bekehrung war das größtmögliche Verbrechen“

Am heutigen Donnerstag ist der Internationale Tag zum Gedenken an die Opfer von Gewalttaten aus Gründen der Religion oder des Glaubens. Wegen seines Glaubens verfolgt wurde auch der turkmenische Christ Batyr. Nach seiner Bekehrung zum christlichen Glauben wurde es für ihn nicht leichter. Im Gespräch mit pro hat er seine unglaubliche Geschichte erzählt.

Das Auto rast mit 100 Stundenkilometern über die Straßen Turkmenis­tans. Darin sitzt Pastor Batyr mit drei Freunden. Sie wollen Bibeln verteilen und den Menschen von Gott erzählen. In dem asiatischen Land, das früher zur Sowjetunion gehörte, ist das gefährlich. Wer von Jesus erzählt, kann im Gefängnis landen.

Plötzlich platzen zwei Autoreifen. Das Auto überschlägt sich mehrmals. Die Bibeln, die sie dabei haben, liegen auf der Straße. Batyrs Freunde und er selbst bleiben unverletzt. Was er anschließend erlebt, ist unmenschlich. Im Nachhinein vermutet er, dass die turkmenische Regierung das Auto manipuliert und den Unfall herbeigeführt hat, um seine Aktivitäten zu stoppen.

In der Depression zu Jesus gefunden

Bis zu seinem 17. Lebensjahr hat Batyr noch nie etwas von Jesus gehört. Gott kommt in seinen Gedanken vor, aber der junge Turkmene will auch ein guter Kommunist sein. Das politische System beantwortet allerdings seine Lebensfragen nicht. Auch mit dem Islam beschäftigt er sich intensiv: „Es war ja die Religion meiner Vorfahren. Ein Turkmene wird als Moslem geboren und stirbt als Moslem.“

Christ zu werden ist das größtmögliche Verbrechen für einen Turkmenen. Batyr wagt den Schritt. „Schließlich gibt es bei Jesus Christus das ewige Leben. Im Islam kannst du dir nie sicher sein, ob du errettet und erlöst bist.“ Mitten in einer schwierigen Lebensphase erzählt ihm sein Nachbar die befreiende Botschaft von Jesus. 1993 kommt er zum christlichen Glauben.

Ihn fesselt die Liebe, die von Jesus ausgeht: „Dass jemand für deine Schuld stirbt, gibt es sonst nirgends.“ Batyr möchte anderen Menschen von dem erzählen, was ihn fasziniert. „Bis dahin gab es in Turkmenistan wenige Christen und keine Gemeinden“, erzählt er. Heute sind es gerade einmal insgesamt acht protes­tantische, katholische und orthodoxe Gemeinden im ganzen Land.

Binnen kurzer Zeit werden durch die Missionstätigkeiten von Batyr und seinen Freunden Hunderte Turkmenen Christen. Die Regierung beobachtet die Entwicklung argwöhnisch – und beginnt die Christen zu schikanieren. „Wir hatten aus ihrer Sicht die Religion der Feinde in der westlichen Welt angenommen. Die Regierung hatte Angst, dass der Feind uns bald wieder beherrscht“, erklärt Batyr. Deswegen beginnt sie damit, Pastoren zu verhaften und zu foltern.

Im Jahr 2000 lässt sie ihn verhaften und seine Familie enteignen. Anderen Christen stellt der Staat den Strom ab und kappt die Gasleitung. Batyr erinnert sich: „Am schlimmsten war es, wenn Christen starben und sie keinen Platz auf dem Friedhof zur Beisetzung bekamen.“ Es gibt sechs christliche Familien in seinem Dorf. Deren Kinder werden in der Schule gezwungen, in der Aula christliche Lieder zu singen – unter dem Hohn und Spott aller Anwesenden. Batyr lässt sich nicht einschüchtern. Er möchte Menschen für Jesus begeistern. Die Gemeinden wachsen – allerdings nur kurz. Die Regierung versucht, Batyr aus dem Verkehr zu ziehen. Der Tag, nachdem sie seine Verteilaktion der Bibeln jäh stoppte, ist der seiner Verhaftung. Er weiß, dass ihm keine rosige Zukunft bevorsteht. „Viele Tiere in Europa werden besser behandelt als Häftlinge in Turkmenistan.“

„Sie haben mich getreten wie einen Fußball“

Batyr wird geschlagen, gefoltert und malträtiert, wie es in brutalen Hollywood-Streifen gezeigt wird. Zeitweise treten neun kräftige Offiziere ihn wie einen Fußball – nächtelang. Seine Hände sind nach hinten gefesselt, damit er die Tritte und Schläge nicht abwehren kann. Die Handschellen sind so eingestellt, dass jede Bewegung höllische Schmerzen verursacht. Damit wollen die Gefängnisaufseher den Menschen brechen.

Er soll ihnen wichtige Information zur christlichen Szene geben und Gott leugnen. Die Männer toben sich aus, bis sie genug haben. Dann verlassen sie die Zelle, um eine Zigarette zu rauchen. Das wiederholt sich einige Wochen jeden Abend. Tagsüber werden die Häftlinge verhört, abends beginnt die Tortur. Am schlimmsten ist es, wenn die Häftlinge die Fragen nicht zur Zufriedenheit der Gefängnismitarbeiter beantworten. Manchmal setzen seine Peiniger ihm eine Gasmaske auf. Dann stoppen sie die Sauerstoffzufuhr, bis er bewusstlos ist. Auch mit einem elektrischen Stuhl und Stromstößen, die sie durch den Körper jagen, versuchen sie ihr Ziel zu erreichen. Batyr hat dies erlebt: „Es war so dosiert, dass Gefangene es gerade noch aushalten konnten.“ Der Pastor soll Chris­tus verleugnen und aufhören, von ihm zu predigen. „Ich habe bei jedem Schrei und Tritt nach Jesus gerufen, um das zu beenden. Er soll mich aus dieser Tortur befreien.“

Seine Frau erkannte ihn nicht wieder

Verstehen konnte er nicht, warum dies mit ihm geschah. Er war weder ein Verbrecher noch ein Drogendealer. Nicht einmal Mafia-Mitglieder folterten sie so, meint Batyr zu wissen. Um die Tortur zu beenden, verleugnet er Gott: „Sie haben mich zerbrochen.“ Er kommt frei – und predigt weiter.

Seine Frau erkennt ihn bei seiner Rückkehr kaum wieder: Sein Gesicht ist geschwollen. Er hat überall blaue Flecken und kann kaum normal laufen. Warum kommt sein allmächtiger Gott nicht zu Hilfe und schickt seine Engel, um die Peiniger zu stoppen? Übersieht ihn Gott?

Eine schnelle Antwort findet er nicht. In der Rückschau sagt er: „Gott war in dieser Zeit neben mir.“ Auch Paulus sei im Gefängnis wegen seines Glaubens gefoltert worden. Auch dies habe Gott zugelassen.

Heute glaubt Batyr, dass sein Stolz und sein Egoismus die größten Hindernisse seines Lebens waren. „Ich musste erfahren, wie schwach ich wirklich war. Wenn ich schwach bin, bin ich stark durch Gott.“ Diese Lektion hat er für sich gelernt. Seit 26 Jahren ist er inzwischen Christ. In dieser Zeit hat er immer wieder erfahren, „dass Jesus mir Dinge zumutet, damit Er groß wird. Das tut weh und ist schmerzhaft, aber wenn es nötig ist, ist es eben nötig“, sagt der siebte turkmenische Christ.

In der Ausgabe 4/2019 des Christlichen Medienmagazins pro finden Sie mehrere Beiträge zum Thema Christenverfolgung und Religionsfreiheit. Sie können das Magazin hier kostenlos bestellen.

Von: Johannes Blöcher-Weil

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