Die Syrerin Jehan Awan ist vor vier Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland geflohen. Aus Dankbarkeit für die Hilfe, die sie damals hier bekam, will sie auch andere Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Deutschland unterstützen.

Die Syrerin Jehan Awan ist vor vier Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland geflohen. Aus Dankbarkeit für die Hilfe, die sie damals hier bekam, will sie auch andere Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Deutschland unterstützen.

Neues Projekt für Flüchtlinge: „Stachel gegen Gleichgültigkeit“

Von der Hilfsbereitschaft Ehrenamtlicher lebt das Pilotprojekt „Neustart im Team“ (NesT): Mentorengruppen unterstützen ausgewählte Flüchtlinge. Auch die Kirchen sind aktiv dabei. In Berlin stellte am Mittwoch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) das Projekt vor.

NesT – diese Abkürzung suggeriert Geborgenheit und Zuhausesein. Sie steht für „Neustart im Team“, ein Projekt, um mit Mentorengruppen Flüchtlingen vor Ort bei der Integration in die deutsche Gesellschaft zu helfen. „NesT kann keine hinreichende Antwort sein auf das Versagen der europäischen Politik, aber vielleicht ist es ein Stachel gegen die Gleichgültigkeit, gegen das Wegsehen, gegen das Verdrängen“, sagt Ulrich Möller, Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW). „Und es zeigt: Jeder, jede von uns kann Teil der Lösung werden.“

Ins Leben gerufen haben das Projekt das Bundesinnenministerium, die Integrationsbeauftragte und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). NesT, das bedeutet konkret: Insgesamt 500 Flüchtlinge sollen in Deutschland jeweils von einer Mentorengruppe begleitet werden. Wenn sich eine solche Gruppe gefunden und registriert hat, kommen die zu betreuenden Flüchtlinge im Rahmen des Resettlements nach Deutschland. Sie sind also besonders schutzwürdig und dürfen daher von ihrem Erstaufnahmeland auf legalem Weg direkt einreisen. Ausgewählt werden sie vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR).

In Deutschland sind dann mindestens fünf Personen für einen Einzelnen oder eine Familie zuständig. Sie machen im Grunde das, was sie bisher auch getan haben: den Flüchtlingen ganz praktisch im Alltag zur Seite stehen. Auch finanzielle Unterstützung gehört dazu: Die Mentoren müssen etwa die Finanzierung der Netto-Kaltmiete für zwei Jahre sichern.

Mentoren müssen für Miete aufkommen

25 Mentorengruppen haben sich bereits gefunden, weiß Pfarrer Edgar Born von der Zivilgesellschaftlichen Kontaktstelle (ZKS) am Institut für Kirche und Gesellschaft der EKvW in Schwerte, die als eine von mehreren Kontaktstellen das Antragsverfahren begleitet. „Darunter sind Menschen, die kirchliche Anbindung haben, es gibt kommunale Gruppen, eine Gruppe aus einer Migrantenselbstorganisation heraus und eine Gruppe, die sich privat zusammengetan hat.“ Diese Mentoren werden noch einmal geschult und auch während des Programms begleitet und fortgebildet. In der Regel haben die Mentoren bereits Erfahrung in der Unterstützung von Flüchtlingen.

Haben das NesT-Projekt und die kirchliche Beteiligung daran vorgestellt (v.l.n.r.): Ulrich Lilie, Diakoniepräsident; Martin Dutzmann, EKD-Bevollmächtigter Berlin und Brüssel; Oberkirchenrat Ulrich Möller, EKvW; Jehan Awan, Mentorin; Edgar Born, ZKS; Rüdiger Höcker, Mentor

Haben das NesT-Projekt und die kirchliche Beteiligung daran vorgestellt (v.l.n.r.): Ulrich Lilie, Diakoniepräsident; Martin Dutzmann, EKD-Bevollmächtigter Berlin und Brüssel; Oberkirchenrat Ulrich Möller, EKvW; Jehan Awan, Mentorin; Edgar Born, ZKS; Rüdiger Höcker, Mentor

Die Evangelische Kirche von Westfalen ist bei NesT besonders engagiert: Sie übernimmt allein 120 der 500 NesT-Kandidaten. Rüdiger Höcker, ehemaliger Superintendent, ist einer der Mentoren im nordrhein-westfälischen Minden. NesT bietet den Flüchtlingen gute Startbedingungen, meint er. Sie bekämen eine Wohnung, würden sensibel und fachkundig begleitet und müssten keine Angst haben vor Abschiebung: „Sie können sich konzentrieren auf das Ankommen.“ Ansonsten sei NesT erst einmal eine Theorie, die den Praxistest noch bestehen müsse. „Kleine Webfehler“, wie Höcker es nennt, entdeckt er schon jetzt: „Davon auszugehen, dass die, die Geld haben, auch die sind, die Zeit haben, Menschen in unsere Gesellschaft zu integrieren – und umgekehrt –, ist zumindest gewagt.“

Minden hat deshalb ein eigenes NesT-Modell entwickelt: Das finanzielle Risiko trägt der Kirchenkreis, die Ehrenamtlichen bringen ihre Zeit und Erfahrung ein. „Als westfälische Kirche nehmen wir Geld in die Hand, um den Start des NesT-Projektes zu erleichtern“, erklärt auch EKvW-Oberkirchenrat Möller. Ein 425.000 Euro-Fonds ist für die 120 Flüchtlinge angelegt, er soll die Miete abdecken und ist zu 30 Prozent ein Zuschuss an die Mentorengruppen, zu 70 Prozent ein zinsloser Kredit. Den sollen aber möglichst auch nicht die Mentoren selbst zurückzahlen, sondern Sponsoren.

Erfolgsgeschichten der Integration entwickeln

Keinesfalls solle der Staat mit dem Projekt aus der Verantwortung entlassen werden, betont Martin Dutzmann, EKD-Bevollmächtigter in Berlin und Brüssel. „Der Staat bleibt in der Verantwortung, aber wir unterstützen ihn als Zivilgesellschaft darin, geflüchteten Menschen Schutz zu bieten.“ Darauf legt auch Möller Wert. „Was der Staat an normalen Resettlement-Programmen zusagt im Rahmen der europäischen Absprachen, das soll er weiter tun“, erklärt der Oberkirchenrat. „Das NesT-Programm ist zusätzlich und muss zusätzlich bleiben.“ Als solches liege aber auch dem Bundesinnenministerium an einem Gelingen des Projekts, da es wichtig sei, Erfolgsgeschichten der Integration zu entwickeln.

Für eine solche Erfolgsgeschichte steht Jehan Awan. Die 31-Jährige hat selbst erlebt, was es heißt, ein Flüchtling zu sein. Vor vier Jahren kam sie mit Mann und kleinem Kind aus Syrien nach Deutschland. Heute lebt sie mit ihrem Mann und den zwei Töchtern im westfälischen Schale und ist dort nun selbst Mentorin. Als sie von dem NesT-Projekt hörte, war ihr klar, dass sie dort mitmacht. „Ich war damals froh, dass Deutschland mich aufgenommen hat, ich brauchte Sicherheit für meine Familie“, erzählt Awan. Eine deutsche Familie half ihnen damals sehr. Die kleinen Kinder durfte sie zu ihnen zum Deutschkurs mitbringen. „Meine Kinder nennen die Frau immer noch ‚Oma‘“, sagt die junge Frau. Die richtigen Großeltern kennen sie dagegen nur von Bildern. Der Kontakt zu Deutschen, mehr noch, echte Freundschaften, helfen bei der Integration, weiß Awan: „Jetzt möchte ich ein bisschen zurückgeben.“

Von: Christina Bachmann

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