Die Gelbwesten-Bewegung ist für den Missionsdirektor von „France Pour Christ“ Jean Gauggel so etwas wie eine Ersatzreligion der Franzosen geworden

Die Gelbwesten-Bewegung ist für den Missionsdirektor von „France Pour Christ“ Jean Gauggel so etwas wie eine Ersatzreligion der Franzosen geworden

„Manche Kreisverkehre waren Ersatzkirchen“

Die Macht der katholischen Kirche schwindet in Frankreich besonders stark. In einem Beitrag der Tageszeitung Die Welt hat der Politologe Jérôme Fourquet die Ent-Christianisierung des Landes beklagt. pro hat den Direktor der Missionsorganisation „France Pour Christ“ Jean Gauggel gefragt, was das für die Christen im Land bedeutet.

pro: Wenn Sie die französische Gesellschaft beschreiben: Welche Attribute wählen Sie?

Jean Gauggel: Wir haben eine zerbrochene und gespaltene Gesellschaft. Bevor Emmanuel Macron Staatspräsident wurde, ging ein Riss durch die politischen Lager. Heute besteht der Bruch zwischen den Menschen in den Metropolen und denen in der Peripherie und den ländlichen Gebiete. Es gibt diejenigen, die mehr Europa wollen, und diejenigen, die die unglücklichen Folgen der Globalisierung bedauern.

Ist die Lage wirklich so dramatisch?

Franzosen sind einerseits sehr kritisch, vertrauen aber sehr schnell den Aussagen sozialer Netzwerke. Sie hinterfragen alles und doch nehmen viele von ihnen Gerüchte als journalistisch geprüfte Wahrheit an. Gleichzeitig ist die französische Gesellschaft verängstigt und zerstreut. Die Bevölkerung sucht den idealen Leiter, der komplexe Fragen schnell beantwortet. Die Gelbwesten haben eine Sehnsucht gezeigt nach Gemeinschaft. Manche Kreisverkehre, auf denen sie sich getroffen haben, sind zu einer Art „Ersatzkirchen“ für die Menschen geworden. Der Kampf gibt dem Tag einen Sinn und dem Alleinstehenden Gemeinschaft.

Was hält das Land noch zusammen?

Das musikalische Erbe. Der Tod von Rockstar Johnny Hallyday im Dezember 2017 war ein nationaler Trauertag. Tausende von Fans sangen seine Lieder zum Abschied. Emotionen zeigten die Franzosen auch nach Attentaten etwa auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt oder nach dem Brand in Notre Dame. Bei Großveranstaltungen wie der Frauen-Fußball-WM steht das Land zusammen. Ich persönlich finde durch die Verbindung zu Jesus die wahre Beziehung zu Gott und den anderen. In seiner Gemeinde finde ich, was Millionen Menschen in Vereinen suchen.

Die deutsche Tageszeitung Die Welt schreibt von einer postchristlichen Ära in Frankreich. Was bedeutet das für die Christen im Land?

Das Wissen der Menschen, die nur auf dem Papier Christen sind, verwässert immer mehr. Viele gemeinsame Werte und ethische Referenzen verschwinden. Wenn Gott nicht mehr in meinem Denken vorkommt, bin ich allein im Universum. Wenn es keinen liebenden Gott gibt, muss ich auch vor niemandem Rechenschaft ablegen. Jeder Einzelne entscheidet, was moralisch richtig und falsch ist. So verliert der andere sehr schnell an Wert im Vergleich zu meinem Egoismus, und die Gesellschaft verarmt. Die postchristliche Ära ist aber auch eine wunderbare Chance. Das katholische Erbe enthielt auch falsche Lehren. Wer vor 30 Jahren von Jesus und Gott erzählte, musste zuerst viele Vorurteile abbauen. Heute dominieren Leere und Ignoranz die Gesellschaft. Das Evangelium sät man auf einen anderen Boden.

Wie konnte es zu dieser postchristlichen Ära kommen?

Es gibt viele Gründe. Der Entscheidende ist für mich, dass die gute Botschaft zu wenig gepredigt wird. Wir sind zu lange davon ausgegangen, dass Millionen Anhänger kirchlicher Organisationen wirklich Jünger Jesu waren. Die Kirchen predigten ihnen eine christliche Moral und wie ein Christ sich zu verhalten hat. Leider haben sie dabei vergessen zu vermitteln, dass Menschen ohne persönliche Beziehung zu Jesus geistlich tot bleiben.

Die Zahl der Kirchgänger ist aus Sicht des Politologen Jérôme Fourquet wie „Schnee in der Sonne“ zusammengeschrumpft. Warum?

Ich war lange Zeit auch nur Kirchgänger und hatte keine persönliche Beziehung zu Jesus. Als mir klar wurde, was er für mich getan hat, war ich bereit, mein Leben für Gott zu investieren. Die sinkende Zahl der Kirchgänger hat auch ihr Gutes. Die Heuchelei nimmt ab. Aktuell verzeichnen die evangelikalen Gemeinden den größten Zuwachs. Wir müssen authentisch sein. Der stellvertretende Bürgermeister einer französischen Stadt hat einmal zu mir gesagt: „Stellen Sie mir einen Christen dieser Stadt vor, der ganz konsequent nach seinem Glauben lebt, dann können wir unser Gespräch vertiefen.“ Das ist die Herausforderung. Wir sollen Licht und Salz in unserem Umfeld sein. Unser Verhalten muss lauter sprechen als unser Mund. Unsere Mitmenschen wollen keine Schwätzer. Sie möchten Menschen, die durch ihr Benehmen ihre Überzeugungen beweisen.

Fourquet schreibt, dass die Ent-Christianisierung Frankreichs „so gut wie abgeschlossen“ sei. In welchem Stadium sehen Sie Frankreich?

Viele Franzosen wissen wenig über Jesus und die Bibel. Wir haben letztens in einer französischen Großstadt Kalender verteilt. Ich fragte einen Teenager, ob ich ihm einen Kalender mit Geschichten von Jesus schenken könnte. Er wusste weder etwas über Jesus noch über die Bibel. So sieht wohl die Realität im Dschungel der französischen Hochhäuser aus. Vor 30 Jahren haben die Leute gefragt, wer Gott ist. Heute fragen die Menschen, ob es überhaupt einen Gott gibt. Bei einer Umfrage der Zeitung „le Point“ vor wenigen Wochen haben 58 Prozent der Befragten angegeben, keiner Religion anzugehören. Gefragt wurde danach, was der Hauptgrund ist, warum die Menschen an Gott glauben – oder eben nicht.

Was kann die Gesellschaft zusammenhalten und wie können Christen dabei mithelfen?

Das Gebilde ist zerbrechlich. Wir können unseren Egoismus und Stolz zurückstellen. Die Veränderung muss bei mir persönlich beginnen, in Ehe und Gemeinde. Mein Gegenüber merkt an meinem Umgang mit ihm und mit meinem Geld, wer mein Gott ist. Ich möchte dem anderen liebevoll begegnen. Diese Sprache kann jeder verstehen. Liebe ohne Wahrheit ist Betrug. Wir Christen sollen Frieden stiften. Wer sich von Gott mit Weisheit beschenken lässt, lebt friedvoll, unparteiisch und lässt sich etwas sagen. Das schlägt sich auf alle Lebensbereiche nieder. Christen sollen Brücken bauen und den anderen in seinem Umfeld erreichen und nicht da, wo ich ihn haben möchte. Christen treffen sich, um sich gegenseitig auszurüsten. Dann sollen sie nach außen gehen, um ihre Mission zu erfüllen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Jeannot Gauggel ist Direktor der Missionsorganisation „France Pour Christ“

Jeannot Gauggel ist Direktor der Missionsorganisation „France Pour Christ“

Information: Der Verein „France Pour Christ“ ist ein französisches Evangelisationswerk, das 1977 entstand. Die Organisation verfolgt drei Ziele: Menschen mit Jesus bekannt machen und zum Glauben an ihn einladen; Gemeinden stärken, Christen und Gemeinden schulen; Gemeindenetzwerke entwickeln.

Von: Johannes Blöcher-Weil

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