In der Flüchtlingskrise haben Medien oft einseitig berichtet, aber sie haben dazugelernt

In der Flüchtlingskrise haben Medien oft einseitig berichtet, aber sie haben dazugelernt

Medien haben UN-Migrationspakt verschlafen

Medien haben spät, dann aber lebhaft und facettenreich über den „UN-Migrationspakt“ berichtet. Das ist das Ergebnis einer Studie des Journalistik-Professors Michael Haller. Kritik muss sich auch vor allem die „Tagesschau“ von dem Medienwissenschaftler gefallen lassen.

In einer Studie mit dem Titel „Zwischen Flüchlingskrise und und Migrationspakt“ kommt der Journalistik-Professor Michael Haller zu dem Schluss, dass „die untersuchten Tageszeitungen [...] das Konfliktthema ‚UN-Migrationspakt‘ zwar sehr spät, aber dann kraftvoll in den öffentlichen Diskurs eingebracht und aus verschiedenen Blickwinkeln erörtert und bewertet haben.“

In der Studie hat Haller im Auftrag des Otto-Brenner-Instituts analysiert, „ob die tagesaktuellen Medien das Politikthema ‚Migration' heute offener, vielleicht diskursiver behandeln als früher und öffentlich zur Diskussion stellen“. Dazu hat er die Berichterstattung zum „UN-Migrationspakt“ von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), der Süddeutschen Zeitung (SZ), Der Welt, Der Tageszeitung (taz) und Bild sowie der ARD-„Tagesschau“ im zweiten Halbjahr 2018 mittels quantitativer und qualitativer Verfahren untersucht.

Leitmedien sitzen Agenda der Politik auf

2017 hatte Haller einen Forschungsbericht über die Berichterstattung in der Flüchtlingskrise im Herbst 2015 vorgelegt und war damals zu dem Schluss gekommen, „dass der Informationsjournalismus bei diesem vielschichtigen Thema seiner Aufgabe nicht gerecht“ geworden war und die Medien „einseitig – meist aus Sicht der politischen Eliten, zudem oft meinungsbetont“ berichtet hatten. Er wies den Informationsmedien in der Studie schwerwiegende „Dysfunktionen“ nach. In der aktuellen Studie fällt das Urteil nur geringfügig besser aus.

Die Medien hätten das Konfliktthema „UN-Migrationspakt“ zunächst verschlafen, stellt Haller fest. Diesen Umstand habe „die rechtspopulistische Opposition“ genutzt, um „über zahlreiche Onlinemedien ihre Desinformationskampagne unwidersprochen" auszubreiten. Haller erkennt darin Parallelen zur Berichterstattung über die Flüchtlingswelle. Er wirft den Leitmedien vor, „der von den Regierungsparteien inszenierten Polarität“ gefolgt zu sein: „Hier die liberal eingestellten Vertreter der Koalitionsparteien, dort die rechtsnationalen Schreihälse der AfD.“

Die Ursache dafür sieht der Forscher darin, „dass die Leitmedien weiterhin der Agenda der institutionellen Politik und ihrer Elite folgen und Konfliktstoff erst bearbeiten, wenn er von den Politik-Akteuren öffentlich thematisiert und zur Kontroverse zugespitzt wird.“ Erst später habe die Berichterstattung zu dem Thema unterschiedliche Gesichtspunkte, Kritik und juristische Bewertungen zutage gefördert und die Debatte über den Migrationspakt mit analytischen und informativen Beiträgen befeuert. Haller würdigt in seiner Studie die Berichterstattung von FAZ und Welt. Den beiden Zeitungen sei „eine partizipatorisch funktionierende Thematisierung auch heikler Aspekte“ gelungen.

„Tagesschau“ moralisiert und belehrt

Die Studie lässt erkennen, dass Medien aus der Berichterstattung über die Flüchtlingswelle 2015 gelernt haben. Haller schreibt: „Im Unterschied zur polarisierenden Umsetzung des Großthemas ‚Flüchtlingskrise' im Jahr 2015 folgen jetzt die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Welt dem Leitbild des diskursiven Journalismus, der verständigungsorientiert thematisiert.“ SZ, taz und Bild beharrten auf ihrem Anspruch, „die jeweils richtige Sicht dem Publikum monodirektional kundzutun“.

Kritik übt Haller an der Berichterstattung von „Tagesschau“, SZ und taz und verortet diese „eher als Propagandisten des Pakt-Projekts“, die „den Gegenargumenten“ kaum Raum gegeben und „sich insoweit dem Diskurs entzogen“ hätten. „Wenn die meinungsprägenden Leitmedien gesellschaftspolitisch brisante Vorgänge thematisieren, sind sie, allen voran die ‚Tagesschau', auf die Machtelite fixiert; sie informieren nach Maßgabe klassischer Nachrichtenfaktoren, die keine kritischen Rückfragen an die Quellen und opponierende Akteure vorsehen.“ Die „Tagesschau“ folge ihrem „tradierten Leitbild des moralisierenden Belehrungsjournalismus“. Dagegen betont Haller in der Studie die Bedeutung des Lokaljournalismus und dessen Nähe zum Publikum. „Wenn der Lokaljournalismus untergeht, wird der öffentliche Diskurs in Echokammern zerfallen und das Feld den Ideologien radikalisierter Gruppen überlassen."

Von: Norbert Schäfer

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