Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Neid? Betrug? Hauptsache nicht schwul!

Immer wieder setzt sich die öffentliche Debatte über Homosexualität in Gang. Sie wird emotional und kontrovers geführt – auch von Christen. Aber warum sind die Frommen bei diesem Thema viel empfindlicher als bei Neid, Gier oder Ungerechtigkeit? Eine Kolumne von Jürgen Mette

Es kommt einfach nicht zur Ruhe, das Thema Homosexualität. Anna Lutz und Jonathan Steinert haben in ihrem Pro- und Kontra-Kommentar in diesem Medium auf Jens Spahns Vorschlag reagiert, sogenannte Konversionstherapien zu verbieten. Beide Argumentationslinien sind transparent durchdacht und zur Debatte gestellt. Ich kann beiden Varianten einiges abgewinnen.

Je mehr beschwichtigende Erklärungen von evangelikaler Seite abgegeben werden, umso mehr wittert die Gegenseite, dass wir es nicht richtig ernst meinen und wir trotz aller Distanzierungen Homosexualität für eine therapierfähige Krankheit halten. Es gibt so viele offizielle Verlautbarungen aus evangelikalen Kreisen, es fehlt nicht an Papier. Es fehlt an demütiger Haltung den Menschen gegenüber, die sich in ihrer geschlechtlichen Disposition anders vorfinden. Und ich vermisse Lebensberichte von Ex-Schwulen und -Lesben, die durch ein langfristiges Konversionsprogramm zu Heteros gemacht wurden.

Ich bezweifle, ob man mit der Forderung einer „streng ergebnisoffenen Therapie“, wie es vom Vorstand der Deutschen Evangelischen Allianz heißt, den schwelenden Konflikt lösen kann, so sehr ich uns das wünschen würde. Haben wir uns als Allianz-Evangelikale bisher durch ergebnisoffene Gesprächskultur hervorgetan? Ein generelles Beratungsverbot erscheint mir genauso abwegig, wie die Propagierung desselben. Alleine, dass einschlägige, mit versteckter Kamera gedrehte Reportagen online unterwegs sind, mit denen man offensichtlich Beratungsszenen mitgeschnitten hat, zeigt die Abgründe zwischen den verfeindeten Lagern.

Wer wurde schon wegen Schwarzarbeit aus der Gemeinde ausgeschlossen?

Das Thema Homosexualität wird nicht zur Ruhe kommen, bis wir vielleicht durch Erkenntnis eigener Verfehlungen im (hetero-) sexuellen Bereich kapitulieren und uns der Gnade Gottes völlig ausliefern. Dann erst wird dieses intime Thema endlich in Gnade und Barmherzigkeit getaucht. Dann hebt keiner mehr den ersten Stein.

Wir Evangelikalen spalten uns ausgerechnet an dieser intimen und seelsorgerlichen Frage, nicht etwa am Rest des Befundes aus dem Römerbrief, Kapitel 1,29 ff: Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habsucht, Bosheit, Neid, Mordlust, Zank, Betrug; Verleumder, Freche, Übermütige, Prahler; den Eltern ungehorsam, unversöhnlich, unbarmherzig …

Das alles wird scheinbar toleriert. Oder wurde schon einmal ein Gemeindeleiter wegen Neides und Habsucht (z.B. Schwarzarbeit) von der Mitarbeit ausgeschlossen? Es ist diese selektive Wahrnehmung, das Vernachlässigen aller anderen Zielverfehlungen, welche homosexuelle Glaubensgeschwister so verletzt. Ich habe fromme Leute erlebt, die das Recht beugen, die Wahrheit verbiegen und als Heterosexuelle Homosexuelle verachten. Dagegen steht keiner auf. Gemeindezucht? Ausschluss? Mitnichten! Hauptsache nicht schwul oder lesbisch. Warum war dieser schwerwiegende uns alle betreffende Befund kein Anlass für die Gründung einer Bekenntnisinitiative?

Das ist alles so durchschaubar und scheinheilig. Gott selbst wird gerecht richten, nicht wir. Ein tröstlicher Gedanke für alle Betroffenen, die sich ihrer gleichgeschlechtlichen Disposition schämen, darunter leiden oder glücklich damit sind. Und auch für die, die jetzt schon zu Gericht sitzen. Der Schlüssel heißt Gnade.

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