Beim Abschreiben der Bibel in ihrem Büro konnte Annette Hesmert zur Ruhe kommen

Beim Abschreiben der Bibel in ihrem Büro konnte Annette Hesmert zur Ruhe kommen

„Bibel ist das beste Seelsorge-Buch der Welt“

Annette Hesmert hat es nach fast neun Jahren geschafft. Sie hat das Buch der Bücher – die Bibel – in Luthers revidierter Fassung abgeschrieben. Wort für Wort. Damit möchte sie keine Rekorde einheimsen, sondern Menschen ermutigen, die Bibel wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Die Bibel hat 66 Bücher. Je nach Übertragung sind es etwa 31.171 Verse und 4,4 Millionen Buchstaben. Annette Hesmert kennt sie alle. Nicht auswendig. Aber die pharmazeutisch-technische Assistentin aus Hüttenberg in Mittelhessen hat sie alle per Hand abgeschrieben. Sie wollte damit keine Rekorde aufstellen, sondern die Bibel „schreibend“ lesen – vom ersten bis zum letzten Wort.

Der Gedanke kam ihr in einer schwierigen Lebensphase. „Als Kind haben mich die Kalligraphen in den Klöstern fasziniert“, erklärt sie. Hesmert wuchs in einem christlichen Elternhaus auf. Schon als Jugendliche nahm sie sich bewusst Zeit, um in der Bibel zu lesen: „Oft habe ich Gottes Fingerzeige für mein Leben darin entdeckt.“

Den jungen Menschen die Bibel schmackhaft machen

2009 erlebte Hesmert eine Zeit des persönlichen Umbruchs. Mit ihrem Mann Michael zog sie ins mittelhessische Hüttenberg. Bei ihrem Arbeitgeber gab es Veränderungen, die sie stark beschäftigten. Zudem bekam ihr Mann zunehmend gesundheitliche Probleme. Er kam mit einer Körperbehinderung zur Welt und ist seit vielen Jahren Dialysepatient. Bei ihr selbst wurde eine seltene Hormonerkrankung diagnostiziert.

Beide Ehepartner engagierten sich ehrenamtlich im Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM). Den Jugendlichen wollten sie die Bibel schmackhaft machen, weil sie selbst in allen Lebenslagen von ihr profitierten. Die Mischung aus all dem führte zu ihrem Bibel-Projekt. Bevor sie zu schreiben begann, betete sie jedes Mal, dass sie die Texte verstehen würde. Buchstabe für Buchstabe und Wort für Wort wuchs ihr Werk. Sie wollte die Geschichten lesen, schreiben und die Inhalte reflektieren.

Depressionen: Gott half

Viele biblische Personen kannte sie von klein auf. Doch sie entdeckte sie wieder neu. Auch weniger bekannte Figuren hinterließen einen bleibenden Eindruck. Am wichtigsten wurden ihr Menschen, die Gott ihre Fragen stellten und dann mit ihm Wunder erlebten. Vor allem Hiob, der alles verloren hatte, und dessen tiefe Treue zu Gott beeindruckten Hesmert: „Er hatte alles unverschuldet verloren, was ihm irdische Sicherheit gab.“

Phasen der Rat- und Machtlosigkeit kannte das Ehepaar Hesmert sehr gut. Infolge einer komplizierten Operation entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit bei Michael Hesmert eine schwere Depression. Für den sonst so lebensfrohen und zuversichtlichen Mann kam dies völlig unvorbereitet. Innerhalb weniger Tage rutschte er in ein tiefes Loch und wollte nicht mehr leben. „Wir haben nach dem Warum gefragt. Wir durften wie Hiob erleben, dass Gott lebt und alles vermag.“ Sie hatten in dieser Phase Seelsorger und Beter. „Wir wurden vor Schlimmerem bewahrt und Gott half uns aus einer schweren Zeit heraus.“

Bestimmte Verse hat sie noch verziert und kalligraphisch aufbereitet

Bestimmte Verse hat sie noch verziert und kalligraphisch aufbereitet

Tiefe Spuren hinterließen bei Hesmert auch die Psalmen. Vielleicht, weil die Verfasser genau ihre Fragen stellten: „Und wir dürfen sie auch stellen“, sagt sie. Gemeinsam mit Zachäus erlebte sie, dass sie auch alle Belastungen bei Jesus abladen kann und dieser jedem Menschen Vergebung schenkt, der sich auf ihn einlässt. An manchen Passagen biss sie sich die Zähne aus und verstand sie nicht. Aber auch aus den trockenen Geburtsregistern konnte sie etwas mitnehmen. „Kein Volk der Erde hat eine so detaillierte Beschreibung seiner Historie wie Israel.“ In den Schreibphasen konnte Hesmert zur Ruhe kommen, auch wenn es manchmal recht monoton war: „Gerade in Krisenzeiten war der Schreibtisch mein Zufluchtsort.“

Mit Feder und Tinte

Von der „Bittenden Witwe“ konnte sie lernen, dass es manchmal gut ist, für sein Recht zu kämpfen, auch wenn es aussichtslos scheint. Aber vor allem entdeckte sie in jedem einzelnen Buch der Bibel die große Liebe Gottes zu seinen Menschen. Das Schreiben habe ihr geholfen, historische Zusammenhänge neu zu verstehen. Ihr Projekt hat sie jetzt in 13 karierten „Herlitz-Heften“ vollendet. Viele Kugelschreiber verbrauchte sie. Als Nebenprodukt ihrer Studien ist ein Dossier über die Frauen der Bibel entstanden.

In Erinnerung an die alten Kalligraphen hat sie manche Verse kalligraphisch mit Feder und Tinte gestaltet. Das Projekt konnte viele Lebensfragen beantworten, andere sind geblieben, neue dazugekommen. Ihre Entdeckungen wünscht sie auch anderen Bibellesern: „Gerade in Krisenzeiten habe ich gelernt, wie gut es ist, Gott zu vertrauen. Und ich lerne es immer wieder neu. Mein Schreib-Streifzug durch die Bibel ist somit ein wunderbares therapeutisch und seelsorgerlich wertvolles Projekt geworden.“

Von: Johannes Blöcher-Weil

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