Der israelische Historiker und Holocaust-Überlebende Saul Friedländer hat dazu aufgerufen, aktuelle Formen des Antisemitismus zu bekämpfen.

Der israelische Historiker und Holocaust-Überlebende Saul Friedländer hat dazu aufgerufen, aktuelle Formen des Antisemitismus zu bekämpfen.

„Mein neues Leben begann erst in Israel“

In der Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag hat der Historiker Saul Friedländer dazu aufgerufen, für das Existenzrecht Israels einzutreten. Kritik an der Politik sei oft verschleierter Antisemitismus.

Der israelische Historiker und Holocaust-Überlebende Saul Friedländer hat am Donnerstagmorgen in einer Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag dazu aufgerufen, aktuelle Formen des Antisemitismus zu bekämpfen. Dazu gehöre auch, das Existenzrecht des Staates Israel zu verteidigen. Dies sei eine „moralische Verpflichtung“, da das Existenzrecht von der extremen Rechten und Linken heute wieder infrage gestellt werde.

Der 86-Jährige betonte, es sei zwar legitim, die Politik der israelischen Regierung zu kritisieren. „Aber die schiere Heftigkeit und das Ausmaß der Angriffe sind schlicht absurd.“ Für Friedländer enthalten diese Angriffe „den Beigeschmack eines notdürftig verschleierten Antisemitismus“.

Schicksal einer Familie

Friedländer schilderte in seiner Rede zunächst anhand von Tagebuchzeugnissen Erlebnisse von Juden während der nationalsozialistischen Verfolgung. Er kam dann auf die Geschichte seiner Familie zu sprechen, die am Vorabend des Weltkrieges als deutschsprachige Juden in Prag lebte. 1932 wurde er dort geboren. 1939 flohen seine Eltern nach Frankreich. Doch im Juli 1942 begann die französische Polizei nach einem Abkommen mit den Nazis mit der Verhaftung ausländischer Juden. „Dank der Hilfe christlicher Freunde“ kam er in einem katholischen Knabenseminar unter, während sich die Eltern in einem Krankenhaus versteckten.

Im September 1942 flohen die Eltern in die Schweiz, jedoch ohne ihren Sohn, weil es ihnen zu riskant erschien, ihn mitzunehmen. In der Schweiz wurden sie jedoch abgewiesen. „Ausgerechnet während dieser Woche erlaubte man Ehepaaren mit kleinen Kindern, zu bleiben“, sagte Friedländer. „Wäre ich dabei gewesen, hätten wir wahrscheinlich in der Schweiz bleiben dürfen.“ Die Eltern wurden den französischen Behörden übergeben, in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Israel als Heimat

Nach Kriegsende begann für Friedländer, wie er sagte, ein neues Leben – „richtig begann es aber erst in Israel“, betonte er. In den jüdischen Staat kam er 1948, nachdem er sich zuvor schon mit zionistischen Ideen befasst hatte. „Für Juden wie mich, und für Juden überall, die einen eigenen Staat brauchten und ersehnten, war dessen Erschaffung lebensnotwendig. Für mich und meine Generation europäischer Juden bedeutete Israel damals eine Heimat, ein Gefühl von Zugehörigkeit. Und das ist es für mich letztlich bis zum heutigen Tag – ungeachtet meiner Kritik an der Politik seiner Regierung.“

In Israel diente Friedländer von 1951 bis 1953 in der Armee und studierte schließlich, unter anderem am Institut für Politikstudien in Paris. 1963 promovierte er in Genf und unterrichtete ab 1967 an Universitäten, zunächst an der Hebräischen Universität in Jerusalem, später auch in Tel Aviv. Dabei befasste er sich vor allem mit dem Holocaust. In seinen Werken stellt er die Stimmen der Opfer in den Mittelpunkt.

Für seine Arbeiten erhielt Friedländer zahlreiche Auszeichnungen, unter anderen den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2007 und 2008 den Pulitzer-Preis für sein Werk „Das Dritte Reich und die Juden“.

Von: Daniel Frick

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