Globuli bestehen zum größten Teil aus Zucker

Globuli bestehen zum größten Teil aus Zucker

So wahr es mir helfe

Die einen schwören darauf, die anderen verteufeln sie: Homöopathie ist unter Christen umstritten.

„Bist du Christ oder Homöopath?“, wird Hein Reuter oft gefragt. Der Allgemeinmediziner macht etwas, was viele christliche Ärzte ablehnen: Er behandelt Patienten nicht nur mit gewöhnlicher Medizin, sondern auch homöopathisch. „Ein Spießrutenlaufen“, nennt Reuter die Reaktionen der frommen Kollegen.

Seit mehr als 200 Jahren gibt es den alternativen Heilansatz. Erdacht hat ihn der Meißner Arzt Samuel Hahnemann. Er ging davon aus, dass Krankheiten mit „Gleichem“, griechisch „homoios“, bekämpft werden müssen. Um seine Patienten nicht zu vergiften, verdünnte und verschüttelte Hahnemann die Substanzen. Die Wirkung gehe dadurch nicht verloren – im Gegenteil, war er überzeugt. Denn erst durch diese sogenannte „Potenzierung“ werde die „im innern Wesen der Arzneien verborgene, geistartige Kraft“ freigesetzt, die in der Lage sei, „Menschenbefinden umzuändern und daher Krankheiten zu heilen“. Der Mensch sei mehr als Fleisch und Blut, daher müssten Krankheiten auch auf Geistesebene geheilt werden. Heutige homöopathische Mittel sind etwa in der Potenzierung „D6“ oder „C3“ erhältlich. Ein Tropfen unverdünnte „Urtinktur“ trifft dabei auf eine Million Tropfen Lösungsmittel. Homöopathen rechnen damit, dass die Wirkung mit höherer Potenzierung, also stärkerer Verdünnung, sogar noch ansteigt. „D24“ ist eine solche Hochpotenz. Ein Tropfen der Urtinktur kommt dabei auf etwa 100.000 atlantische Ozeane. Moleküle des Ausgangsstoffes sind darin längst nicht mehr nachweisbar.

Die meisten Mediziner halten das für esoterisch. Als Hein Reuter Christ wurde, machte er es sich daher auch nicht leicht mit der Frage, weiterhin Homöopathie zu praktizieren. Schon im Studium war er mit der Alternativmedizin in Berührung gekommen – über seinen Kater. Mehrere Ärzte hatten das Tier vergeblich gegen dessen Blasenentzündung behandelt, dennoch blutete es stark. Auf Anraten von Freunden ging Reuter, wenn auch skeptisch, zu einem homöopathischen Tierarzt. Die Reuters erwarteten bald ein Kind, bis zur Geburt sollte der Kater unbedingt gesund sein. „Erst gab es ein langes Vorgespräch, dann grinst der Arzt mich an und sagt: ‚Vier Wochen? Kein Problem!‘“, berichtet Reuter. Der Kater wurde nach einer homöopathischen Behandlung mit potenziertem Arsen wieder gesund.

Reuter war empört. Der Medizinstudent verstand nicht, was das Tier geheilt hatte. Er besuchte eine Homöopathie-Konferenz, deckte sich mit einem Stapel antiquarischer Bücher über das Thema ein – und war begeistert. Nach seiner Bekehrung zu Jesus hielt er inne. Erst nach langem Gebet mit einem Pastor und anderen Medizinern entschloss er sich, wieder homöopathisch zu arbeiten. „Meine Aufgabe ist nicht, das letzte Urteil über Homöopathie zu fällen, sondern dass ich die Patienten, denen ich Unfug erzählt habe, der für einen Christen nicht in Ordnung ist, jetzt anders behandle und mit ihnen den Willen des Herrn suche.“ Mit „Unfug“ meint der Arzt, wenn Homöopathen etwa pendeln, um eine heilende Arznei zu finden, oder „Murus Berlinensis“, „Berliner Mauer“, in potenzierter Form verabreichen, um Klaustrophobie zu behandeln. Das schade nicht nur dem Ruf der Disziplin, sondern wäre auch von Hahnemann verhöhnt worden.

Homöopathie gilt als widerlegt

Reuter spricht in der Anamnese das ganze Leben des Patienten durch. Oft wird daraus ein Seelsorgegespräch. Viele davon enden im Gebet, sogar von Bekehrungen berichtet der Arzt. Homöopathie hält er nicht für Esoterik. Wenn Hahnemann von „Geistkraft“ gesprochen habe, sei das natürlich ein problematischer Begriff, der aber dem damaligen Wissenschaftshorizont entsprochen habe. Radiowellen oder Röntgenstrahlen seien noch unbekannt gewesen. „Das Verschütteln und Verrühren hat etwas mit einem Feld zu tun, das einem Magnetfeld ähnelt“, sagt Reuter.

Allerdings: Auch mit heutigem Wissen und Messmethoden ist bei homöopathischen Mitteln nichts nachweisbar, was durch Potenzierung entstanden sein könnte. Reuter macht fehlende Mittel für den aus seiner Sicht unbefriedigenden Forschungsstand verantwortlich. Ganz anders sieht es Natalie Grams. Einst war sie überzeugte Homöopathin, bis sie sich mit der Kritik daran auseinandersetzte. In ihrem Buch „Homöopathie neu gedacht“ berichtet sie von ihrer Veränderung. „Hahnemann hat sich mit seiner Theorie einfach geirrt“, sagt Grams gegenüber pro.

Heutzutage stützt sich die Medizin auf empirische Belege: Medikamente gelten nur dann als wirksam, wenn sie ihre Wirksamkeit in seriösen Studien belegen können. Ärzte sind laut Grams nicht gut genug ausgebildet, um Studienlagen wirklich einschätzen zu können. „Ein Medizinstudium schützt einen nicht vor Humbug.“ Dabei gesteht auch Grams zu, dass Homöopathie zur Zeit ihres Erfinders Hahnemann ein positiver Gegenentwurf zur damaligen Medizin war. Damals herrschten teils absurde Vorstellungen darüber, was Krankheiten heilen könne: Cholerakranke Menschen sollten nichts trinken, um die Krankheit „auszutrocknen“. Eine doppelte Dehydrierung durch Durchfall und Wasserentzug war die Folge. Fieber wurde mit Aderlass und herbeigeführtem Erbrechen bekämpft – die Patienten wurden noch schwächer. Jahrzehnte nach Erfindung der Homöopathie waren es die Forscher Robert Koch und Louis Pasteur, die mit der Entdeckung von Viren und Bakterien für ein Umdenken sorgten: „Wenn etwas ausgeschwemmt werden muss, dann sind es Erreger“, sagt Grams.

Mehr als eine halbe Milliarde für Homöopathie

„Wer heilt, hat recht“, heißt es oft unter Verfechtern von Homöopathie. Grams stimmt dem zu, schränkt aber ein, dass man auch nachweisen müsse, was genau denn geheilt habe. Oft sei es die Zeit oder der Placebo-Effekt. Je größer und aufwändiger die Studien seien, desto eindeutiger sei das Ergebnis, dass Homöopathie nicht besser wirke als Placebo-Pillen. Tatsächlich gilt Homöopathie in weiten Teilen der Forschung als Pseudowissenschaft.

Trotzdem nehmen immer mehr Menschen homöopathische Arzneimittel zu sich. Waren es 2009 noch 53 Prozent, nahmen fünf Jahre später schon 60 Prozent der Deutschen Globuli und Co., wie das Allensbach-Institut herausgefunden hat. Laut dem Bundesverband der Arzneimittelhersteller haben die Deutschen 2017 629 Millionen Euro für homöopathische Mittel ausgegeben.

Beliebt sind die Globuli und Wässerchen vor allem, weil sie kaum Nebenwirkungen haben und gut verträglich sind. Hauptsächlich kommen sie bei gesundheitlichen Problemen zum Einsatz, die in der Regel von selbst wieder verschwinden: Erkältung, Sonnenbrand, Kopfschmerzen.

Grams will Homöopathen nicht verteufeln. Stattdessen sollen Ärzte von ihnen lernen: „Wir sollten den Placebo-Effekt mehr nutzen.“ Grams meint damit, dass Ärzte mehr Zeit für Patienten bekommen sollten, damit sie eine vertrauensvolle Beziehung zu ihnen aufbauen können, um damit die Selbstheilungskräfte im Körper zu aktivieren. Schon wenn ein Arzt anbiete, man könne ihn jederzeit anrufen, habe das eine beruhigende und heilende Wirkung auf den Patienten. 80 Prozent der Beschwerden, die den Menschen befallen, erforderten weder homöopathische noch sonstige Medikamente. „Vieles schafft der Körper alleine.“

Dieser Text erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe 6/2018 des Christlichen Medienmagazins pro. Bestellen Sie pro hier kostenlos.

Von: Nicolai Franz

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