Das Mount Rushmore-Denkmal in South Dakota ist ein wichtiges zivilreligiöses Monument. Ginge es nach den Machern von „The Trump Prophecy", müsste auch „The Donald“ zu den amerikanischen Heiligen zählen.

Das Mount Rushmore-Denkmal in South Dakota ist ein wichtiges zivilreligiöses Monument. Ginge es nach den Machern von „The Trump Prophecy", müsste auch „The Donald“ zu den amerikanischen Heiligen zählen.

Doku-Drama „The Trump Prophecy“: Donald Trump, der Gesalbte Gottes

Ein US-amerikanisches Doku-Drama sieht in Donald Trump das gesalbte Werkzeug Gottes, mit dem dieser die Geschicke Amerikas lenkt. Der Film steht in der langen Tradition der amerikanischen Zivilreligion. Zugleich zeigt er, in der Ära Trump, deren tiefe Krise. Eine Analyse von Martin Jockel

Mark Taylor ist Feuerwehrmann. Eines Tages muss er mit ansehen, wie bei einem Feuer ein Kind stirbt. Schwer traumatisiert hängt er seinen Job an den Nagel – und wird zum Propheten: Im Jahr 2011, so glaubt Taylor, spricht Gott zu ihm und verheißt ihm, dass Donald Trump eines Tages Präsident werden wird – und dass dies Gottes Wille sei. Taylor und andere beginnen aufgrund der Prophezeihung eine Gebetsbewegung, die Trump im Wahlkampf unterstützen soll.

So weit die eher dünne Handlung von „The Trump Prophecy“. Das US-amerikanische Doku-Drama basiert auf den Memoiren des realen Mark Taylor. Filmisch umgesetzt wurden die von den Reelwork Studios mit Unterstützung des Fachbereichs Film der konservativ-christlichen Liberty University. Filmprofessor Chris Nelson etwa spielt die Rolle Taylors – und das, obwohl tausende Studenten der Liberty University in einer Petition gefordert hatten, ihre Lehranstalt möge sich von dem Streifen distanzieren.

Dabei scheint die Universität der ideale Ort für die Produktion. Sie wurde 1971 von dem fundamentalistischen Prediger Jerry Falwell gegründet. Der hatte in den Siebzigerjahren unter anderem behauptet, der US-Präsident sei ein Werkzeug Gottes und der Vietnamkrieg gottgewollt. Die Anschläge vom 11. September waren später für Falwell eine Strafe Gottes für die Sündhaftigkeit des liberalen Amerika. Falwells Sohn Jerry Falwell Jr. gilt als einer der prominentesten evangelikalen Unterstützer Donald Trumps. Wenn also selbst Studenten dieser Universität sich gegen den Film aussprechen, zeigt das die tiefe Kontroverse, die er hervorruft.

Dünne Handlung, faustdicke Botschaft

Der Film selbst ist eher zum Vergessen. Auf der Filmplattform IMDB ist er mit 1,8 von 10 Punkten bewertet. Für den Aufschrei sorgt vielmehr die theologische und politische Botschaft, die dahintersteht. Die amerikanische Nachrichtenseite vox.com etwa schreibt von einer „banalen“ Handlung und einer „verstörenden“ Aussage: Donald Trump sei der Gesalbte Gottes. Gott habe ihn als Werkzeug auserwählt, um Amerika in ein neues, goldenes christliches Zeitalter zu führen.

Das zentrale symbolische Element, das der Film dabei benutzt, ist der persische König Kyros der Große. Der wird im Alten Testament im ursprünglichen Wortsinn als „Messias“ bezeichnet – also als Gesalbter Gottes mit besonderer Beauftragung. Kyros ist zwar selbst „Heide“, ermöglicht den Israeliten aber die Rückkehr in ihr Land und den Auszug aus dem babylonischen Exil. Obwohl Kyros also nicht selbst zum auserwählten Volk gehört, ist er doch Gottes erwähltes Werkzeug für dessen Errettung. Ebenso sehen die Filmemacher – und viele US-Evangelikale – Donald Trump: als göttlich beauftragten Retter konservativ-christlicher Werte und des amerikanischen Christentums.

Donald Trump gilt zwar nicht selbst als Evangelikaler, sucht aber immer wieder die Nähe zum evangelikalen Spektrum

Donald Trump gilt zwar nicht selbst als Evangelikaler, sucht aber immer wieder die Nähe zum evangelikalen Spektrum

Amerika, das Gottesvolk?

Solche Vermischungen von US-amerikanischer Politik und erzkonservativer Religiosität haben in den USA eine lange und teilweise traurige Tradition, wurden sie doch etwa benutzt, um die Sklaverei zu legitimieren. Der amerikanische Religionssoziologe Philip Gorski hat diese Tendenz als „religiösen Nationalismus“ bezeichnet. Dahinter steht die Idee von Amerika als auserwähltem Gottesvolk, letztlich bestimmt zur Weltherrschaft. In den radikalsten dieser Strömungen fallen die Amerikanisierung der Welt und die Errichtung des Reiches Gottes in eins. Eine solche Rhetorik verwendete zum Beispiel Ex-Präsident Ronald Reagan, der im Wahlkampf 1980 von der von Falwell gegründeten Organisation „Moral Majority“ (Moralische Mehrheit) unterstützt wurde.

Dieser „religiöse Nationalismus“ ist aber nur eine Spielart in einem komplexen Geflecht von religiösen Symbolen und Ideen, die die amerikanische Politik mit religiöser Bedeutung aufladen und die Nation als auf besondere Weise von Gott beauftragt verstehen. Diese Tradition wird seit den Forschungen des Religionssoziologen Robert N. Bellah in den 1960er-Jahren als amerikanische „Zivilreligion“ bezeichnet. Erscheinungen wie „The Trump Prophecy“ zeigen, dass diese „Religion“ in einer theologischen Krise steckt.

Rousseau: Die politische Ordnung braucht eine Grundlage

Der Begriff „Zivilreligion“ beschreibt zunächst die Verwendung religiöser Motive und Symbole im öffentlichen Raum, die zum Ziel hat, die jeweilige staatliche und gesellschaftliche Ordnung theologisch zu legitimieren. Er stammt vom französischen Staatstheoretiker und Aufklärungsphilosophen Jean-Jacques Rousseau. Als die Kirche während der Aufklärung immer mehr an politischer Deutungsmacht verlor, suchte Rousseau einen neuen Weg, wie man das gesellschaftliche Zusammenleben legitimieren und alle Menschen auf die gleichen zivilen Werte verpflichten könnte. Seine Lösung war der „Gesellschaftsvertrag” – eine gedachte Übereinkunft aller, eine Art „Deal", in dem sich jeder zur eigenen Erhaltung dem Gemeinwohl zur Verfügung stellt und sich deshalb an bestimmte Gesetze hält.

Damit es zu einem solchen Deal des Zusammenlebens kommt, bedarf es in der Logik Rousseaus einer göttlichen Weisung. Aber der Gott, von dem sie kommt, kann nicht der christliche Gott sein, weil die Gesellschaft auch Nichtchristen fasst.

Also setzt Rousseau den Gott des „Deismus” ein. Damit ist eine Denkschule gemeint, die Gott unpersönlich fasst. Im Deismus gibt es über Gott kaum mehr zu sagen, als dass er existiert und gutartig ist. Spezifisch christliche Inhalte fallen weg, aber die sehr allgemeinen Aussagen des Deismus widersprechen der christlichen Lehre nicht. Daher eignet sich der deistische Gott gut, um eine „Religion des Bürgers“, eine Zivilreligion, zu begründen und so die gesellschaftliche Ordnung quasi-religiös zu legitimieren.

„The Trump Prophecy“ steht in Tradition der Puritaner

Diese Idee hat in den USA – als Staat zur Zeit der späten Aufklärung geboren – eine lange Tradition. Gründerväter wie Washington und Jefferson hingen dem Deismus an. Gleichzeitig hat sich die amerikanische Zivilreligion von der Rousseauschen Vorlage entfernt – vor allem durch den Einfluss des Protestantismus.

Die ersten Kolonien in Neuengland, aus denen später die USA wurden, waren von den Puritanern gegründet worden – einer protestantischen Strömung in England, die ihre strengen Glaubensregeln in der englischen Gesellschaft nicht umsetzen konnten. Sie wollten besonders heilig leben und eine dem Reich Gottes analoge Gesellschaft aufbauen. Sie wanderten deshalb im 17. Jahrhundert in das unerschlossene Amerika aus.

So begann die Geschichte einer Analogie, die bis heute das amerikanische Selbstverständnis tief prägt. Die Puritaner begannen, sich als das „neue Israel“ zu verstehen. Aus ihrem „Ägypten“ England flohen sie unter Führung ihres „Mose“ – des Laienpredigers John Winthrop. Nach einer gefährlichen Reise durch die „Wüste“ – in ihrem Fall den Atlantischen Ozean – erreichten sie schließlich das „gelobte Land“. Ermöglicht wurde diese Deutung durch die sogenannte Typologie. Bei dieser Lesart der Bibel wird eine biblische Begebenheit als Ankündigung eines bevorstehenden Ereignisses verstanden. So wie die Puritaner etwa die Opferung Isaaks als Vorgriff auf Christus lasen, konnten sie auch biblische Motive auf sich selbst beziehen. „The Trump Prophecy“ tut letztlich nichts anderes. Der Film deutet Donald Trump typologisch als Kyros, den Großen.

Der amerikanische Gottesbund

Gelingen konnte der Auszug aus dem „englischen Ägypten“, weil die Puritaner – ihrem Selbstverständnis nach – genau wie die Israeliten einen Bund mit Gott geschlossen hatten. Gott würde sie segnen und bewahren, dafür hätten sie die besondere ethische Verantwortung, den Willen Gottes in der Welt und in ihrem Staatswesen umzusetzen. Dieser Gedanke ist bis heute prägend. Winthrop selbst hat ihn in einer berühmten Predigt zusammengefasst. Die neue Kolonie sollte eine „Stadt auf einem Hügel“ sein, die aller Welt das Licht des Heils leuchtet. Winthrop greift damit ein Jesuswort aus Matthäus 5 auf.

Winthrop selbst verstand diese Idee noch christlich. Das besagte Heil war für ihn das Evangelium; dass aus der Kolonie einmal ein Staat werden würde, konnte er noch nicht absehen. Doch die amerikanische Zivilreligion griff die Idee auf und strich die biblischen Bezüge, sodass nur noch der Bund Amerikas mit einem abstrakten Gott übrigblieb, der im Wesentlichen deistisch ist, aber zum Wohle Amerikas auch in die Geschichte eingreift. Aus dem christlichen Gott war ein „amerikanischer“ geworden. Das Heilslicht wurde von dem des Evangeliums zu dem der Demokratie, das Amerika in alle Welt zu strahlen hatte.

Dieser Gottesbund ist der Grundgedanke der amerikanischen Zivilreligion. Er hat im Laufe der amerikanischen Geschichte verschiedene Veränderungen und Erweiterungen durchlaufen. Der Religionssoziologe Bellah stellte 1967 fest, dass in Amerika tatsächlich eine solche Zivilreligion existiert – die nichts mit dem christlichen Glauben oder anderen Religionen zu tun hat. Als Beispiele dafür nannte er abstrakte Verweise auf Gott in den Reden verschiedener amerikanischer Präsidenten. Es gibt aber viele weitere Dimensionen, in denen sich die Zivilreligion zeigt: Feiertage wie der „Veterans Day“ etwa ehren Amerikaner, die – folgt man der zivilreligiösen Erzählung –für den amerikanischen Gottesbund ihr Leben ließen.

John Winthrop, ein Anführer der frühen amerikanischen Kolonisten. Ob er Donald Trump für den Gesalbten Gottes gehalten hätte?

John Winthrop, ein Anführer der frühen amerikanischen Kolonisten. Ob er Donald Trump für den Gesalbten Gottes gehalten hätte?

Die Zivilreligion in Amerika hat also einen Festkalender und eine Liturgie. Sie hat Heilige wie Washington oder Lincoln. Sie hat kanonisierte Texte wie die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung. Sie hat „Priester“ wie John F. Kennedy, die sie vertreten, und „Propheten“ wie Martin Luther King, die das Volk zu den Werten des Bundes zurückrufen. Im Kern geht es immer um den Bund – um den besonderen Auftrag und die weltgeschichtliche Bedeutung Amerikas.

Zivilreligiöse „Irrlehre"

Die Idee eines ethischen Anspruchs an ein Staatswesen ist prinzipiell nichts Schlechtes. Der Gedanke kann aber verzerrt werden. Die Zivilreligion ist ein abstraktes Konstrukt, das religiöse Sprache benutzt, um der Politik eine ethische Dimension zu verleihen. Problematisch wird sie dann, wenn sie mit dem Christentum oder einer anderen Religion identifiziert wird. Das kann in zwei Richtungen geschehen, die nur in der Theorie trennbar sind.

Entweder, die Kirche gibt ihre eigene Verkündigung auf und predigt statt dem Evangelium Jesu Christi das Evangelium Amerikas. Das ist in der amerikanischen Kirchengeschichte oft passiert. Eine Zivilreligion an sich ist kein spezifisch amerikanisches Phänomen. Sie kann theoretisch überall da entstehen, wo Kirche und Staat soweit getrennt sind, dass der Staat eigene religiöse Legitimationsmuster aufbauen kann. Spezifisch amerikanisch ist aber, dass die Kirche das mitmacht, es sogar befürwortet. Die amerikanische Zivilreligion ist zumeist von der Kanzel aus weitergetragen worden, in Altarräumen finden sich noch heute amerikanische Flaggen neben Kreuzen.

Die andere Variante ist, dass Kirche oder Politik das Christentum an die Stelle der Zivilreligion setzen und Amerika als eine Art „Gottesstaat“ verstehen. Dann wird zumeist auch der Gottesbund umgedeutet. Er wird nicht mehr als besondere Verpflichtung, sondern als besonderes göttliches Recht Amerikas verstanden. Bei Predigern wie Falwell wird die Erwähltheit bedingungslos. Amerika tritt vollends an die Stelle Christi und wird zur sündlosen, unfehlbaren Nation und zur heilsgeschichtlichen Hoffnung der Menschheit. Aus christlicher Perspektive ist das eine Irrlehre. Und auch die „echte" Zivilreligion bildet es nicht ab. Daher hat Gorski diese Strömung als „religiösen Nationalismus“ bezeichnet.

Religiöser Nationalismus auf dem Vormarsch

Dieser religiöse Nationalismus ist etwa seit den 1960er-Jahren stark. Damals wurde er geschürt von den apokalyptischen Ängsten, die die atomare Aufrüstung auslöste und dem „Gut-gegen-Böse“-Weltbild des Kalten Krieges. Sein Erstarken bedeutet gleichzeitig eine Krise der „moderaten“ Zivilreligion. Kulturelle Phänomene wie „The Trump Prophecy“ zeigen, wie tief diese Krise wirklich ist, wie sehr der religiöse Nationalismus gerade unter Evangelikalen Wurzeln geschlagen hat – unter denen, die sich besonders auf das Evangelium Jesu Christi, nicht auf das Amerikas verpflichtet wissen sollten.

Die aus zivilreligiöser Perspektive verstörende Botschaft des Film ist nicht nur, dass Trump der Auserwählte Gottes sein soll – ein Politiker, dessen Werte so offensichtlich nicht mit denen der zivilreligiösen „Orthodoxie“ zusammenpassen, obwohl er sich ihrer Rhetorik bedient. Nein, das Problem geht sogar noch tiefer: Der Film impliziert – ganz religiös-nationalistisch –, dass Gott den amerikanischen Präsidenten auswählt. Damit wird nicht bloß das Amt selbst, sondern die Person, die es bekleidet, auf eine Legitimitätsstufe gehoben, die den demokratischen Prozess unterläuft. Wenn Gott den Präsidenten auswählt, was hat das Volk dann noch zu sagen?

Die moderate Zivilreligion ist demokratisch. Sie sieht nur den Rahmen der Demokratie selbst als göttlich sanktioniert. Der Sinn der Demokratie ist es aber, dass ihre spezifische Umsetzung vom Volk bestimmt wird. Auch bei Rousseau ist der Gesellschaftsvertrag durch Gott, das, was in ihm passiert, aber durch die Vernunft legitimiert.

Wäre das anders, wäre er ad absurdum geführt. Genau das tut der Film aber. Indem „The Trump Prophecy“ behauptet, dass es nicht nur in Gottes Sinne ist, dass es einen Präsidenten gibt, sondern dass Gott auch entscheidet, wer dies zu sein hat, unterläuft er die Demokratie. Er ist in diesem Sinne zum einen unamerikanisch, zum anderen aber auch zutiefst unchristlich. Denn im Christentum ist Jesus Christus der Gesalbte Gottes – und seit dem Neuen Testament auch niemand sonst. Gerade Evangelikale sollten das eigentlich wissen.

Von: Martin Jockel

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