Harout Selimian ist Präsident der Armenisch-Evangelischen Kirche in Syrien und Pastor der Bethel-Kirche in Aleppo

Harout Selimian ist Präsident der Armenisch-Evangelischen Kirche in Syrien und Pastor der Bethel-Kirche in Aleppo

Wir wollen Räume für die „verwundete Bevölkerung“ schaffen

Harout Selimian ist Präsident der Armenisch-Evangelischen Kirche in Syrien und Pastor der Bethel-Kirche in Aleppo. Im pro-Interview spricht er darüber, wie der Wiederaufbau Aleppos vorangeht und vor welchen Herausforderungen die Christen momentan stehen.

pro: Reverend Harout Selimain, wie geht der Wiederaufbau von Aleppo voran?

Harout Selimain: Seit die syrische Armee Ende 2016 Aleppo zurückerobert hat, wurden ungefähr 70 Prozent der Infrastruktur wiederaufgebaut. Die Straßen mussten von Schutt beseitigt werden, damit die Zugänge zu Brücken und Kreuzungen wieder frei waren. Aleppo war einst die Wirtschafts-Metropole Syriens. Der Wiederaufbau Ost-Aleppos steht noch aus. Dass die Regierung so rasch die Hauptverkehrsstraßen befreit hat, erleichtert die Rückkehr der Zivilisten in ihre Häuser. Das war der erste Schritt der „Wiederbelebung“. Im zweiten Schritt wurden Wasser, Abwasser und Kommunikationssysteme repariert. Schulen, die Polizei und Bäckereien haben ihre Arbeit aufgenommen. Jetzt geht es darum, Märkte und alte Industriegebiete wiederzubeleben. Darum hat sich bisher nur die Assad-Regierung bemüht. Aus dem Ausland gab es noch keine Hilfen. Bei dem Ausmaß der Zerstörung geht es nicht ohne internationale Hilfe, auch weil die Terrorgruppen viele Baumaschinen zerstört haben, die für den Wiederaufbau nötig sind.

Wie sieht es mit den Kirchen aus?

In Aleppo wurden die meisten der Armenisch-Evangelischen Kirchen attackiert. Die Schäden sind größtenteils behoben. Momentan versuchen wir das Dach der Emanuel-Gemeinde zu reparieren. Für eine gewisse Zeit hat sich die Gemeinde in den Jugendräumen im Keller getroffen. Die Kirche soll aufgebaut werden und wieder in ihrer ursprünglichen Pracht erscheinen.

Wie finden die Menschen nach den heftigen Kampfhandlungen wieder zurück in den Alltag? Es werden sicher viele Therapeuten und Seelsorger gebraucht.

Die psychischen Probleme der syrischen Bevölkerung sind nicht zu unterschätzen. Natürlich hängen damit körperliche und soziale Herausforderungen zusammen. Die Erlebnisse können zu posttraumatischen Störungen und Depressionen führen. Einige Betroffene hatten aufgrund des Stresses sogar eine Lähmung. Therapeuten und Seelsorger müssen eine unterstützende Umgebung für eine „verwundete“ Bevölkerung schaffen. Der Krieg dominiert noch immer Syriens Wirtschaft. Auch an den Orten, an denen die Kämpfe aufgehört haben. Die meisten Fabriken in Aleppo wurden zerstört, schwer beschädigt oder geplündert. Die Arbeiter wurden zu Flüchtlingen oder haben sich radikalisiert. Millionen von Menschen sind arbeitslos und arm. Die Kirche hat sich immer bemüht, den genannten Herausforderungen etwas entgegenzusetzen. Wir haben Programme für mentale Hilfe angeboten. Mit verschiedenen Projekten wollen wir Arbeitsplätze schaffen. Andererseits hat die Krise Schäden für eine ganze Generation verursacht, die nicht gutzumachen sind.

Trotzdem sind Familien nach Aleppo zurückgekehrt.

Familie Badakian war eine der aktivsten Familien in unserer Bethel-Gemeinde. Das Paar und sein zehnjähriger Sohn waren während des Krieges gezwungen, ihr Haus zu verlassen und nach Kanada zu gehen. Es war zu gefährlich in Aleppo. Gebäude in ihrer Nachbarschaft wurden durch Raketen beschädigt oder komplett zerstört. Doch die Familie hatte solches Heimweh im kanadischen Exil, dass sie sich entschlossen haben, wieder zurückzukehren.

Wie sieht es mit der Grundversorgung wie Wasser, Eier und Brot aus?

Diese Hilfe gibt es Gott sei Dank! Den betroffenen Familien greifen wir unter die Arme. Wir stellen Essenspakete zusammen, Milch für die Kinder, Stipendien für die armenischen Studenten sowie medizinische Unterstützung für die Kranken.

Was können Sie tun, um die Erinnerungen der Kinder an den Krieg zu heilen?

Während des Krieges habe ich viele Familien besucht. Dabei habe ich gemerkt, wie viele Menschen, insbesondere auch Kinder, traumatisiert sind. „Normale“ pastorale Seelsorge reicht nicht aus. Trauma-Seelsorge wurde essentiell für unsere Arbeit und wird es auch in den kommenden Jahren sein. Die Kinder und ihre „Langzeit-Bedürfnisse“ haben wir immer zuerst im Kopf, wenn wir unsere Programme planen. Sie sind unsere Zukunft und darum müssen wir uns kümmern, psychologisch und mit guter Ausbildung. Die Kinder brauchen auch unsere Zeit und unserer Aufmerksamkeit.

Es sind auch Menschen geheilt worden ...

Die elfjährige Takouhy Sazian lebt in Aleppo zusammen mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihrer Großmutter. Der Vater der Sechstklässlerin kam 2012 im Krieg ums Leben. Er wollte mit seinen Freunden prüfen, ob das Geschäft eines Freundes durch Raketenangriffe beschädigt worden war. Ein Scharfschütze hat ihn erschossen. Takouhy fiel danach in eine tiefe Depression. Die Ärzte halfen ihr dabei, mit der stressigen Situation umzugehen. Es geht ihr jetzt besser. Sie ist ein talentiertes Mädchen. Sonntags besucht sie die Sonntagsschule. Ich habe große Hoffnungen in ihre Zukunft. Die Mutter ist die „Heldin“ der Kinder.

Neben den deutschen Protestanten haben auch Gemeinden aus Osteuropa geholfen, die Situation zu verbessern.

Ja, während der Kriegsjahre war die ungarische Kirche aktiv. Die Sonntagsschulen der Armenisch-Evangelischen Kirche und der arabisch-evangelischen Kirchen haben davon profitiert. Die reformierte Kirche Ungarns hat auch bedürftigen Studenten der Schulen durch Stipendien geholfen.

Welche Rolle kann die Kirche in Zukunft spielen, um Christen zu ermutigen, in ihr Heimatland zurückzukehren?

Keine Frage! Die Kirche wird Verantwortung übernehmen müssen und tut dies bereits. Es geht darum, dass die Menschen für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen können. Die Rückkehrer brauchen Arbeit und Arbeitsplätze. Der Einsatz für Frieden und Koexistenz wird viel Kraft kosten. Die Bibel ist Gottes Wort. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir Christen für so eine Situation gemacht sind. Kriegssituation sind Momente, in denen unser Glaube herausgefordert wird. Wir benötigen Glauben, um die zerstörten Häuser wieder aufzubauen und die Lügen durch Wahrheit zu ersetzen. Wir werden Glauben brauchen, um unseren Nachbarn wieder vertrauen zu können. Wir wollen den anderen zeigen, dass wir für sie da sind. Wir hoffen, dass sie auch für uns da sind. Es wird alle unsere christlichen Werte brauchen. Aber Syrien ist es wert.

Über was predigen Sie in dieser Zeit sonntags in Aleppo?

Ich konzentriere mich auf die wichtige biblische Wahrheit, dass Gott treu ist. Wir dürfen auf seine Versprechen hoffen. Ich spreche viel über Frieden. Die letzten sieben Jahre haben unser Leben dramatisch verändert. Wir haben erlebt, wie sinnlos Krieg ist. Die Großmächte haben riesige Arsenale von Nuklearwaffen, die sie für Terror nutzen könnten. Authentischer Frieden ist ein Prozess und oft ein langer Weg. Für mich ist es der beste Weg, um Probleme zu lösen. Der authentische Frieden macht ein Leben auf Erden lebenswert. Es ist ein Frieden, der Menschen und Nationen wachsen lässt. Ein Frieden, der hoffen lässt, dass die nächste Generation auch in Frieden leben kann. Tief im Innersten wünsche ich mir einen ewigen Frieden. Die Bibel ist da ganz klar. Ein Teil unserer Berufung ist es, Friedensstifter zu sein.

Kinder und Teenager sind irgendwann die Säulen der syrischen Gesellschaft. Was brauchen wir jetzt, um dieser Generation den Rücken zu stärken?

Ausbildung ist unglaublich wichtig, um eine Nation zu stärken. Sie ist die stärkste Waffe, um die Welt zu verändern. Wir werden der syrischen Jugend so gut wie möglich den Rücken stärken, um ihre Träume zu erfüllen. Wir wollen versuchen, Arbeitsplätze für jetzt und für die Zukunft zu schaffen. Genauso essentiell sind Gerechtigkeit und Wahrheit, damit sich eine Gesellschaft gesund entwickeln kann. Sie können vorbeugen gegen kleinkarierte Rache, die wieder zum Krieg führen kann. Eine gerechte Gesellschaft ermutigt Menschen, überlegt und fair zu handeln. Die Voraussetzungen, um Syrien zu einem besseren Ort zu machen, sind Demokratie, Bildung und Gerechtigkeit. Auch der Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft ist wichtig. Der Bürgerkrieg hat zu einem Massensterben geführt und das Vermächtnis Syriens betrübt. Aber wir glauben noch immer an die syrische Bevölkerung und deren Zukunft. Toleranz ist ein Wert. Es ist Teil der „Goldenen Regel”. Wir verlangen von anderen, dass sie uns ordentlich behandeln. Genauso stehen auch wir in der Pflicht, die andern ordentlich zu behandeln. Dieses Prinzip gilt in zwischenmenschlichen Beziehungen und in gesellschaftlichen Gruppen. Ganz viele Kriege finden zwischen verschiedenen religiösen, politischen Ideologien, Nationalitäten, Ethnien oder im Spannungsfeld „Wir vs. Sie“ statt.

Während des Krieges und auch aktuell können viele Kinder nicht zur Schule gehen. Was kann die Kirche da konkret tun?

Die Schüler müssen die Bildungslücke schließen. Daran arbeiten wir. Im Sommer haben wir Nachhilfeunterricht angeboten. Außerdem gibt es eine Sommer-Bibelschule. Dies ist eine optimale Möglichkeit, Kindern die Liebe Gottes nahe zu bringen. Uns ist die Selbsterfahrung der Kinder wichtig. Sie sollen etwas über sich und ihre Beziehung zu Gott und den anderen Kindern erfahren. Die Werte, die Kinder durch Gottes Wort lernen sind so wichtig für ihre weitere Entwicklung. Eine Bibelschule bringt in einer zerstörten Stadt etwas Licht in die Dunkelheit. Durch den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch Syriens und die Krise haben viele Schüler die Chance verpasst, Wichtiges zu lernen. Ich bin überzeugt, dass Bildung durch nichts zu ersetzen ist. Damit investieren wir in die Kinder, aber auch in die Zukunft unseres Lands. Wir wollen einen erheblichen Beitrag dazu leisten, dass sie sich als gesunde Individuen in der syrischen Gesellschaft entwickeln.

Seit Kriegsende ist Aleppo kaum noch in den Medien präsent. Wie können Christen aus dem Westen einen Beitrag für die Christlichen Gemeinschaften in Aleppo leisten?

Eines steht fest: Wir können den Wiederaufbau Aleppos nicht alleine schaffen. Wir brauchen Hilfe. In den kommenden Jahren, werden wir ohne die Hilfe von vielen Nicht-Regierungsorganisationen nicht auskommen. Wir brauchen auch weiterhin gut ausgebildete Therapeuten und Seelsorger. Hier herrscht Mangel. Natürlich brauchen wir auch Geld, um notwendige Projekte für das Gemeinwohl der Gesellschaft um zu setzen. Das Wichtigste aber ist, dass wir Menschen brauchen, die uns ermutigen, die Arbeit weiterzuführen, von der wir meinen, dass Gott uns diese gegeben hat.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Lukas Reineck

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