Mesut Özil (vorne) im Trikot seines Vereins FC Arsenal. Das der deutschen Nationalmannschaft wird er wohl nicht mehr tragen.

Mesut Özil (vorne) im Trikot seines Vereins FC Arsenal. Das der deutschen Nationalmannschaft wird er wohl nicht mehr tragen.

Stimmen zu Özils Rücktritt: „Vieles war Rassismus pur"

Der Star-Fußballer Mesut Özil hat in dieser Woche nicht nur seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft erklärt, sondern dem DFB und Teilen der deutschen Gesellschaft auch Rassismus vorgeworfen. Nun ist eine rege Medien-Debatte im Gange. Auch Vertreter aus dem muslimischen und christlichen Bereich haben sich zu Wort gemeldet.

Mesut Özil ist mit einem Donnerschlag aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. Er erhob via Twitter schwere Vorwürfe gegen Medien, Sponsoren und den Deutschen Fußballbund (DFB), allen voran gegen dessen Präsident Reinhard Grindel: „Ich werde mich nicht länger als Sündenbock für seine Inkompetenz und seine fehlende Fähigkeit, seinen Job richtig auszuführen, hinstellen lassen.“

Am lautesteten aber hallen die Vorwürfe des Rassismus nach, die seither eine breite gesellschaftliche Debatte angestoßen haben. Özil schrieb: „In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen – und Immigrant, wenn wir verlieren. Obwohl ich in Deutschland Steuern zahle, deutsche Schulen finanziell unterstütze und mit Deutschland 2014 die WM gewonnen habe, bin ich noch immer nicht in der Gesellschaft akzeptiert. Ich werde anders behandelt.“ Özil sei verschiedentlich rassistisch beleidigt worden.

„Gar nicht sprechen möchte ich über die Hassmails, Drohanrufe und Kommentare in sozialen Medien, die meine Familien und ich erhalten haben. Sie alle repräsentieren ein Deutschland der Vergangenheit, ein Deutschland, das gegenüber neuen Kulturen nicht offen ist und ein Deutschland, auf das ich nicht stolz bin. Ich bin mir sicher, dass viele stolze Deutsche, die eine offene Gesellschaft wollen, mit mir übereinstimmen.“ Seine Abrechnung beendete Özil mit seinem Rücktritt. Solange es im DFB Rassismus gebe, werde er das deutsche Trikot nicht mehr tragen.

In der Affäre um ein Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan sieht Özil indes keine Schuld bei sich. Er habe mit dem Bild keine politische Agenda vertreten wollen, sondern es „bedeutete für mich eine Frage des Respektes vor dem höchsten Amt im Land meiner Familie“. Es sei als Respektsbekundung an seine türkischen Wurzeln zu verstehen, diese Amt zu achten, völlig unabhängig davon, wer es gerade ausfülle.

DFB weist Kritik zurück

Eine große Bandbreite an gesellschaftlichen Gruppen, Politikern und Personen des öffentlichen Lebens hat sich bereits zu der Affäre geäußert. Die Meinungen gehen dabei stark auseinander. Manche halten Özils Kritik für ein mutiges Hinweisen auf reale Missstände und seinen Rücktritt für nur konsequent. Andere finden seine Anschuldigungen völlig überzogen und stufen das Erdogan-Foto als unverzeihlichen Fehler ein. Pro hat eine Auswahl der Stimmen zusammengestellt.

Der DFB selbst bedauerte Özils Rücktritt und dankte ihm für seinen Einsatz in der Nationalmannschaft, wies die Vorwürfe des Rassismus aber entschieden zurück. Özils Abschied ändere „nichts an der Entschlossenheit des Verbandes, die erfolgreiche Integrationsarbeit weiter konsequent und aus tiefer Überzeugung fortzusetzen“. Das teilte der DFB in einer Erklärung mit.

Der Präsident der Deutschen Fußball-Liga, Reinhard Rauball, nannte es „in keiner Weise hinnehmbar, wenn der DFB und seine Spitze pauschal in Zusammenhang mit Rassismus gerückt werden“. Der DFB habe „mit unzähligen Aktionen bewiesen, dass er sich für Integration, ein faires Miteinander und ein weltoffenes Land engagiert“. Özils Abrechnung schieße über das Ziel hinaus und lasse jegliche Selbstkritik vermissen, heißt es in einer Stellungnahme der DFL.

Cacau: Kein Rassismus-Problem

Der DFB-Integrationsbeauftragte Cacau sagte im Interview mit der Bild-Zeitung: „Das Erdogan-Foto hatte eine politische Aussage, auch wenn das Mesut anders beurteilt.“ Der Rassismus-Vorwurf gegen den DFB sei aber „einfach falsch“. Die Konsequenzen der Veröffentlichung des Fotos hätten Özil aber klar sein müssen. Cacau, der sich schon oft zu seinem christlichen Glauben äußerte, kritisierte zudem den Umgang des DFB mit der Causa Özil. Der Fußballbund habe keine klare Richtung vorgegeben. „Das war heute eine

Aussage und morgen eine andere. Und das war schwierig“, sagte Cacau in den ARD-Tagesthemen.

Die Rassismusvorwürfe von Özil seien „sehr hart“. Der gebürtige Brasilianer sagte, er selbst habe während einer Laufbahn beim DFB bisher nichts derartiges erlebt. Özil sei ein hochtalentierter Spieler, da seien die Erwartungen hoch. „Eine Kritik, die man an einem Spieler auch mit Migrationshintergrund übt, ist nicht gleich Rassismus.“ Cacau sagte, er habe den Eindruck, dass die öffentliche Diskussion in eine falsche Richtung gehe. „Man hat das Gefühl, wenn man die Nachrichten sieht und liest, dass Deutschland ein flächendeckendes Rassismus-Problem hat. Das ist nicht der Fall.“

Politiker wollen Fall Özil nicht als Gradmesser für Integration verstehen

Der türkischstämmige Grünen-Politiker Cem Özdemir sieht Fehler auf beiden Seiten. Özils Erdogan-Foto sei einer gewesen. „Er spricht von Respekt, aber was ist mit dem Respekt für die Opfer von Erdogans Politik?“ Man dürfe sich aber in der Kritik nicht allein auf Özil beschränken. Das Foto des ehemaligen Nationalspielers Lothar Matthäus mit Wladimir Putin etwa sei „mindestens so verwerflich“. Die DFB-Spitze, namentlich Präsident Reinhard Grindel und Manager Oliver Bierhoff, habe sich „von Anfang bis Ende skandalös verhalten“. Das deutsche Ausscheiden bei der Weltmeisterschaft habe viele Gründe. „Das alles bei Özil abzuladen, das ist nun wirklich niederträchtig – das gehört sich einfach nicht,“ sagte Özdemir gegenüber Medienvertretern.

Bundesaußenminister Heiko Maas rief zum entschlossenen Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auf. „Es bleibt eine Aufgabe für uns alle, einzustehen für die Werte, die unser Land ausmachen: Toleranz, Vielfalt und Freiheit“, sagte Maas den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Jedoch dürfte von der Causa Özil auch nicht direkt auf die gesellschaftliche Lage in Deutschland geschlossen werden. „Ich glaube (...) nicht, dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs (Özil steht beim Londoner Club Arsenal unter Vertrag, d. Red.) Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland.“

Die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag (SPD), stimmte dem zu. Man dürfe den Fall Özil nicht zum Gradmesser für Integration überhaupt erklären, sagte sie am Freitag im Bayrischen Rundfunk. „Damit würden wir all denen Vorschub leisten, die ja schon immer gesagt haben wollen und gewusst haben wollen, dass Integration nicht funktionieren kann“, sagte Freitag. Auch den DFB kritisierte sie. Sie nannte das Krisenmanagement des Verbands „suboptimal“.

Deutscher Journalisten-Verband weist Medienkritik zurück

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) wies in einer Erklärung Özils „pauschale Medienschelte“ zurück. Özil hatte nicht näher genannten Zeitungen vorgeworfen, ihn wegen seiner Abstammung, nicht wegen sportlicher Leistung kritisiert zu haben. „Wenn Mesut Özil Rassismus in deutschen Zeitungsredaktionen am Werk sieht, soll er Ross und Reiter nennen“, forderte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. „Dann muss darüber diskutiert werden.“ Auch Özils Erklärung des Erdogan-Fotos stieß beim DJV auf Unverständnis. „Anders als Özil behauptet, ist ein gemeinsames Foto mit dem für die Abschaffung der Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei gefürchteten Autokraten politisch“, sagte Überall.

Der Zentralrat der Muslime stellte sich hingegen geschlossen hinter Özil. „Was da jetzt an Respektlosigkeit, Vorurteilen und auch an Rassismus über ihn (...) sich ergoss, das ist beispiellos und furchterregend“, sagte der Vorsitzende Aiman Mazyek der Deutschen Presse-Agentur. Er forderte Bierhoff und Grindel wegen deren Versuch, Özil zum Südenbock zu machen, zum Rücktritt auf.

Kirchlichen Stimmen liegt an Vermittlung

Auch aus dem Umfeld der Kirchen gibt es bereits Wortmeldungen. Beim katholischen „Domradio“ äußerte sich der Theologe und Sportethiker Dietmar Mieth. Die Integration von Migrationsfamilien im deutschen Sport sei eine „Win-Win-Situation“. Allerdings habe der DFB in der Verantwortung gestanden, mit einem Ereignis wie dem Erdogan-Foto umzugehen, es vorauszusehen und zu interpretieren. „Trainiert er (der DFB, d. Red.) solche möglichen Konflikte im Vorhinein? Zumindest das kann man doch erwarten. Der DFB und das Trainerteam müssen hier dazu lernen.“

Den impulsiven Rücktritt Özils bewertet Mieth versöhnlich. Man merke daran, „wie viel Herzblut der Spieler für die deutsche Nationalmannschaft zu geben bereit war und ist. Und wie er sich zurückgestoßen fühlt. In der Abwägung ist es besser, aus der sperrigen Integration eines solchen Spielers zu lernen, als gefällige Anpassungen zu verlangen.“

Auch der Politikbeauftragte der Deutschen Evangelischen Allianz, Uwe Heimowski, äußerte sich via Facebook zu dem Thema. Er votiert für eine differenzierte Sicht. Einerseits dürfe Özil gegen berechtigkeite Kritik nicht einfach die „Rassismuskeule" vorschieben. „Und ja, ich habe auch erlebt, dass Menschen sich zum Opfer stilisieren, statt ihre eigene Verantwortung wahrzunehmen. In diesem Sinne hätte Özil unbedingt erkennen müssen, dass der Post mit Erdogan eine politische Dimension hat. Bei allem Respekt vor den Wurzeln seiner Familie: Es war ein Fehler, diesem Diktator eine Wahlkampfbühne zu bieten.“

Andererseits dürfe dieser Fehler unter keinen Umständen zum Türöffner für rassistische Anfeindungen werden. „Es wurde gespottet, gehetzt und aufs Widerwärtigste über Muslime im Allgemeinen und Türken im Besonderen gelästert. Freunde, etikettiert es um, wie ihr wollt, es ändert nichts: vieles von dem, was da gelaufen ist, war und ist Rassismus pur", schrieb Heimowski. Die Unantastbarkeit der Menschenwürde gelte auch für Mesut Özil.

Chrismon sieht „nur Verlierer“

Das evangelische Magazin „chrismon“ veröffentliche eine Kolumne zum Thema. In der Affäre um Özil gebe es „nur Verlierer“. Özils Foto mit Erdogan sei ein klarer Fehler gewesen, der nicht zuletzt die über zwei Millionen Deutschtürken, die Erdogan nicht unterstützen, vor den Kopf gestoßen haben müsse. Dennoch: „Özils Fehler entschuldigt oder rechtfertigt aber nicht den unverhohlenen Rassismus, der dem gebürtigen Gelsenkirchener seit Mai entgegenschlägt. Dieser Hass macht uns alle zu Verlierern.“ Mit jedem rassistischen Riss in der Gesellschaft werde der „Korridor des Sagbaren“ größer, Diskriminierung salonfähiger. Das schade letztlich dem gesellschaftlichen Klima. „Offenkundig hatten nun viele nur darauf gewartet, ihren Rassismus auch gegen einen Nationalspieler auszuleben. Anders ist die Wucht, mit der Özil in sozialen Netzwerken und am Spielfeldrand beleidigt wurde, kaum zu erklären.“

Ein Verlierer sei aber auch der DFB, „der in dieser Affäre nie eine klare Linie fand“. Seine Forderung nach dem Bekenntnis zu demokratischen Grundwerten sei „Doppelmoral“. Denn: „In der Regel haben DFB-Repräsentanten wenig Hemmungen, nicht nur Fotos mit autoritären Staatsführern zu machen, sondern gern auch Geschäfte.“

Von: Martin Jockel

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