Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat umrissen, ab wann man bei exzessivem Computerspiel von einer Sucht sprechen kann

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat umrissen, ab wann man bei exzessivem Computerspiel von einer Sucht sprechen kann

WHO listet Computerspielsucht als Krankheit

Erstmals hat die Weltgesundheitsorganisation WHO Computerspielsucht als Suchtstörung in ihren Katalog der „Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten“ (ICD) aufgenommen. Viele Experten begrüßen den Schritt, manche warnen jedoch auch vor einer Stigmatisierung von Computerspielern.

Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten (ICD) ist das wichtigste, weltweit anerkannte System für medizinische Diagnosen und wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben. Derzeit enthält die Klassifikation rund 55.000 Krankheiten oder verwandte Gesundheitsprobleme. Am Montag präsentierte die WHO die neue Ausgabe ICD-11 der Klassifikation. Das Expertenteam hatte im Vorfeld über 10.000 Vorschläge für Krankheiten erhalten.

Erstmals wurde nun auch Computerspielsucht als Suchtstörung in die Klassifikation aufgenommen. In Kapitel 6 der neuen Ausgabe heißt es, Computerspielsucht zeichne sich aus durch ein Muster von „ständigem oder sehr langem“ Spielen, online oder offline. Ein Betroffener verliere die Kontrolle über das Spielverhalten und stelle es über alle andere Interessen und sonstige tägliche Aktivitäten, trotz negativer Auswirkungen in persönlichen, familiären, sozialen Bereichen. Für eine Diagnose relevant werde ein solches Verhalten nach mindestens zwölf Monaten des exzessiven Spielens.

Nur wenige Spieler sind süchtig

Vladimir Poznyak vom Programm Suchtmittelmissbrauch der WHO erklärte: „Der Hauptgrund dafür sind nicht nur die vorliegenden wissenschaftlichen Beweise, sondern auch der Bedarf an Behandlung und die Forderung nach einer Anerkennung seitens der behandelnden Mediziner, die sich davon erhoffen, dass die Forschung verstärkt wird, dass vorbeugende Maßnahmen durchgeführt werden können und dass man sich mehr mit den gesundheitlichen Folgen dieser Sucht befasst.“ Die Spielsucht könne zu Schlafmangel, falscher Ernährung und zu Bewegungsmangel führen.

Wie die ARD berichtete, spielen rund 34 Millionen Deutsche Computer oder Videospiele, nur ein verschwindend kleiner Teil tue dies exzessiv. Die meisten von ihnen seien nicht abhängig.

Der Psychotherapeut Franz Eidenbenz, Leiter der Behandlung im Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte in Zürich, erklärte gegenüber der ARD, Angehörige sollten aufmerksam werden, wenn die virtuelle Welt den Spielern so wichtig wird, dass sie Familie und Freunde vernachlässigen, ebenso Schule, Ausbildung oder die Arbeit. Der Psychotherapeut warnt jedoch, durch die Entscheidung der WHO, die Onlinespielsucht als Krankheit einzustufen, könnten Spieler grundlos als therapiebedürftig stigmatisiert werden. Der Suchtexperte betont, dass man Online-Spiele nicht grundsätzlich verteufeln sollte. Man könne als Spieler einiges lernen, etwa strategisches Denken oder Zusammenarbeit in der Gruppe.

Computerspiel als Folge tieferliegender Probleme

Der amerikanische Psychologe Anthony Bean, Leiter der psychotherapeutischen Klinik „The Telos Project“ in Texas, sagte gegenüber dem amerikanischen Sender CNN, dass das Verhalten von Computerspielern noch längst nicht eindeutig klassifiziert werden könne. So gebe es sehr unterschiedliche Arten von Spielern mit unterschiedlichen Ausmaßen des Spielverhaltens. Die Einordnung des Spielens als Sucht basiere dann lediglich auf der „sehr subjektiven Erfahrung“ des Arztes, erklärte Bean.

„Und viele Ärzte würden wohl zugeben, dass sie selbst das Konzept des Computerspielens nicht wirklich verstanden haben und eigentlich keinen Einblick in diese Welt haben.“ Manche Menschen spielten exzessiv „Minecraft“, andere „World of Warcraft“, und allein zwischen diesen beiden Spielen gebe es eine große Spannweite an Genres. Das erstere Spiel sei etwa eine „soziale Interaktion online“, das letztere stelle eher eine „kosmische Überlebenstaktik“ dar.

Viele Menschen benutzten Computerspiele als Hilfe bei Angststörungen und Depressionen, so Bean. Somit sei das Spielen eher ein sekundäres Problem, und die Therapeuten sollten sich auf die eigentlichen, tieferliegenden Probleme kümmern. Er wolle nicht leugnen, dass es Computerspielsucht gebe, sagte Bean, aber sie als Krankheit einzustufen, öffne das Tor für viele weitere derartige Einstufungen. „Auch wenn jemand zu viel Football im Fernsehen schaut, oder zu viel Forschung betreibt – am Ende könnte alles als Suchtverhalten diagnostiziert werden“, ist Bean überzeugt.

ICD-11 wird zunächst von den Mitgliedern der WHO diskutiert und soll am 1. Januar 2022 in Kraft treten. In dieser Zeit können die einzelnen Staaten die Umsetzung planen und die Gesundheitseinrichtungen darauf vorbereiten. Auch Krankenversicherungen verwenden die WHO-Liste für ihre Einschätzung von Krankheitsrisiken. Der WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus betonte, dass die ICD wertvoll sei, weil sie helfe, Krankheiten und Todesursachen von Menschen zu verstehen, sie eventuell bekämpfen zu können und somit Leben zu retten.

Von: Jörn Schumacher

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