Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wünscht sich politische Stellungnahmen der Kirchen, wenn die christliche Botschaft und deren Wesenskern betroffen sind

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wünscht sich politische Stellungnahmen der Kirchen, wenn die christliche Botschaft und deren Wesenskern betroffen sind

Spahn: „Glaube und Schwulsein gehören selbstverständlich zu mir“

Jens Spahn kommt aus dem katholischen Münsterland. Im Interview der Zeit-Beilage „Christ und Welt“ erklärt der bekennende Homosexuelle, was ihn in den Debatten über Religion schmerzt und warum er trotzdem gerne katholisch ist.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bekennt sich offen zu seiner Homosexualität. Für den Politiker ist dies kein Hindernis dafür, gläubiger Christ zu sein. Er ist davon überzeugt, dass Gott ihn so nimmt, wie er ist. Im Gespräch mit der Zeit-Beilage „Christ und Welt“ bekennt er, dass ihn sein Glaube gelassen macht. Durch den Glauben wisse er, dass er von etwas getragen werde, das größer sei als er. „Das gibt mir Tag für Tag die Sicherheit, den Anfeindungen des Alltags zu widerstehen.“

In Bezug auf die Homosexualität könne er wenig mit der Lehre seiner Kirche anfangen. Kirche könne nicht einerseits von Wertschätzung sprechen und um Vergebung bitten und andererseits dazu auffordern, Sünde zu bereuen: „Da gibt es nichts zu bereuen. Ich habe mir meine Homosexualität schließlich nicht ausgesucht. Und sie schadet auch niemandem.“ Der Glaube gehöre so selbstverständlich zu ihm wie das Schwulsein.

Er finde es schade, wenn die Kirche Menschen in einem der wichtigsten Momente des Lebens ihren Segen verweigere. Stattdessen solle sie diese Personen mit offenen Armen empfangen. Diffamierung und Ausgrenzung seien der falsche Weg. Seinem Partner, mit der er seit Dezember verheiratet ist und der gar keiner Kirche angehört, wäre eine solche Segnung wichtig gewesen.

„Glaube kann die Gesellschaft zusammenhalten“

Der Katholizismus hat in Spahns Leben von Beginn an eine wichtige Rolle gespielt. Er war Messdiener in seinem Heimatort Ottenstein. Dass mittlerweile immer mehr Kirchen verwaisten, findet er bedenklich. Es sei immer schwieriger, Menschen für den Priesterberuf zu finden. Ein Dorfpriester sei immer im Dienst: „Die Tür steht immer offen. Das muss man wollen.“ Durch das Fehlen der Theologen bleibe auch manches Seelsorgegespräch auf der Strecke.

Mit Skepsis betrachtet Spahn die mögliche Entfremdung von Religion und Gesellschaft. Er wünscht sich Katholizismus als Ressource, „die wir noch viel zu wenig nutzen in der pluralistischen Gesellschaft“. In unübersichtlichen Zeiten könne vom Katholizismus eine integrierende Kraft ausgehen. „Glaube kann die Gesellschaft zusammenhalten.“

Kirche soll sich nicht als Moralinstanz einmischen

Von Christen erwartet er politische Äußerungen: „Das heißt aber nicht, dass die Kirche sich als Moralinstanz in jede tagespolitische Frage einmischen muss.“ Kirche müsse sich immer zu Wort melden, wenn die christliche Botschaft und deren Wesenskern betroffen seien. Mehr Wortmeldungen der Kirchen wünsche er sich etwa beim Thema Abtreibung. Hier erhoffe er sich vom Katholikentag am Himmelfahrtswochenende in Münster ein klares Signal. Kirche müsse die Gesellschaft daran erinnern, „wie schwer das aus der Perspektive des Lebensschutzes zu ertragen ist“.

In der Flüchtlingspolitik stehe er auf der Linie des Papstes. Dieser habe vor einer Überforderung der Aufnahmeländer gewarnt, ohne dabei das Herz vor einem Flüchtling zu verschließen. Spahn schmerze es zudem, „wenn Juden und Schwule in Deutschland auf offener Straße verprügelt werden, wenn Judenhasser Musikpreise bekommen, wenn junge Mädchen angeblich der Religion wegen zum Kopftuch gezwungen werden oder Frauen gegen ihren Willen verheiratet“. Irritiert habe ihn aktuell, dass hohe Kirchenvertreter plötzlich Anstoß nehmen am Kreuz. Schließlich sei die Botschaft, „für die das Kreuz steht, eine Einladung an den Menschen“, bemerkt Spahn.

Der 37-jährige Jens Spahn ist seit März 2018 Bundesminister für Gesundheit. Seit Dezember ist er mit seinem langjährigen Partner, dem Journalisten Daniel Funke, verheiratet. Die Katholische Kirche debattiert über eine Liberalisierung ihrer Lehrmeinung. Die Gleichstellung mit der Ehe lehnt der Papst ab.

Von: Johannes Weil

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