Thomas Barkowski ist Notfallseelsorger und hat unter anderem den Amoklauf in Ansbach seelsorgerlich begleitet

Thomas Barkowski ist Notfallseelsorger und hat unter anderem den Amoklauf in Ansbach seelsorgerlich begleitet

Notfallseelsorger: So sprechen sie mit Opfern und Tätern

Die Gewalttat an einer Schule in Lünen beherrscht die Schlagzeilen. Ein 15-Jähriger hat einen 14-jährigen Mitschüler erstochen. pro hat bei dem Pfarrer und Notfallseelsorger Thomas Barkowski nachgefragt. Er hat sich um die Betroffenen des Amoklaufs in Ansbach gekümmert und verrät, wie er mit der Ratlosigkeit der Angehörigen umgeht – und was ihm Hoffnung gibt.

pro: Herr Barkowski, was geht einem als erstes durch den Kopf, wenn Sie zu einem solchen Notfall gerufen werden?

Thomas Barkowski: Das sind natürlich ganz viele Fragen: Was wird meine Aufgabe sein? Welche Unterstützung benötige ich dazu? Welche Materialien packe ich ein? Sind dienstliche Verpflichtungen abzusagen, zu verschieben und zu delegieren?

Wie werden Sie auf die Aufgabe als Notfallseelsorger vorbereitet?

Ich bin seit 1993 in der Notfallseelsorge tätig. Damals hieß es: „Learning by doing.“ Heute gibt es bundesweit standardisierte Kurse. Aktuell leite ich das Krisenteam „NOSIS“ (Notfallseelsorge in Schulen). Deren Mitglieder werden für ihre Aufgabe intensiv geschult und bilden sich regelmäßig fort. Wir sind etwa 40 Personen und arbeiten eng mit dem Team der katholischen Kirche und den Krisen-Experten der staatlichen Schulpsychologie zusammen.

Was können Sie dann konkret vor Ort machen?

Es geht zunächst einmal um eine „psychologische Notfallversorgung“. Da steht im Zentrum, die betroffenen Personen zu stabilisieren und ihnen ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Wir wollen signalisieren: „Ich bin jetzt für dich da und begleite dich.“ Wenn ich komplexe Einsätze an Schulen leite, ist es meine Aufgabe, Strukturen aufzubauen, mein Team zu leiten, Kontakte zu den beteiligten Organisationen zu halten und mit den schulischen Krisenteams zusammen eine Bewältigung des Erlebten zu unterstützen. Dazu gehört es dann auch, die „Schulfamilie" in der Trauer zu begleiten. Das kann ganz unterschiedlich sein: einen Raum der Stille gestalten, Gesprächsangebote machen, Lehrkräfte und Eltern beraten oder zu einer Schulandacht beitragen.

Was sagen Sie den Angehörigen der Opfer?

Ich versuche, meine Betroffenheit und mein Mitgefühl auszudrücken. Und ihnen nah zu sein, mit ihnen auszuhalten, was nur sehr schwer auszuhalten ist. Mehr ist in der akuten Situation nicht möglich.

Was sagen Sie den Angehörigen der Täter?

Nach einer schulischen Bedrohungssituation hatten wir sehr eng mit der Täterfamilie zu tun. Sie sind ähnlich betroffen wie Opferfamilien und haben vergleichbare Bedürfnisse. Gefühle wie Schuld und Scham spielen da häufig eine Rolle. Sie erleben in ihrem Umfeld, dass sie ausgegrenzt und angefeindet werden. Manche müssen sogar den Wohnort wechseln oder sind intensiv im Fokus polizeilicher Ermittlungen.

Haben Sie auch Täter getroffen?

Ja, wir hatten immer wieder auch Kontakt zu Tätern. Oft sind sie verschlossen, in sich gekehrt, nicht in der Lage, sich zu artikulieren. Ihre Gründe für die Tat können sehr komplex sein. Oft ist es eine psychische Erkrankung, eine sehr niedrige Frustrationstoleranz. Bei Menschen aus anderen Kulturkreisen kann auch eine Verletzung der Ehre eine Rolle spielen. Die Täter nennen im schulischen Kontext Demütigungen, die oft schon Jahre zurückliegen. Eher stille, zurückgezogene Täter rechnen auch damit, durch eine Gewalttat auf sich aufmerksam machen zu können. Bei Amokläufen rechnet der Täter in der Regel damit, selbst getötet zu werden.

Inwiefern müssen Schüler und Lehrer „nachbehandelt“ werden?

Definitiv muss beobachtet werden, ob durch das Erlebte eine Traumatisierung ausgelöst wurde. Falls das so ist, kann das zu einer sehr ernsthaften Krankheit werden. Deshalb achten Experten aus dem psychologischen Bereich darauf, wo Traumafolgestörungen erkennbar werden. Die Nachbetreuung nach einer Gewalttat an einer Schule ist oft über Wochen bis hin zu Monaten nötig.

Berücksichtigen Sie die sozialen Medien bei der Nachbereitung, etwa wenn sich dort jemand auffällig verhält?

Ja. Das ist nun eine recht neue Herausforderung, die sehr schwer überschaubar ist. Dafür fehlen uns wirkliche Experten, und da, wo man etwas entdeckt, ist es schwer, darauf sinnvoll zu reagieren.

Was können Sie den Menschen in dieser Situation anderes anbieten als Ratlosigkeit?

Es geht vor allem darum, da zu sein und das Schreckliche aushalten. Aber wir wollen auch ein Stück Sicherheit geben und ihnen klar machen, dass sie in einer stabilen Gemeinschaft sind. Sie können aussprechen, was sie belastet. Wir wollen dabei helfen, dass sie aus dem Zustand der Lähmung heraus kommen.

Werden Sie mit dem Vorwurf konfrontiert „Warum hat Gott das zugelassen?“ Und was antworten Sie darauf?

Diese Frage kommt in der akuten Situation so gut wie nie. Darauf habe ich aber als Theologe auch keine plausible Antwort. Unsere Welt ist nicht heil und sie ist unvollkommen. Gott lässt das zu. Warum? An dieser Stelle bin ich selber ratlos. Paulus schreibt in 1. Korinther 13, dass wir jetzt nur wie in einem (trüben) Spiegel sehen und begreifen – aber er weist auf die Hoffnung hin, einst, wenn wir bei Gott sind, den Durchblick zu erhalten. Darauf bin ich gespannt.

Wie schütteln Sie sich selbst solche Ereignisse aus den Knochen?

Dazu braucht es Quellen und Wege der eigenen Stressbewältigung. Ich brauche jemanden, mit dem ich reden kann. Dazu gehören meine Frau, die Kollegen und Gott. Ich brauche Bewegung an der frischen Luft und lenke mich durch ein spannendes Buch ab. Und die Zeit, in der ich mich hinsetze, und einen Bericht über das Erlebte schreibe. Dann kann ich es auch weglegen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Johannes Weil

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