(v.l.) Die katholische Theologin Ute Eberl und die Pfarrerin Michaela Fröhling vertreten ihre Kirchen auf einer Hochzeitsmesse in Berlin – und messen sich dort mit professionellen nichtkirchlichen Anbietern

(v.l.) Die katholische Theologin Ute Eberl und die Pfarrerin Michaela Fröhling vertreten ihre Kirchen auf einer Hochzeitsmesse in Berlin – und messen sich dort mit professionellen nichtkirchlichen Anbietern

Die Ehe zurückerobern

Mit Hochzeiten lässt sich Geld machen. Auf Messen verkaufen Designer für Unsummen Brautkleider und Eheringe, Alleinunterhalter singen und organisieren Partyspiele und freie Redner wetteifern um die beste Trauansprache. Mittendrin versuchen die Kirchen, das Thema Ehe zurückzuerobern.

Kirchenfenster, zwei aufwändig verzierte Holzstühle, ein roter Teppich, zwei Gebetsbänke mit weißen Schleifen und Blumendeko sowie echte Kerzen auf dem Altar: Der gemeinsame Stand der Evangelischen und Katholischen Kirche auf der sogenannten „Hochzeitswelt" in Berlin, einer Fachmesse für alles rund ums Heiraten, vermittelt den Eindruck, es könne eigentlich sofort losgehen, mit dem Eheversprechen. Das Erzbistum Berlin und die Evangelische Kirche in Berlin und Brandenburg stellen keine Brautkleider oder Trauringe aus, wie so viele andere hier. Sie haben eine ganze Kirche mitgebracht. Aus Pappe zwar, aber die kleine stilisierte Kapelle ist schon von weitem erkennbar und eröffnet eine Dimension, die sich auf dieser Messe zwischen freien Traurednern, Standesamtvertretern, Hochzeitssängern und Reiseanbietern sonst kaum findet: Die sakrale. Eine kirchliche Trauung, das wünschen sich viele. Die christlichen Hintergründe zum Thema Heiraten hingegen kennen nur noch wenige. Nur noch ein Viertel der Haupstädter ist Teil einer der großen Volkskirchen, ergab jüngst eine Erhebung.

Pfarrerin Michaela Fröhling im Gespräch mit einem Paar auf der Hochzeitsmesse „Hochzeitswelt" in Berlin

Pfarrerin Michaela Fröhling im Gespräch mit einem Paar auf der Hochzeitsmesse „Hochzeitswelt" in Berlin

Um diese Zahlen wissen auch die evangelische Pfarrerin Michaela Fröhling und ihre katholische Kollegin, die Theologin Ute Eberl. Sie vertreten ihre Kirchen an diesem ersten Januarwochenende am Messestand. „Wir sind mit dem Thema Ehe viel zu wenig in der breiteren Öffentlichkeit", sagt Fröhling. Tatsächlich kann man weiter gehen und sagen: Die Kirchen haben die Deutungshoheit beim Heiraten verloren. Hochflexible und professionelle nichtkirchliche Veranstalter bieten Paaren für das richtige Geld einen Service, den die Kirchen mit zu knapp besetzten Pfarrstellen und genauen Vorstellungen von Form und Inhalt einer Trauung oft nicht vorweisen können. Stattdessen wollen sie mit spiritueller Tiefe punkten. Die sollen Suchende so niedrigschwellig wie möglich finden. Heiratswillige dürfen sich am Stand etwa einen Trauvers losen. „Gestern hat hier eine Frau tatsächlich ihren Konfirmationsspruch gezogen", sagt Fröhling, und weiter: „So etwas berührt.“

Auch zwei Männer seien kürzlich am Stand gewesen, um sich zu erkundigen, ob sie kirchlich getraut werden könnten. Diese Frage müssen Eberl und Fröhling unterschiedlich beantworten. Während die Berliner Landeskirche homosexuelle Paare verheiratet, steht schwulen und lesbischen Katholiken dieser Schritt nicht offen. Freilich gibt es noch andere Hindernisse auf dem Weg zur Ehe für all jene, die diesen mit kirchlichem Segen vollziehen wollen. Mindestens einer der Partner muss Kirchenmitglied sein. „Alle Türen sind offen", sagt Fröhling zu einem Paar um die 40, das sich genau danach erkundigt, und reicht dem Mann eine Broschüre zum Thema Kircheneintritt. Die meisten Gespräche, das verraten Eberl und Fröhling, führen sie hier zu genau dieser Frage: Unter welchen Vorraussetzungen sind kirchliche Eheschließungen möglich? Viele halten sich erst gar nicht damit auf, sondern wenden sich an eine der vielen Organisationen, die Trauungen auch dann ermöglichen, wenn keiner der Partner getauft oder in einer Gemeinde aktiv ist.

Harte Konkurrenz für die Kirchen

„Bei uns sind 90 Prozent der Paare konfessionslos", sagt ein Mann mit hipp gemustertem Hemd und Glatze. Er ist zum Fachsimpeln und Kennenlernen an den Kirchenstand gekommen. Denn er selbst vertritt die Rednervermittlung „Pastor2Go" auf der Messe. Wer heiraten will, findet hier Theologen, die christliche Trauung durchführen – auch, wenn die Paare keinen frommen Hintergrund vorweisen können. Viele der Redner sind Pastoren in Freikirchen. Auf der hauseigenen Internetseite bietet „Pastor2Go" einen Rednerausfallschutz, Basis- und Luxuspakete und Qualitätssicherheit an.

Kundin auf der „Hochzeitswelt“: Brautkleider und Trauringe in jeder Preisklasse

Kundin auf der „Hochzeitswelt“: Brautkleider und Trauringe in jeder Preisklasse

Eins sei klar, die Zeiten hätten sich geändert, bekennt Eberl, die ihr Bistum seit 20 Jahren auf Hochzeitsmessen vertritt. Als sie mit dieser Arbeit angefangen habe, sei die Kirche noch ganz selbstverständlich Teil der Eheschließung gewesen. „Heute heiratet niemand mehr kirchlich, nur, weil man das im Dorf so macht", sagt sie. Die Veränderungen hätten eine große Freiheit gebracht: „Wer heute kirchlich heiratet, der meint es ernst", ist sie überzeugt. Fröhling ergänzt, was sie in ihren Augen von allen Anbietern unterscheidet: „Wir haben ein spirituelles Mehr!"

Das führe auch dazu, dass die Ehegespräche auf der Messe nicht selten in Glaubensgespräche mündeten. So erinnert sich Fröhling an eine Mutter, der ein Pfarrer einst die Taufe des Kindes verweigerte, weil dieses nicht ehelich geboren wurde. Das habe tiefe Wunden hinterlassen. „Aber da gab es auch eine große Sehnsucht", sagt Fröhling. Die Pfarrerin hat auch diese Frau damals mit Wiedereintrittsmaterial ihrer Kirche versorgt. Eberl und Fröhling verbindet der Wunsch, die Kirche als Anbieter von Trauungen in der Öffentlichkeit wieder präsenter werden zu lassen. Durch eine breitere Präsenz im Internet zum Beispiel. Oder eben durch Messestände in Kapellenform. Zum Schluss fragt Fröhling: „Wie wäre es denn, wenn wir bei einer Messe auch mal Trauungen anbieten. Gleich hier in unserer kleinen Kapelle am Stand?"

Von: Anna Lutz

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