Der Felsendom in Jerusalem ist eines der islamischen Heiligtümer. Vom Felsen in dessen Innerem aus hat nach muslimischer Überlieferung Mohammed seine Himmelfahrt angetreten. Nach der jüdischen Tradition stand an dieser Stelle die Bundeslade im Tempel. Außerdem war hier der Ort, wo laut Überlieferung Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte.

Der Felsendom in Jerusalem ist eines der islamischen Heiligtümer. Vom Felsen in dessen Innerem aus hat nach muslimischer Überlieferung Mohammed seine Himmelfahrt angetreten. Nach der jüdischen Tradition stand an dieser Stelle die Bundeslade im Tempel. Außerdem war hier der Ort, wo laut Überlieferung Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte.

„Abraham ist der erste Muslim“

Der Islamexperte Hanna Nouri Josua hat für seine Studie „Ibrahim, der Gottesfreund“ den Johann-Tobias-Beck-Preis erhalten. Ein Gespräch über den Glauben von Christen und Muslimen und die Beziehungen zwischen ihren Religionen mit den Islamexperten Hanna und Heidi Josua.

Für seine Studie „Ibrahim, der Gottesfreund. Idee und Problem einer Abrahamischen Ökumene“ wurde der Islamexperte Hanna Nouri Josua in Stuttgart mit dem Johann-Tobias-Beck-Preis ausgezeichnet. Verleiher des Preises sind der Arbeitskreis für evangelikale Theologie (AfeT) und die Theologische Verlagsgemeinschaft (R.Brockhaus-Verlag/Brunnen-Verlag). In interreligiösen Dialogen gilt Abraham als verbindende Figur zwischen Christentum, Judentum und Islam. Doch der Islam interpretiert ihn auf eigene Weise, wie die Islamexperten Hanna und Heidi Josua zeigen.

pro: Was ist der Kern des islamischen Glaubens?

Hanna Josua: Die „Einsheit“ Gottes, die unteilbar ist, also Gott, der keinen Teilhaber hat. Sie ist elementar für den islamischen Glauben. Polytheismus, Vielgötterei, ist verpönt im Islam. Das ist im siebten Jahrhundert, als der Islam entstand, eine Gegenreaktion auf alle anderen Religionen. Auch gegenüber den Christen; dieser Gedanke entstand aus einer falsch verstandenen Trinität heraus.

Welche Aufgabe haben Propheten im Islam?

Hanna Josua: Damit der islamische Glaube konkret wird, braucht er den Propheten als Sprachrohr Gottes. Daher heißt das islamische Glaubensbekenntnis: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Gott, und Mohammed ist der Gesandte Gottes.“ Der Prophet ruft die Menschen zur Unterwerfung unter Gott auf. Jeder Mensch ist nach islamischer Vorstellung von Geburt an Muslim – erst die Eltern machen einen zum Christen, Juden oder etwas anderem.

Zu den islamischen Propheten gehören auch Noah, Abraham, Mose und Jesus. Warum gibt es im Islam diese Bezüge zum Judentum und Christentum?

Hanna Josua: Mohammed kam nicht in einen luftleeren Raum, sondern in eine Gesellschaft auf der arabischen Halbinsel, die von Menschen, Kulturen, Traditionen geprägt war. Muslime sagen, vor dem Islam war Unwissenheit – Dschahilija­ – und Mohammed kam, um die Unwissenheit durch den Glauben an die Einsheit Gottes zu beseitigen. Wissenschaftler gehen aber heute davon aus, dass die gesamte arabische Halbinsel vermutlich innerhalb von hundert Jahren christianisiert worden wäre, wenn Mohammed nicht gekommen wäre.

Heidi Josua: Wir haben anhand arabischer Quellen alle arabischen Stämme aufgelistet und untersucht, welche Religionszugehörigkeit sie hatten. Die meisten waren christlich. Jüdische Gebiete gab es vor allem in Stadtstaaten und Oasen, nur in einem kleinen Gebiet rund um Mekka gab es weder Juden noch Christen. Dann gab es noch die Hanifen, die Gottsucher. Die haben sich vom Polytheismus abgewandt und im Christentum und Judentum eine Alternative gesucht, aber sich dort nicht verortet, sondern sind unabhängige Gottsucher geblieben. Abraham gilt im Islam auch als Hanif. In dieser religiösen Umbruchsituation, wo die Suche nach einem Gott schon da war, ist Mohammed gekommen und hat ein geschlossenes System vorgelegt.

Dr. Hanna Josua (re.), geboren 1956 im Libanon, studierte Politik, Geschichte und Theologie. Seit 1980 lebt er in Deutschland. Mit der Studie „Ibrahim, der Gottesfreund“ wurde er promoviert. Er ist Pfarrer evangelischer arabischsprachiger Gemeinden in Stuttgart und Süddeutschland und er leitet die Evangelische Ausländerseelsorge. Seine Frau Heidi, Jahrgang 1959, ist Religionspädagogin und Islamkundlerin. Sie ist ebenfalls im interkulturellen Bereich und in der Flüchtlingsarbeit tätig.

Dr. Hanna Josua (re.), geboren 1956 im Libanon, studierte Politik, Geschichte und Theologie. Seit 1980 lebt er in Deutschland. Mit der Studie „Ibrahim, der Gottesfreund“ wurde er promoviert. Er ist Pfarrer evangelischer arabischsprachiger Gemeinden in Stuttgart und Süddeutschland und er leitet die Evangelische Ausländerseelsorge. Seine Frau Heidi, Jahrgang 1959, ist Religionspädagogin und Islamkundlerin. Sie ist ebenfalls im interkulturellen Bereich und in der Flüchtlingsarbeit tätig.

Was bedeutet das für das Verständnis des Korans?

Heidi Josua: Der Koran ist kein Dogmatikbuch, das eine fertige Theologie beschreibt. Es sind die gesammelten Predigten und Reden Mohammeds. Sie sind nicht chronologisch geordnet, sondern der Länge nach. Der Koran ist eine Verkündigung, er regelt das Leben der muslimischen Gemeinde und grenzt sie von anderen vorhandenen Gruppen auf der arabischen Halbinsel ab. Wenn also Mohammed mit einer bestimmten Gruppe redet, geht er auf ihre Fragen und Argumente ein: So ist der Koran wie ein Gespräch, nur dass man erschließen muss, was das Gegenüber gesagt hat.

Hanna Josua: Man kann die Korantexte nur verstehen, wenn man das Umfeld begreift und fragt, zu wem Mohammed hier spricht und was Anlass und Ergebnis der Auseinandersetzung waren. Wir orientieren uns deshalb bei der Auslegung an den Adressaten und fragen: An wen ist der Text gerichtet? Was wollte Mohammed eigentlich sagen – diesen Juden, Christen und Gottsuchern?

Abraham ist im Islam ein Prophet, Mohammed auch – welche Zusammenhänge gibt es zwischen ihnen?

Hanna Josua: Abraham ist von großer Relevanz für Muslime hinsichtlich der Pflichten des Islams. Er gilt als Vater der Propheten und der Gläubigen. Nach islamischer Vorstellung hat Abraham das Heiligtum, die Kaaba, in Mekka errichtet. Die Wallfahrt dorthin ist eine Säule im islamischen Glauben. Auch das Fasten, der Glaube an Allah, die Entdeckung der „Einsheit“ Gottes, das Gebet, die Almosensteuer, das Opferfest oder auch die Beschneidung werden auf Abraham zurückgeführt.

Heidi Josua: Abraham hat im Koran eigentlich kein Eigenleben. Das ist keine eigenständige Geschichte, die Mohammed von ihm verkündet. Die Abrahamtexte sind über die ganze Verkündigung und Lebenszeit Mohammeds verteilt und korrespondieren mit Ereignissen in dessen Leben. Wir haben in unserer Analyse die vorhandene Forschung aufgenommen und geschaut, wann welche Abrahamtexte des Koran entstanden sind. Da stellt man fest, dass die Ereignisse, die sich im Koran bei Abraham ereignen, und das, was tatsächlich im Leben Mohammeds passiert, genau parallel zueinander verlaufen. Als Mohammed zum Beispiel dafür angefeindet wird, dass er keine männlichen Nachkommen hat, schreibt er von dem Trost Gottes, indem Abraham die Verheißung eines Sohnes bekam.

Wie kann man die Gottesbeziehung beschreiben, die im Islam vorherrscht?

Hanna Josua: Der Werkgerechtigkeitsgedanke ist im Islam sehr stark. Der Glaube eines frommen Muslims wird konkret durch die Taten. Deshalb ist das Leben Mohammeds, die Sunna, das Vorbild der Muslime. Sie versuchen, ihn nachzuahmen: wie er lebte, seine Frauen behandelte, wie er fastete, wie er in den Krieg ging, wie er Menschen entweder zustimmte oder zurückwies, wie er zu bestimmten Situationen schwieg, bis hin zu Nagelschneiden und Zähneputzen. Liebe zu Gott basiert im Islam auf totaler Unterwerfung unter Gott. Der Liebende ist immer der Mensch – das ist entgegengesetzt zu dem, was wir Christen glauben: Gott hat uns zuerst geliebt.

Inwiefern können sich Christen und Muslime dann gemeinsam auf Abraham beziehen?

Hanna Josua: Es gibt Anknüpfungspunkte in der Geschichte Abrahams, aber sie bleiben begrenzt. Etwa bei der Begebenheit, als die drei Gäste zu Abraham kommen: Dass Gott das Äußerste gab und selber in der Gestalt von Christus unter den dreien da war, das gibt es im Islam nicht. Im Islam kann oder will Gott nicht in unsere Welt hineinkommen. Das ist diametral entgegengesetzt zum christlichen Glauben. Die Basis unseres Glaubens ist: Gott sagt „ja“ zu dir und mir, weil er uns zu seinem Ebenbild erschaffen hat. Deshalb kommt er in der Gestalt von Jesus in die Welt. Für mich ist Abraham ein Anknüpfungspunkt mit Muslimen, dass wir ihnen sagen können: Als Menschen sind wir die Angeredeten Gottes, so wie Abraham angesprochen wurde.

Was heißt das für die Idee der „Abrahamischen Ökumene“?

Hanna Josua: Wir sind als Christen keine Abrahamiter, dass wir sagen könnten, wir treffen uns mit Juden und Muslimen auf dieser Ebene. Ich kann nicht hinter die Aussagen Jesu zurück. Und für Muslime ist es keine Möglichkeit, weil sie im Glaubensbekenntnis sagen, dass Mohammed der Prophet par excellence ist. Der abrahamische Gedanke ist in den Träumen mancher Theologen eine Alternative gewesen, weil der interreligiöse Dialog bei der Frage um Christus nicht weiterkam. Deshalb suchten sie eine andere verbindende Person für die monotheistischen Religionen.

Heidi Josua: Aber wir konnten in einer Studie nachweisen, dass Abraham für Muslime, wenn man den Koran ernst nimmt, der Begründer des Islam ist. Damit kann er nicht gleichzeitig der Verbindende zwischen den Religionen sein. Es ist an ganz verschiedenen Texten und Bildern nachzuweisen, dass Stätten, die grundlegend sind für Judentum und Christentum, dann uminterpretiert und islamisiert wurden. So wie der Felsendom – ursprünglich ein byzantinischer Memorialbau auf dem Berg, der theologisch in eins gesetzt wird mit Golgatha und Moria, wo Abraham seinen Sohn opfern sollte.

Abraham ist bereit, seinen Sohn zu opfern, doch ein Engel hält ihn davon ab: Das biblische Motiv, hier in einer Zeichnung von Michelangelo Merisi da Caravaggio, findet sich auch im Koran und in der islamischen Kunst.

Abraham ist bereit, seinen Sohn zu opfern, doch ein Engel hält ihn davon ab: Das biblische Motiv, hier in einer Zeichnung von Michelangelo Merisi da Caravaggio, findet sich auch im Koran und in der islamischen Kunst.

Wie steht Mohammed zu den anderen Propheten, die es sowohl im Alten Testament als auch im Islam gibt?

Heidi Josua: Aus Mose entsteht nach islamischer Vorstellung das Judentum, aus Jesus das Christentum. Sie gehören zu den anerkannten islamischen Propheten, aber ihre Nachfolger haben ihre Botschaft verfälscht. Deshalb schickte Gott Mohammed aus der Linie von Abrahams erstem Sohn Ismael. Mohammed benutzt Abraham, der vor Mose und Jesus war, er knüpft direkt an ihm an, als die Lehre noch „unverfälscht“ war, und erneuert die Religion Abrahams. Damit ist die jüngste Religion gleichzeitig die ursprüngliche, die eigentliche.

Viele Menschen haben Angst vor dem Islam, zumal Muslime auch als Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Was können die Einzelnen tun, um den Frieden zu erhalten?

Heidi Josua: Es ist gut, eine klare eigene Identität zu haben und zu ihr zu stehen. Wir brauchen keine Leitkultur, wir haben Leitwerte in Form der Menschenrechte und des Grundgesetzes. Wer die bejaht, ist herzlich willkommen. Und gleichzeitig sollten wir den erbarmenden Blick Jesu haben. Wir müssen den Muslimen, die aus repressiven und gewaltbetonten Gesellschaften fliehen, die Möglichkeit geben, sich anders zu orientieren. Wenn man zu seiner eigenen Identität steht, wird das auch für andere attraktiv. Ich erlebe das bei den Syrern, die auch hier so viel Misstrauen und Konflikte gegeneinander haben. Sie sagen, dass sie eigentlich so leben wollen, wie sie es bei manchen Christen sehen: als jemand, der für Frieden einsteht und der nicht ständig mit Misstrauen und Hass kommt, sondern der vergeben kann – bei dem man die Akzeptanz und die Empathie, die Liebe zu den Menschen sehen kann. Das ist das Tatzeugnis. Sieht man das an uns Christen, dass wir das verkörpern und in der Begegnung mit den Menschen leben?

Hanna Josua: In der Begegnung liegt die Kraft. Uns ist als Christen geboten: Geht hin in die Welt. Das heißt, aus dem Herkömmlichen aufbrechen und mich in die Unsicherheit begeben mit der Gewissheit, dass Gott bei mir ist. Wie bei meiner Blindheit: Ich sehe die Menschen, die vor mir sitzen, nicht. Ich weiß nicht, ob sie ein Messer in der Hand haben oder einen Stift. Aber ich bin sicher, dass derjenige, der zu mir sagt „Ich bin bei dir alle Tage“, auch da ist. In dieser Gewissheit zu leben und zu dienen, zeichnet uns als Christen aus – nicht Polemik gegen Menschen. Deshalb ist meine Frage als Christ: Was kann ich diesen Menschen anbieten und welches Bild von meinem Glauben dürfen sie bekommen?

Vielen Dank für das Gespräch! (pro)

In seinem Buch „Ibrahim, der Gottesfreund. Idee und Problem einer Abrahamischen Ökumene“, seiner neu herausgegebenen Dissertationsschrift, hat Hanna Josua seine Forschung zur Rolle Abrahams im Islam festgehalten. Mohr Siebeck, 694 Seiten, 129 Euro, ISBN 9783161501456

In seinem Buch „Ibrahim, der Gottesfreund. Idee und Problem einer Abrahamischen Ökumene“, seiner neu herausgegebenen Dissertationsschrift, hat Hanna Josua seine Forschung zur Rolle Abrahams im Islam festgehalten.

Mohr Siebeck, 694 Seiten, 129 Euro, ISBN 9783161501456

Die Fragen stellte Jonathan Steinert.

Dieses Interview ist der Ausgabe 3/2017 des Christlichen Medienmagazins pro entnommen. Bestellen Sie pro kostenlos und unverbindlich unter Telefon 06441-915-151, per E-Mail an info@kep.de oder online.

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