Die Podiumsrunde (v.l.n.r.) mit Professor Helmut Heit, Professor Andreas Urs Sommer und Ralf Eichberg

Die Podiumsrunde (v.l.n.r.) mit Professor Helmut Heit, Professor Andreas Urs Sommer und Ralf Eichberg

Nietzsche und der Reformationsrummel

Reformation einmal aus ganz anderer Sicht: Für Friedrich Nietzsche hat Martin Luther gerade dann das Christentum wiederhergestellt, als es schon unterlag. Der Reformator, laut Nietzsche ein „Verhängnis von Mönch“, taucht in den Schriften des Philosophen immer wieder auf.

Wie hätte Friedrich Nietzsche den Reformationsrummel im Jahr 2017 empfunden? Die Feiern hätten ihn wohl nicht überrascht, meint Andreas Urs Sommer, Philosophie-Professor an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Nietzsche sei immerhin von der langfristigen Wirksamkeit von Gedanken überzeugt gewesen. Vermutlich hätte er dazu geschwiegen und es auch mit Verachtung gesehen, glaubt dagegen Ralf Eichberg, Leiter des Nietzsche-Dokumentationszentrums in Naumburg/ Saale. „In der Reformation spricht sich eine Form des Christentums aus, die Nietzsche von Kindesbeinen an erlebt an und an der er sich sein Leben lang gerieben hat.“

Allerdings ist Sommer überzeugt: Nietzsche habe Luther in seinem Werk ganz unterschiedlich „eingesetzt“ – je nach argumentativem Kontext. „Man kann ihn gönnerhaft von oben als tapsigen Bauern und Grobian und Barbaren in die Ecke stellen. An anderer Stelle scheint er für ein paar Jahrhunderte in der europäischen Geschichte eine Schlüsselfunktion zu haben. Nietzsche scheint da nicht so festgelegt zu sein. Wir sollten uns hüten, Nietzsche selbst festlegen zu wollen.“ Denn der sei ein großer Irritationskünstler, deshalb nehme man von ihm auch keine neuen reformatorischen oder antireformatorischen Lehren mit, sondern ganz viel Irritation und Reizung.

In der Berliner Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt gab der gebürtige Schweizer Sommer einen Überblick zum Thema „Nietzsche und die Reformation“. Nietzsche, der mütterlicher- und väterlicherseits von Pastoren abstammte, habe Lesen und Schreiben anhand der Lutherbibel gelernt und zuerst selbst Theologe werden wollen. In Naumburg sei er als Kind der „kleine Pastor“ genannt worden, erzählte Sommer. Von der Theologie habe er sich aber bald abgewandt und sich geweigert, in den Osterferien mit Mutter und Schwester zusammen zum Abendmahl zu gehen. „In gewisser Weise war das Tischtuch damit zerschnitten und Nietzsche hat nie mehr zum Christentum in irgendeiner religiösen Form zurückgefunden, so sehr ihn das Christliche als das moralprägende Moment im abendländischen Kulturkontext nach wie vor fasziniert hat. Er ist in ständiger Auseinandersetzung mit diesem christlichen Erbe.“

Nietzsche hielt Lutherbibel für ein „schlechtes Buch“

Martin Luther taucht in Nietzsches Schriften immer wieder auf. An einer Stelle lobt er laut Sommer Luthers Bibelübersetzung als „bestes deutsches Buch“, allerdings vor dem Hintergrund einer Kritik am Deutschtum. „Das Kompliment ist vergiftet“, so Nietzsche-Experte Sommer. In dem Zusammenhang sei die Lutherbibel für Nietzsche immer noch ein schlechtes Buch verglichen etwa mit Leo Tolstoi oder Mark Twain. In seinen späten Schriften werde die Reformation als ein Umbruch verstanden, der konserviert habe, was eigentlich schon zum Vergehen verurteilt gewesen sei: die Christliche Moralität und die Vorstellungen, die das Christentum dem europäischen Menschen wie einen Alpdruck auferlegt habe. Die Reformation erscheine nun als „Kulturverbrechen“ und Luther als „unmöglicher Mönch“, der die Kirche angegriffen und so wiederhergestellt habe.

In der Nietzche-Rezeption hätten manche Luther und die Reformation gegen die Kritik des Philosophen in Schutz nehmen wollte, legte Sommer dar. Andere wiederum hätten Nietzsche gar als konsequenten Fortsetzer eines lutherisch-reformatorischen Zerstörungsgedankens verstanden. Gleichzeitig gebe es eine ganze Reihe von Philosophen und Theologen, die Nietzsche als „Steigbügelhalter“ für eine Rückkehr zum Glauben benutzt hätten, sagte Sommer. Es sei ein bestechender Gedanke, „dass derjenige, der sich am stärksten gegen das Christentum und die hergebrachten Gottesvorstellungen richtet, derjenige ist, der wieder zu diesem Gott und diesem Glauben zurückführt.“ Dieser Weg sei aber nicht zwingend, schmunzelte Sommer, ihm selbst sei das noch nicht als persönliche Versuchung untergekommen.

Nietzsche interessiert an Luther

Der Gedanke sei alt, dass kulturgeschichtliche Phänomene wie das Christentum häufig mehr durch die Gegner als durch die Freunde am Leben erhalten würden, machte Helmut Heit, Philosophieprofessor an der Tongji-Universität in Shanghai, deutlich. Nietzsche sei sich außerdem durchaus bewusst gewesen, dass es kraftvoller Illusionen bedürfe. Der Zweifel sei Teil der Religiosität, aber es sei auch eine gewisse Zuversicht nötig, das habe Nietzsche erkannt.

Heit lud zum Nietzsche-Kongress ein, den er mit Sommer leitet, und verwies auf das von dem Grafikdesigner Michael Girod dafür entworfene Plakat. Darauf breche Nietzsche einen Nachbarschaftsstreit vom Zaun. Auf der einen Zaunseite ist Luther zu sehen, der seinen Weinberg beschneidet. Auf der anderen Seite steht Nietzsche in einem wildwuchernden Garten. Der Titel der Konferenz sei „Entrüstung der Einfalt“. Einfalt meine nicht nur, Luther sei nach Ansicht Nietzsches dumm gewesen, betonte Heit. In der Einfalt zeige sich vielmehr eine Unfähigkeit, die Vielfalt zu ertragen. Nietzsche stehe dem auf dem Plakat entgegen, bleibe aber trotzdem an Luther interessiert. Der Kongress findet vom 12.-15. Oktober 2017 in Naumburg/Saale statt. (pro)

Von: Christina Bachmann

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