Die Frauenfrage und der Umgang mit Sexualität sind entscheidende Themen des Religiösen

Die Frauenfrage und der Umgang mit Sexualität sind entscheidende Themen des Religiösen

Sex ist der Lackmustest der Religiösen

Für konservative Juden und Muslime sind sexualethische Fragen das entscheidende Abgrenzungsmerkmal zu liberalen Gruppen. Das haben Experten bei einer Veranstaltung zu religiöser Sexualethik im Jüdischen Museum Berlin erklärt.

„Für orthodoxe Juden ist Sex zur Trennlinie zwischen der modernen Welt und ihrer Tradition geworden", sagte der Professor für Jüdische Geschichte an der Universität von Kalifornien, David Biale, am Dienstagabend im Jüdischen Museum in Berlin. Heutzutage gebe es in Jerusalem etwa Gruppen, die sich auferlegten, nur ein mal im Monat Sex mit ihren Ehefrauen zu haben und dabei so wenig Spaß wie möglich zu empfinden. „Deshalb behalten sie dabei ihre Kleidung an", erklärte er. Außerdem ignorierten sich die Partner den Rest der Zeit so gut wie gänzlich. „Solche Bewegungen kannten wir im Judentum vorher nicht. Sie sind ein Phänomen der letzten 60 Jahre", sagte Biale. Als möglichen Grund nannte er die Abgrenzungsbestrebungen der Orthodoxen zu anderen liberaleren Gruppen: „Sie demonstrieren ihre gottesfürchtigere Praxis."

Die Veranstaltung „Sexualität, Lust, Erotik und Gott" gehört zum Begleitprogramm der Sonderausstellung „Cherchez la femme" im Jüdischen Museum Berlin, die sich mit der religiösen Verhüllung der Frau in den Religionen auseinandersetzt. Biale wies darauf hin, dass Sexualität im Judentum von jeher ein Thema mit gegensätzlichen Lehrmeinungen sei. Zum einen werde der Sexualtrieb als etwas Schlechtes betrachtet und Selbstbefriedigung sowie außerehelicher Sex oder Homosexualität verurteilt. „Die Verschwendung von Samen kommt im jüdischen Verständnis Mord gleich", sagte Biale. Andererseits gehöre es für gläubige Juden zum gottgewollten Leben, Kinder zu zeugen und manche Rabbis lehrten, dass Spaß beim Sex Teil des Ehelebens sei.

Protestantischer Geist im Islam

Die Religionsprofessorin an der Boston-Universität, Kecia Ali, erklärte, auch im Islam spiele die Frage nach der gottgewollten Sexualität eine wichtige Rolle, ebenso, wie die Rolle der Frau. „Trage ich mein Kopftuch nur im Gebetssaal? Wo betet die Frau?" - das seien die Fragen an denen sich die Richtungen im Islam ganz praktisch trennten und unterschieden. Ali erklärte, es gehöre zur traurigen Wahrheit, dass die Gesetzestradition der Muslime aus frühen Jahrhunderten patriarchale Strukturen in der Ehe vorsehe und sie in Analogie zur Sklaverei setze. Radikale Bewegungen wie der Islamische Staat bezögen sich noch heute darauf, auch wenn die Mehrheit der Muslime diese Deutung ablehne. Mit dem Aufkommen des Internets habe sich der Islam aber ausdifferenziert. „Jeder kann Predigten auf YouTube hören und religiöse Schriften im Netz lesen", sagte sie. Das habe zu so etwas wie „protestantischen Bewegungen" im Islam geführt, die die religiösen Autoritäten überspringen und direkt selbst die Texte läsen und deuteten. (pro)

Von: al

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