David Kadel und Bayern-Profi David Alaba

David Kadel und Bayern-Profi David Alaba

„Glaube im Profi-Fußball wächst enorm“

David Kadel hilft Fußballprofis, auf mentaler Ebene voranzukommen. Im Interview spricht der gläubige Autor und Berater über Jesus-Shirts, über Spieler, die sich in Gebetskreisen treffen – und darüber, wie gefährlich es ist, wenn das Geld das Sagen hat.

pro: Herr Kadel, was hat eigentlich Jesus mit Fußball zu tun?

David Kadel: Eine ganze Menge. Im Neuen Testament steht doch schon: „Jesus betete und die Jünger standen abseits!“ Ich glaube, dass sich Gott viel mehr mit Fußball beschäftigt, als wir denken, ganz einfach, weil er uns liebt und sich alleine deswegen schon dafür interessiert, was seine Menschen glücklich macht. Jedoch bin ich mir ziemlich sicher, dass Gott keine Spiele entscheidet, sondern sich den wesentlicheren Dingen auf unserem kaputten Planeten widmet.

Nach dem Sieg der Bayern im Finale der Champions League 2013 streifte sich David Alaba ein Shirt mit der Aufschrift „Meine Kraft liegt in Jesus“ über. Brauchen wir mehr solcher Bekenntnisse?

Ich glaube, wir brauchen mehr Vorbilder in unserer Gesellschaft, die nach Orientierung und Inspiration lechzt. Ein frommer Spruch alleine bewegt nichts, es ist der Typ Alaba und sein vorbildlicher Charakter, der die Fans fasziniert. Das, was er über seinen Glauben an Jesus vor Millionen von Fans auf Instagram postet, das füllt er auch mit Leben. Mit Anfang 20 schon so reflektiert zu sein und sich nicht mit dem nächsten Ferrari, sondern mit Werten wie Demut und Dankbarkeit auseinanderzusetzen, das ist ungewöhnlich und lädt zum Nachahmen ein. In meinem Werte-Film „Und vorne hilft der liebe Gott“ verriet mir David Alaba, dass er regelmäßig in einen Sportlerbibelkreis geht und dort Seite an Seite mit Spielern von 1860 München über Jesus diskutiert und betet. Wenn man weiß, wie sehr sich die Fans beider Clubs hassen, dann spürt man hierbei, was für eine inspirierende und außergewöhnliche Persönlichkeit dieser Ösi ist.

Sie haben seit Jahren beste Kontakte zu Fußballprofis – vor allem zu christlichen. Wie sind Sie dazu gekommen?

Mein bester Freund Dirk Heinen spielte Mitte der 90er Jahre bei Bayer 04 Leverkusen. Dirk hat mir damals viele Profis vorgestellt, die wie er an Jesus glauben: Asamoah, Bordon, Cacau, Zé Roberto, Heiko Herrlich, Paulo Sérgio und viele andere. Dadurch hat sich mit dem einen oder anderen über Jahre eine Freundschaft entwickelt, die dazu führte, dass wir regelmäßig zusammen Bücher und Filme produzierten. Dieses Thema „Warum an Gott glauben?“ haben wir dadurch Millionen von Fans, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, eröffnet.

Sie bieten ein Coaching-Programm für Fußballprofis an. Haben Fußballer nicht schon genügend Trainer?

Meiner Meinung nach kommt es nicht auf die Zahl der Trainer an, sondern darauf, die richtigen Trainer zu haben, die den Spieler in seiner Tiefe erreichen und es verstehen, diese Jungs zu inspirieren und zu berühren. Ein Profi sagte kürzlich zu mir: „David, jeden Morgen muss ich hier in einen Eimer spucken, dann kommt ein Doc und piekst mir ins Ohrläppchen, aber dabei gehen sie mit mir um wie Dreck!“ Im modernen Fußball wird alles gemessen und auseinander genommen. Doch „der Mensch“ im Trikot wird leider noch viel zu wenig wahrgenommen, mit seinen Ängsten, mit seinen Sehnsüchten und all dem, was dieser immense Leistungsdruck mit einem jungen Burschen macht. Hier liegt mein Alleinstellungsmerkmal, denn ich bilde seit Jahren proaktiv Spieler aus in Sachen Mentalität und Führungs-Persönlichkeit und erlebe, wie sich junge Spieler in kurzer Zeit zu echten Profi-Vorbildern entwickeln können, weil sie bestimmte Werte verinnerlicht haben und sie konsequent leben. Dadurch merken gerade viele Vereine, dass es, wenn man langfristig Erfolg haben will, nicht ausreicht, einen Psychologen oder Mentaltrainer im Club zu haben, den man immer dann holt, wenn's brennt. Wer erkennt, dass es einen hohen, auch wirtschaftlichen Nutzen hat, wenn man die Spieler in ihrer tiefsten Persönlichkeit coacht und echtes Selbstbewusstsein vermittelt, unabhängig von Ergebnissen, der macht sich auf die Suche nach Trainern und Mentoren, die eben das vermitteln können.

Mit welchen Spielern haben Sie dabei zu tun?

Mit Profis aber auch Trainern aus der ersten bis zur dritten Liga. Auf meiner Website gibt es einige O-Töne von Spielern zu unserer Zusammenarbeit.

Worum geht es dabei?

Ich habe oft das Gefühl, dass ich Spieler „wach küsse“ und ihnen helfe, den Riesen in sich zu wecken. In unseren Coachings geht es immer darum, dass einer versteht, dass all die Dinge, die er außerhalb des Trainings in seinem Privatleben macht, auch seine Karriere beeinflussen werden. Jürgen Klopp, von dem ich in meinen sieben Jahren bei Mainz 05 sehr viel lernen durfte, sagte mir kürzlich, dass Charakter und Persönlichkeit viel entscheidender sind für Erfolg als fußballerisches Talent. Das trifft exakt den Kern meiner Arbeit. Denn es geht mir darum zu vermitteln, was echtes „Selbstbewusstsein“ bedeutet.

Was bedeutet es denn?

Ich muss mir ‚selbst bewusst sein‘, dass es einige Dinge gibt in meinem Leben, die mir Energie ziehen und mich schwächen: Reizüberflutung, Jammern, Untreue, Lustprinzip, schlechte Einstellung, falsches Denken und so weiter. Und ich muss mir auch ‚selbst bewusst sein‘, dass es einige Dinge gibt, die mich innerlich stärken würden, wie: Inspiration, Stille suchen, die richtigen Bücher lesen, die richtigen Filme gucken, sich mit den Biografien meiner Vorbilder beschäftigen, Werte, Glauben und so weiter. Und dann geht es um die Konsequenz, von den Dingen, die mich stark und zufrieden machen, mehr tun, und von den Dingen, die mich schwächen, die Finger von lassen.

Was sind Sie für die Spieler am ehesten: Trainer, Pastor oder Papa?

Inspirator! Es kommt vom lateinischen inspirare, entfachen. Ich möchte Menschen, auch in meinen Führungskräfte-Coachings bei Firmen, „on fire“ setzen, damit sie wieder brennen für ihr Leben. Begeisterung ist mein absolutes Herzensthema, denn Gott hat uns so viele Gründe und Potential gegeben, begeistert durchs Leben zu gehen und ein Abenteuer nach dem anderen zu erleben. Aber wir brauchen Ermutiger und Inspiratoren, die uns wieder aufwecken und erkennen lassen, wie einfach es sein könnte, ein glückliches Leben zu führen. Ich möchte jemand sein, der seinem Gegenüber hilft, zu sich zu finden, damit er dann als Vorbild auch andere mit dieser neuen Begeisterung anstecken kann.

Interessieren sich auch Fußballer für dieses mentale Coaching, die keine Christen sind?

Na klar! Ich glaube, von meinen etwa 30 Fußballern und Trainern, mit denen ich arbeite, sind die Hälfte Nichtchristen. Aber das spielt auch keine Rolle, denn sie kommen ja nicht zur Seelsorge zu mir, sondern weil sie sich von unserer Zusammenarbeit versprechen, ihre Ziele zu erreichen und besser zu werden.

Ein guter Fußballer bringt immer hundert Prozent Leistung und zeigt keine Schwäche – wo bleibt da Platz für den christlichen Glauben, für Vergebung, Nächstenliebe, Gebet?

Gerade der christliche Glaube hilft doch einem Profi, stark zu sein. Deswegen gibt es ja gerade diese faszinierende Entwicklung, dass der Glaube an Jesus in unserer Gesellschaft immer weniger eine Rolle spielt, dagegen im Profi-Fußball immens am Wachsen ist. Jeder zweite bis dritte Spieler hat ein Tattoo mit Jesus oder einem Vers oder mit betenden Händen. Die Spieler haben längst erkannt, wie sehr es ihnen hilft, „nicht alleine“ auf den Platz zu gehen, sondern Gott als Freund und Vater neben sich laufen zu sehen. Dafür zitiere ich den Jungs immer einen Vers aus Apostelgeschichte 2,25: „Ich habe den Herrn allezeit vor Augen, denn er steht mir zur Rechten, damit ich nicht wanke, darum ist mein Herz fröhlich und mein Mund freut sich!“ Wer alleine diesen Vers mit dem Herzen verstanden hat, der geht künftig verändert in ein Spiel und den juckt es nicht, wenn ihn 80.000 auspfeifen, weil er in Gottes Liebe und Gegenwart ruht und sich dieser Nähe Gottes bewusst ist.

2009 nahm sich Robert Enke das Leben, er litt an einer Depression. Dürfen Fußballer heute eher Schwächen zeigen?

Da ist damals für einen kurzen Moment eine Tür aufgegangen. Plötzlich saßen all diese Funktionäre in den Talkshows und gestanden, dass man in den ganzen Jahren immer mehr vergessen hatte, den Fußballer als Menschen zu sehen. Einige Monate später war diese Empathie und Offenheit für zerbrechliche, junge Menschen, die keine Maschinen sind, wieder vergessen. Dass die traumatisierten BVB-Jungs einen Tag nach einem Mord-Anschlag Fußball spielen sollten, sagt doch alles darüber, wie wenig der Mensch in diesem Business zählt und wie sehr das Geld so vieles kaputt gemacht hat. Deswegen bin ich Kloppo unendlich dankbar, dass er nicht müde wird über diese „4D“-Werte zu sprechen, mit denen wir im Fußball uns viel mehr beschäftigen müssen: Demut, Dankbarkeit, Dienen und Durchhaltevermögen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Nicolai Franz.

von: nf

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