Der Pfarrer Hansjörg Kopp ist seit März 2017 Generalsekretär des CVJM Deutschland

Der Pfarrer Hansjörg Kopp ist seit März 2017 Generalsekretär des CVJM Deutschland

Neuer CVJM-Generalsekretär: „Zuhören“ abseits der Komfortzone

Hansjörg Kopp ist neuer Generalsekretär des CVJM Deutschland mit Sitz in Kassel. Der 44-Jährige ist Pfarrer der württembergischen Landeskirche und war bis zum seinem Amtsantritt betraut mit einer Sonderpfarrstelle für „milieusensible Jugendarbeit“. Im Gespräch mit pro erklärt Kopp, warum Sprachfähigkeit und Vorbildfunktion von Christen wichtig sind, damit junge Menschen Orientierung finden.

pro: Herr Kopp, was ist Ihre größte Herausforderung, zumal die Stelle des CVJM-Generalsekretärs für zwei Jahre vakant war?

Hansjörg Kopp: Ich vermute, all den Erwartungen, die mit dem Amt verbunden sind, gerecht zu werden und wahrzunehmen, dass das nicht möglich ist und gleichzeitig einen guten Umgang mit dieser Erkenntnis zu finden. (lacht).

Gott sei Dank gab es in diesen zwei Jahren Menschen, die in eindrücklicher Weise die Geschicke des CVJM weiter entwickelt haben. Trotzt der Vakanz war eine hohe Energie im CVJM Deutschland, an die ich jetzt anknüpfen kann. Was es für die Geschäftsstelle, für den CVJM bedeutet, das werden wir noch sehen müssen. Wir sind noch dabei, uns zu finden, zumal auch der neue Geschäftsführer seit einem Jahr da ist und der Rektor der Hochschule seit 2014. Das hauptamtliche Leitungsteam ist jetzt in Gänze neu besetzt, und wir sind dabei, gemeinsam einen guten Weg der Zusammenarbeit zu finden.

Werden Sie Ihre Expertise der „milieusensiblen Jugendarbeit“ im CVJM einfließen lassen?

Hinter der milieusensiblen Jugendarbeit stecken zunächst einmal die Erkenntnisse der Milieu- und Lebensweltforschung. Es sind soziologische Zugänge zur Nutzbarmachung von Jugendarbeit in kirchlichen Zusammenhängen. Das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Wie weit ich das im Operativen mit einfließen lassen kann, das wird sich noch zeigen. Ich halte das für einen wichtigen Zugang, für eine Möglichkeit zu verstehen, was Menschen bewegt, weil die Subjektorientierung damit im Vordergrund steht.

Wir fragen zunächst: Was interessiert Menschen? – ehe wir denken, wir wüssten, was sie interessiert. Oder wir lassen sie erzählen darüber, wie sie über Kirche und Glaube denken, ehe wir ihnen Antwortmöglichkeiten bieten, die wir vorgegeben haben. Dieses Hören auf das, was Menschen umtreibt, was sie bewegt, halte ich für existenziell wichtig für die Arbeit des CVJM und der Kirche. Für mich ist dabei das Hören von sehr großer Bedeutung. Denn wenn wir mit jungen Menschen und Erwachsenen über unseren Glauben ins Gespräch kommen wollen, braucht es zunächst tragfähige Beziehungen. Beziehungen haben immer mit Zuhören zu tun.

Was macht den CVJM zu einem Ort, an dem junge Menschen Orientierung finden können?

Der CVJM ist in erster Linie ein christlicher Jugendverband. Das unterscheidet ihn von vielen anderen Jugendverbänden in Deutschland. Darin liegt auch das entscheidende Maß, das Besondere, das wir einbringen können. Dass wir aus diesem persönlichen Glauben und diesem von Gott geliebt und angenommen zu sein heraus Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und jungen Erwachsenen gestalten und verantworten. Zugleich kann der CVJM in vielen lebensbegleitenden Fragen aus christlicher Sicht Ratgeber, Hilfesteller und Begleiter sein. Zudem können Engagierte aus der CVJM-Bewegung Jugendlichen auf dem Weg zur Verantwortungsübernahme in hohem Maß Impulsgeber, Mentoren und Ermöglicher sein. Der CVJM ist vor Ort bei jungen Menschen in 2.200 Ortsvereinen in ganz Deutschland. Wir sind Ansprechpartner, Ermöglicher und Kümmerer gleichermaßen.

Wie begleitet man junge Menschen auf dem Weg zu Verantwortung?

Ich will noch vorausschicken, dass wir Jugendarbeit beim CVJM nicht daraufhin verzwecken, um Verantwortungsträger für die Zukunft zu generieren. Das ist mir wichtig. Jeder hat das Recht, das Evangelium seinem Alter entsprechend zu hören, ohne dass wir sofort denken: Welche Potentiale stecken denn für zukünftige Aufgabenübernahmen in einem Menschen? Keine Generation wird aus meiner Sicht so verzweckt wie Kinder und Jugendliche. Der CVJM kann dabei helfen, Freiräume zu schaffen, in denen Menschen Verantwortung übernehmen können, sich ausprobieren können. In dieser Verantwortung selbst gestalten dürfen und dass wir die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür schaffen. Der CVJM möchte Jugendliche in dem Prozess begleiten, coachen, Hilfestellung geben und natürlich auch mit genügend Wissen versorgen, das notwendig ist, um gut Verantwortung übernehmen zu können.

Wie kann der CVJM eine Nische behaupten in einer Gesellschaft, die sich zunehmen säkularisiert und individualisiert?

Das ist eine schwierige Frage. Sie zeigt, vor welchen Herausforderungen wir insgesamt stehen in unserer Gesellschaft. Eine Wesensäußerung des christlichen Glaubens ist gemeinschaftliches Leben. Nicht alle in einer individualisierten Gesellschaft wollen regelmäßig gemeinschaftliches Leben, oder auch nicht die regelmäßige Teilnahme an einem Gruppenangebot. Das ist eine Herausforderung für die Jugendarbeit im CVJM, weil wir bis heute davon überzeugt sind, dass Jugendgruppenarbeit eines der besten Programme ist, das wir haben. Es gilt, den Einzelnen in seiner Lebensform, in seiner Lebenserwartung in den Blick zu nehmen. Das ist ein Zugang, dieser Individualisierung zu begegnen. Wenn man sich die Ergebnisse der fünften Kirchenmitgliedsuntersuchung der EKD ansieht, nimmt man eine zunehmende Indifferenz beim Menschen wahr, was den christlichen Glauben angeht. Wir stehen vor der Herausforderung, dass wir neu lernen müssen, sprachfähig zu werden, was den christlichen Glauben angeht. Was sind die Dinge, die uns wichtig sind und wie bekommen wir das so übersetzt, dass Menschen, die bisher nichts damit zu tun hatten, sie verstehen können. Dazu gilt es, überhaupt mit Menschen im Kontakt zu sein, die nicht schon zum CVJM oder Kirche, einer christlichen Gemeinde gehören. Da sehe ich für den CVJM, für alle christlichen Kirchen eine der ganz großen Herausforderungen: Aufzubrechen aus unseren Komfortzonen heraus, um mit Menschen unterwegs zu sein, die bislang keinen Zugang zum christlichen Glauben hatten.

Gerade junge Menschen nutzen die sozialen Medien. Sehen Sie da Anknüpfungsmöglichkeiten für die CVJM-Jugendarbeit und wie kann es gelingen, dort sprachfähig zu werden?

Man muss sehr genau schauen, welches Angebot man wofür nutzen kann. In fast allen CVJMs gibt es mittlerweile WhatsApp-Gruppen, um sich miteinander zu vernetzen. Das ist selbstverständlich. Ich glaube, dass wir noch Entwicklungspotential haben, was unsere Präsenz im Internet angeht. Das ist nicht nur Facebook – das ist mittlerweile für junge Menschen schon weniger interessant. Es ist die Frage, wie wir Video-Portale wie YouTube oder Online-Dienste wie Instagram dazu nutzen, in einen Dialog mit jungen Menschen zu treten und sie als aktive Partner zu informieren und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Das ist ein Bereich mit sehr großer Dynamik. Es ist manchmal so, bis wir in Kirche oder christlichen Gemeinden denken: Das machen wir jetzt - dann ist es oft schon eine Entwicklungsstufe weiter. Die Geschichte mit Facebook hat uns gelehrt: Bis wir verstanden haben es richtig zu nutzen, ist es aus der Generation der jungen Menschen schon fast wieder verschwunden.

Wo sehen sie die größten gesellschaftlichen Herausforderungen, auf die Jugendarbeit in Zukunft reagieren muss?

Ich möchte keine Mega-Trends aufzählen. Eine große Frage ist die der Armut und der sozialen Spaltung. Ein zweites ist die der demographischen Entwicklung. Damit meine ich nicht nur die Überalterung der Gesellschaft, sondern die Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur, die wir in den letzten Jahren sehr massiv erleben in Deutschland. Wenn wir diese beiden Fragen nicht in einer guten Art und Weise als Gesamtgesellschaft bewältigt bekommen, dann sehe ich darin ein sehr großes Risikopotential für extreme Positionen und polarisierende Meinungsbildung. Da sehe ich einen gesamtgesellschaftlichen Auftrag, den wir weniger durch Parolen und Extrempositionen schaffen, als vielmehr durch ein verantwortliches gemeinsames gesellschaftliches Handeln. Da kann der CVJM einen wesentlichen Beitrag leisten. Einerseits, weil er schon immer eine weltweite Bewegung ist und zum anderen, weil Jugendarbeit an sich großes Integrationspotential besitzt. Das sage ich – wohl wissend - , dass Interkulturalität und Interreligiosität christliche Jugendarbeit in ihrer bestehenden Form weiter verändern wird.

Vielen Dank für das Gespräch! (pro)

Die Fragen stellte Norbert Schäfer.

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