Konflikte können etwas Positives sein, meint die Philosophin Barbara Schellhammer. Denn darin zeigten sich Dinge, die bis dahin unterdrückt wurden.

Konflikte können etwas Positives sein, meint die Philosophin Barbara Schellhammer. Denn darin zeigten sich Dinge, die bis dahin unterdrückt wurden.

„Verantwortung für mein eigenes Gefühl übernehmen“

Wo Menschen beieinander sind, geht es nicht ohne Spannungen und Konflikte ab. Die Philosophin und Mediations-Expertin Barbara Schellhammer erklärt, warum Konflikte wertvoll sein können und was dabei hilft, sie beizulegen.

Barbara Schellhammer ist Dozentin für Interkulturelle Bildung an der Hochschule für Philosophie in München, die vom Jesuitenorden getragen wird. Zuvor war sie unter anderem Professorin für Interkulturelle Soziale Arbeit an der Internationalen CVJM-Hochschule Kassel. Einer ihrer Arbeitsschwerpunkte ist Konflikttransformation und Mediation.

pro: Was kennzeichnet Konflikte?

Barbara Schellhammer: Ein Konflikt hat immer etwas mit Unterschieden zu tun, mit unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie etwas ist oder sein soll. Es ist die Frage, wie Menschen mit solchen Unterschieden umgehen. Konflikt kann auch etwas sehr Positives sein, weil sich gerade da etwas von den Bedürfnissen oder Vorstellungen zeigt, die bislang nicht den nötigen Raum bekommen haben. Etwas, wofür ich kämpfe oder es um des lieben Friedens willen wegdrücke, nur damit es an anderer Stelle wieder hochkommt.

Was bedeutet es dann, Konflikte zu lösen, wenn sie etwas Positives sind?

Es gibt viele Ansätze, die nicht von Konfliktlösung sprechen, sondern davon, Konflikte zu transformieren. Ein Konflikt verändert Menschen, Situationen und Beziehungen. Auch wenn ein Konflikt augenscheinlich „gelöst“ ist, kann der Stachel nach wie vor da sein. Es kann dagegen eine sehr wertvolle Erfahrung sein, wenn man mit einem anderen Menschen ringt und daran selber wächst und die Beziehung noch vertieft wird.

Was macht man bei einer Konflikttransformation?

Das heißt, dass man Dinge, die in einem Konflikt hochkommen – unausgesprochene Vorstellungen oder unterdrückte Bedürfnisse –, in einem sicheren Raum ausspricht, etwa in einem Mediationsgespräch. Ich habe öfter erlebt, dass in langen Freundschaften und Paarbeziehungen die Beteiligten völlig überrascht sind, wie der andere eigentlich erlebt, weil sie sich darüber noch nie unterhalten haben. Das Gespräch wird verändern. Die Menschen gehen als andere hinaus. Die Beziehung verändert sich dadurch, dass diese Dinge angesprochen wurden und eine neue Sichtweise entsteht.

Was sind die Voraussetzungen dafür, dass man auf diese Weise einen Konflikt beilegen kann?

Die Grundvoraussetzung ist, bereit zu sein, sich mit sich selbst und seinen inneren Konflikten und Schattenseiten auseinanderzusetzen, die man leicht auf andere überträgt. Im Konflikt versuche ich, die Andersartigkeit des anderen zu bekämpfen: Der andere ist nicht so, wie ich mir das vorstelle, und wird zum Problem. Eigentlich will aber mein eigenes Bedürfnis leben und darauf weisen mich meine Emotionen hin. Es kommt darauf an, zu klären, wo das Gefühl herkommt, die Verantwortung für mein eigenes Gefühl zu übernehmen und dann bedürfnisorientiert zu sprechen: Ich bin traurig oder enttäuscht, weil ich dieses oder jenes Bedürfnis habe, das gerade nicht befriedigt wird. Diese Selbstsorge ist die Grundvoraussetzung für ein ethisches Leben mit anderen.

Wie kann man übereinkommen, wenn jede Partei denselben Konflikt unterschiedlich wahrnimmt?

Man kommt in den Urwald, wenn man als Mediator überlegt, wer Recht hat. Das spielt keine Rolle. Ganz oft gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen und beide haben Recht, aus ihren spezifischen Perspektiven auf dieselbe Sache. Die Frage ist: Warum ist es für sie wichtig, den Konflikt zu lösen? Ein Beispiel: Ein Paar im Scheidungsprozess kann sich in der Mediation über alles einigen, selbst über die Finanzen und die Kinder. Aber sie streiten sich um die Mikrowelle. Das ist kein Sonderfall. Da muss man beide fragen: Warum ist Ihnen die Mikrowelle so wichtig? Dann reden sie über ihre Bedürfnisse. Die Frau sagt: „Das war das Gerät, mit dem ich den Kindern die Milch warm gemacht habe; es bedeutet mir was.“ Und der Mann sagt: „Damit habe ich nach der Arbeit mein Essen warm gemacht, das war eine wertvolle Zeit für mich.“ Dann merken sie, das ist das letzte Stück im Leben, was sie noch verbindet. Die Frage ist also: Was liegt unter diesem Konflikt? Man darf sich nicht in Positionen verhaken, sondern muss die darunterliegenden Interessen freilegen. Hier spüren Menschen Gemeinsamkeiten und die Unterschiede treten in den Hintergrund. Die Menschen kämpfen dann nicht mehr gegeneinander sondern gegen ihr gemeinsames Problem.

Kann man als Freund in Konflikten anderer helfen?

Das ist schwierig. Zunächst ist die Frage: Wollen sie das oder ist das mein eigenes Bedürfnis, weil ich ein harmoniebedürftiger Mensch bin? Ich habe oft das Gefühl, dass Menschen meinen, sie müssten sich für eine Seite entscheiden, gerade wenn man mit beiden befreundet ist. Das ist brutal, denn beide Seiten wollen gehört werden, brauchen jemand, der ihr Erleben ernst nimmt. Sicher hilft, es vorsichtig nachzufragen, was passiert ist, bevor man sich ein einseitiges Bild macht. Dabei sollte es tatsächlich um die andere Person gehen, nicht um die eigene Neugierde oder darum, Vorschläge oder gar Vorhaltungen zu machen.

Wann ist es sinnvoll, professionelle Hilfe von einem Mediatoren zu holen?

 

Wenn man selber nicht mehr weiterkommt und bei Auseinandersetzungen immer wieder in die gleichen Reiz-Reaktions-Muster verfällt, also zum Beispiel in die Luft geht oder sich zurückzieht und den Mund hält. Oder man hat Angst vor dem Konflikt, fühlt sich nicht sicher, das auszusprechen, was einen bewegt. Auch wenn es Machtunterschiede gibt, etwa bei einem Konflikt zwischen Angestelltem und Chef, kann es sinnvoll und hilfreich sein, wenn eine dritte Partei dabei ist.

Wie kann man zwischenmenschlichen Konflikten vorbeugen?

Indem man viel redet. Nicht etwas hinunterschlucken und immer gegen seine eigenen Bedürfnisse angehen, sondern die Dinge aussprechen. Das ist ein wichtiger Teil der Selbstsorge, sich selbst bewusst zu werden, was geschieht hier, was macht das mit mir. Aber auch zuhören und wahrnehmen, wenn man andere verletzt.

Warum ist Versöhnung wichtig?

Es gibt zahlreiche Beispiele von Menschen, die vor Gericht gegen die gegnerische Partei gewinnen. Recht wurde gesprochen, sie haben erreicht, was sie wollten – und sind nicht zufrieden. Oder bei einer Todesstrafe: Sie haben beobachtet, wie der Täter umgebracht wird – und sind nicht befriedigt. Im Ansatz „Restorative Justice“, zu deutsch „wiederherstellende Gerechtigkeit“, bringt man nach vielen vorbereitenden Gesprächen Täter und Opfer zusammen und lässt sie miteinander ein Gespräch führen. Das ist natürlich nicht leicht, doch häufig berichten beide Seiten hinterher: „Das war ein Geschenk, jetzt kann ich weiterleben.“ Das ist genial. Da geht es nicht um ein abgehobenes Prinzip von Gerechtigkeit und Strafe, sondern um ganzheitliche Heilung von Verletzungen.

Wenn jemand nach dem Gesetz gerecht bestraft wird, heißt das nicht, dass bei dem anderen die Wunden geheilt sind?

Ja. Das trifft nicht die Tiefe des Menschseins. Das ist vielleicht die rationale Seite, aber trotzdem nagt noch etwas an einem. Und es ist ein riesiger Unterschied, wenn man als Opfer dem Täter gegenübersteht und ihm beschreibt, was das mit einem gemacht hat. Das ist viel mehr, als dass der Täter ein paar Tausend zahlt. Und für den Täter ist es oft viel leichter, irgendetwas abzuleisten, als sich dem Opfer gegenüberzustellen und sich anzuhören, was er gemacht hat.

Vielen Dank für das Gespräch. (pro)

 

Der Text ist Teil der Titelgeschichte der Ausgabe 6/2016 des Christlichen Medienmagazins pro zum Thema „Friede auf Erden”. Bestellen Sie pro kostenlos und unverbindlich online, unter Telefon 06441 915 151 oder per E-Mail an info@kep.de.

Die Fragen stellte Jonathan Steinert

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