Angelika Steeb: Die Familienunternehmerin

Angelika Steeb ist die Frau des Generalsekretärs der Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb. Während er seit über zwei Jahrzehnten für die evangelikale Bewegung im Land umherreist, managt sie das Unternehmen Familie mit zehn Kindern.

Die langgezogene Treppe des hohen Stuttgarter Altbaus knarrt. Angelika Steeb öffnet die Tür der großräumigen Mietwohnung. Die fünf Sofas mit 13 Sitzplätzen im Wohnzimmer zeugen davon, dass hier eine Großfamilie zu Hause ist. Von den zehn Kindern wohnen heute nur noch vier hier. Angelika Steeb hat uns zwei Reporter bereits im Hof empfangen. Wir sollten den Parkplatz ihres Mannes Hartmut benutzen, denn der ist heute unterwegs. Als Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz ist er mehr als die Hälfte des Jahres nicht zu Hause. Sie hält ihm den Rücken frei und organisiert das Familienleben. Bei alledem hat sie noch Zeit, eine Brotzeit für ihre heutigen Gäste vorzubereiten.

Angelika Steebs eigene Familiengeschichte ist geprägt von Brüchen und Verwerfungen. Der Vater ihres elf Jahre älteren Bruders kommt aus dem Krieg nicht zurück. Die Mutter heiratet erneut – den Mann, der Angelika Steebs Vater wird. Am 1. Januar 1954 kommt sie im badischen Bad Säckingen zur Welt. Nahe der Schweizer Grenze wächst sie in einem katholischen Elternhaus auf.

Die Mutter erkrankt kurz nach deren Geburt schwer, Multiple Sklerose lautet damals die Diagnose. Zwei Jahre später ist sie fast komplett gelähmt und kann nur noch ihren rechten Zeigefinger bewegen. Sie kann ihre Tochter nicht einmal mehr umarmen. Wegen der Krankheit übernimmt Steeb früh Verantwortung, erledigt Einkäufe und Hausarbeiten. Manche ihrer kindlichen Wünsche bleiben unerfüllt: Mit ihrer Mutter kann sie nicht schwimmen gehen, Schulkameraden sollen nicht zu ihr nach Hause kommen. Mit ihren Freunden spielt sie in Rufnähe, um im Notfall verfügbar zu sein. Die Krankheit bestimmt den durchstrukturierten Alltag. Sie lernt es, systematisch Aufgaben abzuarbeiten. Trotzdem lachen sie viel im Krankenzimmer oder spielen. „Sie hat dann beim Kartenspielen – die Karten steckten in einer Bürste – die Anweisungen gegeben“, erzählt sie in der Rückschau. Als Steeb zwölf Jahre alt ist, stirbt ihre Mutter. Der Vater heiratet später erneut, aber die Chemie zwischen Steeb und ihrer Stiefmutter stimmt nicht. Es kommt zu Spannungen. Nach der Realschule zieht sie zu Hause aus, macht ein Haushaltsjahr und anschließend eine Ausbildung zur Krankenschwester. Die Besuche bei ihrer Familie werden seltener und gezwungener. Erst Jahre später versöhnt sie sich mit ihrer Stiefmutter. „Dass wir das aufarbeiten konnten, war wertvoll.“ An diesen Jahren sei sie gereift.

Den 17. Stuhl gibt es gratis

In der Stuttgarter Ludwig-Hofacker-Gemeinde, wo sie heute noch im Kirchengemeinderat ist, findet sie ihre geistliche Heimat. Sie bekehrt sich beim Pfingstjugendtreffen in Aidlingen. In „Hofacker“ lernt sie Hartmut kennen. „Wenn ich einen heiraten soll, dann bitte nicht den!“, habe sie damals gedacht. „Es war nicht die Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie heute mit einem Schmunzeln. Es kommt anders: 1975 heiratet sie den Verwaltungsbeamten, der später eine gute Position beim Oberkirchenrat bekleidet.

Weil er sich in seiner Freizeit ehrenamtlich stark für die Evangelische Allianz einsetzt, wird ihm 1988 das Amt des Generalsekretärs der Deutschen Evangelischen Allianz angetragen. Damals hat das Paar bereits sechs Kinder. Die Zusage knüpft er an eine Bedingung: Sollte seine Frau krank werden, würde Hartmut Steeb sofort seine Tätigkeit beenden.

Bis 1995 kommen vier weitere Kinder hinzu – alle sind Wunschkinder. Die üblichen Fragen an eine Großfamilie kennt Angelika Steeb alle. „Einige bewundern das, andere appellieren an unsere Verantwortung und halten uns für asozial.“ Beim Möbelkauf bekommen sie einmal den 17. Stuhl gratis. Die Waschmaschine lief zu Spitzenzeiten dreimal täglich. Ganz nebenbei erzählt sie von einer Nacht, in der sich neun von zehn Kindern übergeben mussten – und plötzlich die Eimer fehlten.

Die Großfamilie hatte bei aller Belastung auch viele Vorteile. „Gelitten darunter haben wenige unserer Kinder“, findet die zehnfache Mutter. „Sie hatten immer jemanden zum Spielen und Reden. In der Schule haben sie den Lehrern Streiche gespielt, wenn es im neuen Schuljahr wieder mal mehrere Steebs an der Schule gab.“ Markenklamotten waren nicht drin. „Mein Mann hat von einer Dienstreise in Amerika Levi‘s-Jeans mitgebracht, nachdem ich ihm die Größen der Kinder per Fax gesendet hatte. Die Kinder konnten so auch mal eine Marke tragen.“ Ungezählt sind die schlaflosen Nächte, die Schmusezeiten und klärende Gespräche zu zweit. Sie erzählt ruhig und bestimmt von diesen Dingen.

„Das ging oft an die Grenzen“, sagt die robuste Frau. „Gott sei Dank war ich in dieser ganzen Zeit nie schwerer krank.“ Im Alltag war alles streng getaktet, vor allem, wenn der Mann wie üblich unterwegs war. Freiräume nutzte sie für Einkäufe oder Spaziergänge. Oft halfen junge Menschen aus der Gemeinde, die Kinder zu betreuen, wenn wieder mal Elternabende anstanden. Und Abende zu zweit mit ihrem Mann? „Am Anfang wollten wir einen Tag in der Woche etwas gemeinsam machen. Das war utopisch. Selbst ein Wochenende im Monat erwies sich bei der Anzahl seiner Vortragsdienste als unrealistisch.“ Die Arbeit, die Hartmut Steeb zu Hause leistete und leisten konnte, war überschaubar. Angelika Steeb erledigt auch die handwerklichen Dinge: „Mein Mann sagt über sich selbst, dass für ihn der Computer erfunden wurde, damit er sich beim Spitzen des Bleistifts nicht verletzt“, sagt sie mit einem Schmunzeln auf den Lippen.

Wenn Steebs gemeinsame Zeit finden, nutzen sie die gerne, um Essensgutscheine einzulösen – „wenn er nicht sogar zu Hause im Büro sitzt und arbeitet“, schränkt sie ein. Im Kino waren sie in ihrer 40-jährigen Ehe drei Mal, „zwei Mal ist er eingeschlafen“. Trotz des vollen Terminkalenders möchte sie ihren Mann in seinem Dienst „nicht bremsen, sondern pflegen“. Zu dessen dienstlichen Termine kommt sie dann gerne mit, wenn sie sich selbst einbringen kann: so etwa am Büchertisch beim Gemeindeferienfestival Spring.

Keine heile Welt

Sie selbst schätzt Hartmut Steebs Zielstrebigkeit und die absolute Ehrlichkeit. „Wenn er von einer Sache fasziniert ist, geht er voran.“ Themen wie Lebensrecht und Gender Mainstreaming werden auch familienintern diskutiert. „Aber er soll erzählen, wenn ihn etwas belastet. Ich stoße keine Diskussion an“, sagt die bescheidene und bodenständige Frau, die sich selbst als seine größte Kritikerin bezeichnet. In den Grundfragen stimmt sie mit ihm überein. Das bedeutet auch auszuhalten, wenn ihr Mann öffentlich vorgeführt wird. Zum Beispiel im Januar 2014, als Hartmut Steeb sich als Talkgast im SWR-Nachtcafé ablehnend zur Homo-Ehe äußerte und ihm daraufhin eine „menschenverachtende Interpretation des Christentums“ vorgeworfen wurde. Der streitbare Gatte bekommt starke Unterstützung von seiner Frau und den Kindern. „Was wir für uns als richtig erkannt haben, vertreten wir auch nach außen.“ Gerade die aktuellen familienpolitischen Entwicklungen wie die 24-Stunden-Kindertagesstätte findet sie fragwürdig: „Dadurch bricht die Familie auseinander.“

Eine christliche Großfamilie bedeutet aber längst keine heile Welt: „Eines unserer Kinder hat sich scheiden lassen, die Hochzeit eines anderen wurde wenige Wochen vor der Feier abgesagt. Dann höre ich Sätze wie: ‚Wie kann das sein, dass Ihre Kinder …‘ Nicht, dass ich alles gutheißen möchte, aber Jesus wollte ja gerade die gebrochenen Menschen für sich gewinnen“, betont sie. Als Mutter wolle und könne sie „nur“ Vorbild sein. Die Entscheidungen müssten die Kinder selbst treffen.

Wenn ihr Mann auf Reisen ist, kommunizieren sie viel per E-Mail. „Viele Dinge muss ich aber auch schnell entscheiden. Da weiß ich um seine Rückendeckung.“ Die Eheleute haben sich absolute Offenheit geschworen. Sobald jemand Gefühle für eine andere Person entwickelt, wollen sie sich das sagen: „Dann ist die Spitze der Verführung weg.“ Wichtig sind beiden auch gute Freundschaften, oft noch aus Jugendtagen.

„Oma Angelika“

Eine besondere Auszeit gönnen sich die Steebs dann doch: den Familienurlaub alle zwei Jahre. „Da spielen wir bis nach Mitternacht. Letztes Jahr habe ich mit Kindern und Enkeln Pokern gelernt. Das ist einfach eine ungezwungene Zeit.“ Anders war dies bei einer Radtour der Eheleute: „Hartmut war froh, dass in den Taschen noch Platz für seinen Laptop war, damit er auf dem Laufenden blieb.“ Seine Frau lässt ihn dabei gewähren. „Vollkommen rausziehen wäre nicht sein Ding.“

Im Stuttgarter Altbau wird die Lage auch wieder übersichtlicher. Viereinhalb Jahre hat sie die mittlerweile verstorbene Schwiegermutter im Nachbarhaus betreut. Von ihren Kindern wohnen noch vier zu Hause, das Jüngste von ihnen ist 20 Jahre alt. Dafür haben Angelika und Hartmut Steeb zehn Enkelkinder, ein weiteres ist unterwegs. Da wird „Oma Angelika“ auch gebraucht: sogar in Neuseeland und Südafrika, wo ein Teil der Kinder lebt. Ausruhen ist ihre Sache nicht. Darin unterscheidet sie sich kaum von ihrem 62-jährigen Mann, der noch bis zum 66. Lebensjahr arbeiten möchte und muss. Sie selbst hat ihre Inseln gefunden: im Kirchengemeinderat, sie hält Vorträge beim Frauenfrühstück, drei Mal pro Woche arbeitet sie auf dem Stuttgarter Wochenmarkt oder sie betreut die Enkelkinder.

Einiges musste sie auch zurückstecken in den vergangenen Jahren. Vielleicht holt sie bald noch einmal ihr Waldhorn hervor. Gerne hat sie im Posaunenchor gespielt, „aber dafür war einfach keine Zeit“. Unzufrieden scheint sie damit nicht zu sein. Dafür hat sie ihre Rolle als starke Frau im Hintergrund und Familienmanagerin viel zu gerne und zu gut ausgeführt, wird im Gespräch deutlich. Als wir das Haus verlasse, müssen wir den Parkplatz schnell freiräumen. Heute Abend kommt ihr Mann nach Hause: für immerhin fast drei Tage am Stück. (pro)

Dieser Artikel ist der Ausgabe 1/2016 des Christlichen Medienmagazins pro entnommen. Bestellen Sie pro kostenlos und unverbindlich unter Telefon 06441 915 151 oder online.

Von: jw

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