LICC in London: Wie Christen Glauben leben können

Mark Greene ist Direktor des "London Institute for Contemporary Christianity" (LICC). Das evangelikale Institut ist ein "Ressourcenpool": Aktuelle gesellschaftliche Themen werden unter christlichen Gesichtspunkten beleuchtet, artikuliert und verständlich gemacht. Im Zentrum steht die Frage: Welche Relevanz hat der christliche Glaube im 21. Jahrhundert? Katrin Gülden und Andreas Dippel haben in London mit Mark Greene gesprochen. Lesen Sie hier das - leicht gekürzte - Interview.

pro: Herr Greene, den meisten deutschen Lesern wird das London Institute of Contemporary Christianity kein Begriff sein. Könnten Sie bitte Ihre Arbeit kurz zusammenfassen?

Mark Greene: LICC wurde vor 25 Jahren von John Stott begründet. Wir sind ein Ort, an dem Theologie und die Welt sozusagen frontal aufeinander treffen. Wir artikulieren die christliche Botschaft und christliche Antworten in der Auseinandersetzung mit aktuellen relevanten gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Themen des 21. Jahrhunderts. Mit unseren Materialien und Workshops sprechen wir Kirchen unterschiedlicher Konfessionen, christliche Einrichtungen, Organisationen und Ausbildungsstätten, aber auch die einzelne Person an. Wir helfen Christen, ihr Wissen in die Praxis umzusetzen. Das kann ein Jungunternehmer oder Angestellter einer Bank sein, der in seinem Beruf äußerst erfolgreich ist. Wir unterstützen und vermitteln Christen, wie sie ihren Glauben mitten am Arbeitsplatz einbringen können. Natürlich sprechen wir auch mit Politikern und Parlamentsabgeordneten, stehen in Kontakt mit Wissenschaftlern und Akademikern. Unser Ziel ist es aber, Christen zu helfen, ihren Glauben im Alltag zu leben und sich in Themen des 21. Jahrhunderts mit ihrem Glauben einzubringen. Und somit die Kultur der heutigen Kirche zu ändern – wir artikulieren und informieren mit und für Christen und die Kirche.

pro: Aber sollten Christen genau das nicht in ihren Gemeinden erfahren? Dort gibt es doch die Predigt mit hoffentlich praktischem Bezug?

Greene: Eigentlich ja. Doch in Gemeinden in Großbritannien ist das nicht immer der Fall. "Whole-Life-Discipleship" (Jüngerschaft, die das ganze Leben umfasst) ist die Kernaufgabe der Kirche und jeder Gemeinde, also die Artikulation und praktische Umsetzung des Glaubens für und in Alltag, Kunst, Weltmission, Hilfe für Arme, Politik, Medien oder natürlich das Berufsleben. In Gemeinden werden diese Lebensbereiche wie "Rosinen" behandelt, nach dem Motto: Oh gut, das ist ein interessantes Thema, lasst uns einmal darüber sprechen. Der Pastor predigt eventuell zweimal im Jahr über die Frage, wie Christsein und Beruf zu vereinbaren sind. Doch dazwischen geraten all diese Bereiche in Vergessenheit. Der Beruf ist aber nicht nur ein Thema, über das ab und an einmal gesprochen werden sollte. Menschen verbringen 50 Prozent ihres gesamten Lebens an ihrer Arbeitsstelle. Der Beruf ist ein Lebensbereich, in dem der Glaube nicht verloren gehen darf.

pro: Was bietet das LICC denn an? Kommen Christen einfach zu Ihnen und lassen sich "beraten"?

Greene: Wir äußern uns zu aktuellen Themen, entwickeln Arbeitsmaterialien für die oben genannten Zielgruppen und bieten auch Kurse, Vorträge und Seminare hier im Institut an. Unser einwöchiger Kurs "Toolbox" vermittelt anschaulich, wie Christen ihren Glauben in allen Bereichen ihres Lebens umsetzen können.

pro: Nennen Sie uns doch einmal ein Beispiel dafür.

Greene: Gerne. Da wäre zum Beispiel das Thema "Entfaltung". Werfen wir einen Blick auf den Schöpfungsbericht in 1. Mose 1. Warum hat Gott den Menschen nicht am ersten Tag erschaffen, warum hat er bis zum sechsten Tag gewartet? Ganz einfach: Hätte Gott Adam am ersten Tag geschaffen, hätte er in völliger Dunkelheit leben müssen und, noch entscheidender, es wäre nichts da gewesen, kein Land, auf dem er hätte stehen können. Es war noch nichts erschaffen worden. Am sechsten Tag aber gab es alles, was der Mensch brauchte: Land, Wasser, Licht, Nahrung. Und die Beziehung zu Gott, der, wie es in der Schöpfungsgeschichte heißt, in der "Kühle des Abends" auf die Erde kam und sich nach dem Befinden seiner Schöpfung erkundigte. Gott hatte sich also um alles gekümmert, was Adam brauchte – mit einer Ausnahme, die Adam selbst erkennen sollte, nämlich seinen Wunsch nach Beziehung. Erst daraufhin schuf Gott Eva, als Gegenüber und Partnerin Adams. Doch was hatte Gott in den ersten Tagen der Schöpfung grundsätzlich getan? Er hatte ein Umfeld geschaffen, in dem sich der Mensch voll entfalten konnte.

pro: Und was hat das mit unserem Leben und Alltag zu tun?

Greene: Ganz einfach: Es gibt nichts Wichtigeres für Menschen, als in einem Umfeld zu leben und zu arbeiten, in dem sie sich entfalten können. Eltern haben die Aufgabe, ihre Kinder zur Entfaltung ihrer Gaben zu bringen. Das sollten Ehemänner und Ehefrauen tun: Mit ihrem Partner in einer Gemeinschaft zu leben, in der sich beide in Freiräumen entfalten können und niemand unterdrückt wird. Und genau das ist auch die Kernaufgabe eines Managers. Was kann ich tun, damit meine Mitarbeiter ihr Bestes für die Firma geben?

pro: Dennoch: Auch das klingt noch alles sehr theoretisch...

Greene: ...dann gebe ich Ihnen ein Beispiel, eine wahre Geschichte. Eine Wissenschaftlerin, die auch Christin ist, in einem Pharmaunternehmen. Alle Mitarbeiter ihres Teams forschten individuell in kleinen, abgetrennten Räumen, in die sie jeden Morgen – im wahrsten Sinne des Wortes - huschten und dann nicht wieder gesehen wurden. Also, kein förderliches Arbeitsumfeld: Kommunikation untereinander fand kaum statt, niemand unterstützte den anderen, die Kollegen hatten keinerlei Bezug zueinander, es gab kein Teamwork. Wofür entschied sich diese Managerin? Sie machte von nun an jeden Freitagmorgen für ihre Mitarbeiter Kaffee und brachte Schokoladenkekse in die Firma. In diesen 15 Minuten fingen die Kollegen an, sich auszutauschen: Über das Wetter, Fußball, über ihre Erfolge und Misserfolge, sie tauschten Ideen aus. Der Managerin war es gelungen, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich ihre Mitarbeiter nach und nach entfalten können. Wie? Mit Schokoladenkeksen. Genau das ist es, was Unternehmen mehr denn je wollen: Dass sich Mitarbeiter unterhalten, direkt miteinander sprechen und nicht nur per E-Mail kommunizieren. Unternehmen wissen, dass durch ein kreatives Umfeld, in dem sich Mitarbeiter mit ihren Ideen und Gaben voll einbringen können, auch der Umsatz steigt. (...) Christen können in ihrem Alltag ein Umfeld schaffen, in dem sich Menschen entfalten können.

pro: Seien wir ehrlich: In der heutigen Welt des Superkapitalismus denken die meisten Menschen doch zwangsläufig daran, wie sie in kürzester Zeit das meiste Geld für ihre Firma und damit auch für sich selbst erwirtschaften können. Das ist nicht als Wirtschaftskritik gemeint, sondern die Bestandsaufnahme der Realität, oder nicht?

Greene: Natürlich ist das die Realität. Besonders hier in London. Bei all der wirtschaftlichen Kraft, die sich in dieser Stadt als europäisches Zentrum des Kapitalismus sammelt, gibt es auch eine Gegenseite: In Großbritannien, so das Ergebnis soziologischer Erhebungen, leben die unglücklichsten Menschen Europas. Gleichzeitig arbeiten die Briten durchschnittlich vier Stunden mehr pro Woche als ihre europäischen Nachbarn. Und es geht weiter: Laut Unicef bezeichnen sich in England die meisten Kinder als unglücklich, und das im weltweiten Vergleich. Wir haben ein enormes Drogenproblem, die dritthöchste Scheidungsrate und die meisten Teenagerschwangerschaften in Europa. Zum ersten Mal in unserer Geschichte ist die Lebenserwartung unserer Kinder geringer als die ihrer Eltern. Alle sozialen Daten weisen darauf hin, dass wir als Gesellschaft kurz vor dem Zusammenbruch stehen. England belegt in der Frage des Arbeitnehmerschutzes im weltweiten Vergleich Platz 117. 15 Prozent der Bevölkerung geben an, überlastet zu sein. Das liegt weniger daran, dass viele länger arbeiten, sondern, dass sich die Arbeitszeiten immer mehr auf die früher einmal so genannte Freizeit erstrecken. Hier ist es zum Beispiel unsere Aufgabe als Christen, zu zeigen, warum Ruhezeiten wichtig sind. Warum es relevant ist, sich Zeit für die Familie zu nehmen. Ich habe einmal einen Hotelier in Österreich kennengelernt. Er schloss sein Hotel jedes Jahr im August zur Hochsaison für drei Wochen. Stellen Sie sich das mal vor! Ich habe ihn gefragt, warum er seinen Betrieb ausgerechnet im Sommer schließt. Er antwortete lakonisch: "Wann würden Sie denn mit Ihrer Familie Urlaub machen?" Gott gibt uns Menschen bestimmte Prinzipien, die für ein erfülltes und sinnvolles Leben unablässig sind. Ich bin der Überzeugung, dass wir Christen wieder lernen müssen, so von unserem Glauben zu sprechen, dass es jeder säkulare Mensch versteht und nachvollziehen kann, was wir meinen.

pro: Und welche Schwerpunkte setzen Sie bei LICC heute?

Der Arbeitsplatz ist das größte Missionsfeld. Im Büro begegnen viele Angestellte an einem Tag mehr Leuten, für die der christliche Glaube irrelevant ist, als ein Pastor in einer Woche. Für wen also sollte man besonders beten? Und wer sollte darin unterstützt werden, wie der Glaube in Gesprächen und Begegnungen vermittelt werden kann? Ich denke, die Antworten liegen auf der Hand. Genau aus diesem Grund gibt es das London Institute for Contemporary Christianity.

pro: Herr Greene, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Zur Person: Mark Greene

Mark Greene ist seit 1999 Direktor des London Institute for Contemporary Christianity. Er studierte Sprachwissenschaften, Medienkommunikation und Theologie in Cambridge, Edinburgh und London. Er kommt aus einem jüdischen Elternhaus und wurde als Student Christ. Greene arbeitete zehn Jahre in der renommierten Werbeagentur Ogilvy & Mather, davon sieben Jahre in New York. Greene ist Autor zahlreicher Bücher, darunter "Imagine: How will the UK be won?" oder "Thank God it’s Monday".

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Das gesamte Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Christlichen Medienmagazins pro. Einfach kostenlos bestellen: Telefon (06441) 915 151, E-Mail info@pro-medienmagazin.de

Von: pro

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