EKD und Muslim-Rat: Gespräch gescheitert

Das Spitzengespräch zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und dem neu gebildeten Koordinierungsrat der Muslime (KRM) am Mittwoch hat zu keiner Schlichtung der Meinungsverschiedenheiten geführt. Die islamischen Vertreter werfen der EKD weiter vor, mit ihrer "Handreichung" vom November dem Dialog eher zu schaden als zu nützen.

Am Mittwoch waren auf Einladung des Koordinierungsrates der Muslime Vertreter der muslimischen Dachverbände und der EKD in Mannheim zusammengekommen. Sie trafen sich knapp zwei Stunden in der Yavuz-Sultan-Selim-Moschee. Der im April gegründete KRM vertritt knapp 15 Prozent der mehr als drei Millionen Muslime in Deutschland.

Ein für Februar anberaumtes Treffen war von muslimischer Seite kurzfristig abgesagt worden. Die Muslime hatten scharfe Kritik an dem EKD-Positionspapier "Klarheit und gute Nachbarschaft" vom November geübt. Darin werde unter anderem der Eindruck erweckt, Muslime würden durch ihren Glauben zu Intoleranz, Verachtung und Gewaltandrohung verleitet. Die EKD hob in der Schrift erstmals deutlicher die Unterschiede zwischen Christentum und Islam hervor, erteilte dem islamischen Recht, der Scharia, sowie der Benachteiligung von Frauen eine Absage und forderte von Muslimen ein kritisches Hinterfragen ihrer Traditionen.

Der KRM veröffentlichte am vergangenen Donnerstag eine neunseitige Stellungnahme zur "Handreichung" der EKD. "Diese Publikation zerrüttet gerade auch das Vertrauen zwischen bisherigen Dialogpartnern", heißt es darin. Die Verfasser vermuten zudem, "dass auf christlicher Seite immer öfter die Teilnehmer für einen notwendigen praktischen Dialog fehlen werden". Auch gefährde der Versuch, "den Dialog auf eine rein theologische Ebene zu ziehen, bestehende Errungenschaften aus einer nun Jahrzehnte andauernden praktischen Zusammenarbeit".

Gewaltpotential im Islam oder "Liebe und Barmherzigkeit"?

Der KRM weist den Versuch zurück, den Islam mit Gewalt in Zusammenhang zu bringen: "Von einer Gewaltandrohung eines sich zum Islam bekennenden Menschen auf ein im Wesen des Islams verankertes vermeintliches Gewaltpotential zu schließen, kann weder eine Grundlage für ein friedliches Zusammenleben noch 'ein Beitrag zum Gespräch mit Muslimen in Deutschland' sein." Der EKD-Ratsvorsitzende mache jedoch "immer wieder Anspielungen dieser Art". Muslimische Verbände hätten diese "Einzelfälle beziehungsweise von Einzelpersonen vertretene Positionen" immer wieder verurteilt. Auch die Erwähnung "muslimischer Selbstmordattentäter" kritisierten die Muslime. "Es werden permanent bestehende Vorurteile und Klischees gegenüber den Muslimen ausgenutzt, um dann die evangelische Kirche in ein positiveres Licht zu rücken." Die Gewaltakte von Muslimen in verschiedenen Ländern der Erde oder Aufrufe zum Töten der Nichtgläubigen werden im Text nicht ausdrücklich verurteilt, es heißt aber weiter: "Die Lehren der Offenbarungsreligionen gehen vom Geist der Barmherzigkeit und der Liebe aus."

Auch die Darstellung der Ehe im Islam als eine Art "Geschäftsabschluss" in dem EKD-Papier sei falsch, so der KRM. Die muslimische Ehe bestehe "nicht einfach nur aus einem kalten Vertragswerk", sondern auch aus "Liebe und Barmherzigkeit". Ein weiterer Grund dafür, dass die muslimischen Vertreter ein Treffen mit der EKD ablehnten, war die Erklärung der Kirche, trotz des Dialoges mit den Muslimen auf die Mission nicht verzichten zu wollen. "Die Mission gehört zum Wesen einer christlichen Kirche", heißt es da. "Denn sie ist von Jesus Christus gesandt, 'alle Völker zu Jüngern (Jesu Christi) zu machen'." Ebenso sei schließlich auch der "Ruf zum Islam" untrennbar mit dem Selbstverständnis der muslimischen Gemeinschaft verbunden. Der Aussage "Dialog und Mission schließen sich nicht aus“ könne der Rat der Muslime nicht zustimmen. Auch betonen die Muslim-Vertreter, dass "es kaum Unterschiede im Gottesverständnis des Korans und dem Gottesverständnis des Alten Testaments" gebe.

Huber: Augen vor "beunruhigenden Entwicklungen" nicht verschließen

Auch der Dialog mit den Juden sollte nach Meinung des KRM verstärkt werden. Die Muslime wünschten sich einen gleichberechtigten Trialog mit Christen, Juden und Muslimen. Dies lehnte der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber ab. Zwischen Muslimen und der Evangelischen Kirche gebe es viele Probleme zu klären, so dass es nicht fair wäre, eine dritte Gruppe damit zu belasten. Das Gespräch vom Mittwoch habe mehr Substanz gehabt als frühere Dialoge, so Huber. Zur Kritik des Koordinierungsrates am EKD-Papier sagte er laut einem Bericht des SWR: "Ich hoffe, wir konnten zeigen, dass solche unzulässigen Verallgemeinerungen weder unsere Absicht sind noch im Text vorgenommen wurden." Die Kirche dürfe aber vor "beunruhigenden Entwicklungen" nicht die Augen verschließen - etwa bei der Religionsfreiheit.

Der langjährige Präses der EKD-Synode, Jürgen Schmude, erklärte, kritische Anfragen und Unklarkeiten seien nicht erledigt worden, dazu bedürfe es einer Vertiefung. "Die Kontroversen bleiben." Die EKD werde ihr Positionspapier nur ändern, wenn man ihm Fehler nachweise, doch das sei bisher nicht passiert, sagte Schmude, der bis 1982 verschiedene Ministerposten des Bundes besetzt hatte. Auch Ali Kizilkaya vom Islamrat sagte nach dem Treffen: "Die Irritationen sind nicht aus der Welt."

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Hermann Gröhe erinnerte laut der Nachrichtenagentur idea an das Massaker an drei Christen Mitte April in der Türkei und die Geiselhaft von acht Mitarbeitern des Hilfswerks Shelter Now, die 2001 in Afghanistan in die Hände der Taliban gerieten und nach 102 Tagen von US-Truppen befreit wurden. Man könne jedoch nicht übersehen, dass es unter den Muslimen in Deutschland auch andere Positionen gebe.

Der rheinische Präses Nikolaus Schneider verteidigte das EKD-Papier "Klarheit und gute Nachbarschaft". In einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte er, die Schrift dürfe nicht als Abgrenzung verstanden werden. Sie wolle vielmehr "ermutigen, die Realität nüchtern zu betrachten und aus der eigenen Bindung heraus auf andere zuzugehen". Nur wer seiner eigenen Identität gewiss sei, könne gelassen und tolerant sein und mit anderen fundiert reden, unterstrich der 59-jährige Theologe, der dem Rat der EKD angehört. Schneider kündigte an, das Thema Islam werde auch auf dem 31. Deutschen Evangelischen Kirchentag breit aufgegriffen, der kommende Woche in Köln stattfindet.

Von: js

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