Weil sie die Schöpfung lehrt: Reporter kritisiert christliche Gemeinde

Die Debatte über Evolution und Kreationismus nimmt immer paradoxere Formen an: Eine hessische Lokalzeitung nahm den Schaukasten einer evangelischen Gemeinde zum Anlass, erneut vor "christlichen Fundamentalisten" zu warnen. Und der Biologenverband forderte die hessische Kultusministerin Karin Wolff dazu auf, sich von kreationistischen Meinungen zu distanzieren.

Pastor Martin Schumann von der "Stadtmission" in Marburg hängte vor einigen Wochen einen Artikel in den Schaukasten seiner Gemeinde. Der Artikel trägt die Überschrift "Wo Evolutionsbiologen ratlos sind" und stammt von Prof. Siegfried Scherer. Er war Mitte Oktober im christlichen Magazin "idea Spektrum" erschienen. Scherer ist selbst Biologe, Direktor des Institutes für Mikrobiologie an der Technischen Universität München. In seinem Artikel legt er dar, warum sich Wissenschaftler in manchen Fällen längst nicht so sicher in der Evolutionstheorie sein können, wie allgemein geglaubt wird. Zudem halte er angesichts der bedeutenden Aussagen des Neuen Testamentes auch den alttestamentlichen Schöpfungsbericht für glaubwürdig. Allerdings "selbst die besten naturwissenschaftlichen Argumente können Gott nicht beweisen, können den Glauben nicht wirklich begründen", stellte Scherer klar.

Ein Leser der "Oberhessischen Presse" (OP) aus Marburg sah den Schaukasten-Text und veranlasste die Zeitung zu einem fünfspaltigen Artikel mit der Überschrift "Marburger Stadtmission propagiert Schöpfungslehre". "Leistet die Marburger Stadtmission Bestrebungen radikaler Evangelikaler Vorschub, die die wissenschaftliche Evolutionstheorie durch die biblische Schöpfungsgeschichte ersetzen wollen?", fragte darin Reporter Werner Girgert. Diesen Eindruck jedenfalls habe "ein Leser der OP" bei der Lektüre des Schaukastens gehabt, so die hessische Lokalzeitung.

Pastor Schumann erklärte gegenüber der OP, er halte den Artikel des gläubigen Biologen Scherer für "ausgewogen". Es müsse möglich sein, die Evolutionstheorie aus christlicher Sicht ebenso zu hinterfragen wie aus naturwissenschaftlicher Perspektive, so Schumann. Der OP-Journalist hielt weiter für berichtenswert, dass "auch im Konfirmanden-Unterricht" der Marburger Stadtmission die Schöpfungsgeschichte behandelt werde.

Ministerin mahnt Meinungsfreiheit und Diskussionskultur an

Ein Auslöser der Debatte um Christen, die der Evolutionstheorie skeptisch gegenüber stehen, waren zwei Lehrer der hessischen Kleinstadt Gießen, die in einem Interview mit dem Medienmagazin pro erklärt hatten, in ihrem Unterricht auch über Kritikpunkte der Evolutionstheorie und über die biblische Erklärung der Entstehung des Lebens zu sprechen. Die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) hatte sich nach darauf folgenden massiven Vorwürfen gegenüber den beiden Lehrern für eine fächerverbindende Auseinandersetzung mit Religion und Biologie ausgesprochen. In einem dpa-Gespräch Anfang Oktober forderte sie, "dass man nicht einfach Schüler in Biologie mit der Evolutionslehre konfrontiert und Schüler im Religionsunterricht mit der Schöpfungslehre der Bibel. Sondern dass man gelegentlich auch schaut, ob es Gegensätze oder Konvergenzen gibt." Die Vermittlung verschiedener Blickwinkel gebe den Schülern einen Anreiz zur persönlichen Beschäftigung mit dem Thema.

Zudem erinnerte Wolff an die Meinungsfreiheit als hohes Gut in unserer Gesellschaft. "Meinungsfreiheit bedeutet auch, die Möglichkeit zu haben, sich kritisch mit gängigen Erklärungsmustern auseinander zu setzen", so die Ministerin. Allerdings sei ihr der "wissenschaftlich daherkommende Kreationismus" zu extrem. Doch keine Schule in Hessen habe ausschließlich den Kreationismus unterrichtet, betonte sie. Der Lehrplan werde normal eingehalten.

Biologenverband: "Religiöser Mythos gegenüber wissenschaftliche Tatsachen"

Der Verband Deutscher Biologen sowie die Grünen im Hessischen Landtag warfen der Ministerin indes am Montag vor, auf "Taschenspieler-Tricks" von Kreationisten hereingefallen zu sein. Weil sie für eine offene Diskussion um beide Theorien plädierte, stelle sie "einen religiösen Mythos auf eine Stufe mit einer wissenschaftlichen Lehre", so Verbandsvize Ulrich Kutschera. Der Evolutionsbiologe von der Universität Kassel ist sich sicher: "Wir haben aber auf der einen Seite wissenschaftliche Tatsachen, auf der anderen einen 2000 Jahre alten christlichen Mythos."

Die Evolution sei eine Tatsache, die durch eine moderne Theorie erklärt werde, so Kutschera. "Sonst wären ja all die Tausenden Wissenschaftler, die auch in Stanford und Harvard Evolutionsforschung betreiben, Narren." Er fügte hinzu: "Frau Wolff sollte sich zunächst orientieren und ein Fachbuch lesen." Er kenne "keinen modernen Theologen, der die Bibel wirklich wörtlich auslegt", sagte der Biologe laut einem Bericht des Hessischen Rundfunks.

Der Landtagsabgeordnete Mathias Wagner von den Grünen forderte: "Ministerin Wolff muss jetzt endlich aufhören, im Trüben zu fischen, sondern sich ganz klar und unmissverständlich äußern!" Die Ministerin müsse klarstellen, dass es im Biologieunterricht zu keiner Vermischung zwischen Wissenschaft und Glauben komme, denn Kreationismus habe im Biologieunterricht "schlicht und ergreifend" nichts zu suchen.

Karin Wolff gehört der Kammer der EKD für Bildung und Erziehung, Kinder und Jugend an, in der Hochschullehrer, Bildungsexperten und Theologen sitzen.

Von: js

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