5 Jahre nach "9/11": "Ein Ort, an dem die Menschen still sind"

N e w Y o r k (PRO) - Seit fünf Jahren gibt es Ground Zero. Die Bilder des Anschlags auf das World Trade Center in New York gingen um die Welt. Ground Zero ist als Narbe mitten in Manhattan und auf der Seele vieler Menschen geblieben. Für die Gemeinde der Deutschen Evangelisch-Lutherischen St.-Pauls-Kirche in New York geschah "9/11" nur ein paar Häuserblocks entfernt. Aus Anlass des fünften Jahrestages der Anschläge, die New York und die Welt veränderten, haben wir mit Wilfried Wassermann, seit 2003 Pastor der St.-Pauls-Gemeinde, und mit Pfarrerin Bärbel Wilde aus Lüdenscheid gesprochen. Bärbel Wilde ist in diesen Tagen zu Vorträgen in New York.

Viele Menschen wissen noch, wo sie waren, als die Flugzeuge ins World Trade Center einschlugen. Wie haben Sie den 11. September 2001 erlebt?

Wilfried Wassermann: Das weiß ich tatsächlich noch sehr genau. In den USA läuft sogar derzeit eine Werbekampagne, die genau diese Frage aufnimmt: Wo waren Sie am 11. September? Ich war auf dem Weg zu einer Dienstbesprechung in meiner Kirchengemeinde in Baden-Württemberg, als mich mein Bruder angerufen hat. Diese Nachricht habe ich mit in die Besprechung genommen.

Bärbel Wilde: Ich habe die Nachricht im Auto gehört und war zu einem Dienst in der Gemeinde unterwegs. Aber die Tragweite dieser Anschläge habe ich nicht sofort fassen können, weil ich die Ereignisse zunächst nicht real fassen konnte. Ich habe nicht verstanden, dass so etwas überhaupt geschehen kann. Ich musste mich erst langsam wieder darin hineinfinden, dass dies die Realität ist. Als ich die Bilder im Fernsehen gesehen habe, war mir erst klar, was sich da ereignet hat.

Frau Wilde, wie erleben Sie New York fünf Jahre nach den Attentaten?

Wilde: Ich erlebe hier unter den Menschen eine große Betroffenheit. Viele Menschen betrauern Opfer aus der eigenen Familie oder dem Freundeskreis und haben diesen Verlust noch lange nicht verarbeitet. Am Ground Zero steht eine Gedenktafel mit vielen Namen von Menschen, die ihr Leben verloren haben. Doch was mich am meisten berührt, ist ein Kreuz aus Stahlträgern, das am Ground Zero steht und das nach dem Zusammenbruch der beiden Türme übriggeblieben ist. Es ist ein Ort, an dem die Menschen still sind...

...und auch nach dem Sinn und dem Glauben fragen?

Wassermann: Das ist so. Seit dem 11. September gibt es schätzungsweise mindestens 100 neue Kirchengemeinden, die sich neu gegründet haben. Eine Gemeinde wurde von einem Australier ins Leben gerufen, der sich von Gott berufen sah, nach den Anschlägen nach New York zu kommen und den Menschen zu helfen. Kürzlich hat eine junge Gemeinde bei uns angefragt, ob sie die Kirche für ihre Gottesdienste mieten könne. Es stellte sich heraus, dass es eine Gemeinde ist, die sich nach dem 11. September gegründet hat und die aus vielen jungen Leuten besteht.

Wie hat sich die St.-Pauls-Gemeinde nach den Anschlägen in New York engagiert?

Wassermann: Damals haben sich viele Freiwillige gemeldet, haben Opfer der Terroranschläge unterstützt. Die Kirche hat ihre Räume geöffnet für Menschen, die ihre Häuser verloren haben. In Deutschland hat sich ein Kreis von Unterstützern gebildet, der die Projekte finanziell unterstützt hat. Alleine 14.000 E-Mails haben die Gemeinde erreicht.

Wie schätzen Sie heute, fünf Jahre nach "9/11", die Auswirkungen der Terroranschläge ein?

Wassermann: Die Welt war gerade dabei, sich vom Kalten Krieg, der jahrzehnte langen Auseinadersetzung zwischen Ost und West, Kommunismus gegen Kapitalismus, zu erholen. Der Schock sitzt auch heute noch sehr tief, auch aufgrund der Folgeanschläge. Die neue Auseinandersetzung mit dem Islamismus beschäftigt uns heute. Wir befinden uns jetzt nicht mehr in einem Kalten Krieg, sondern in einem "heißen" Krieg. Das macht die Gegenwart so brisant. Da die Terroristen unberechenbar sind, leben wir auch in einem neuen Angstzustand, der vor dem 11. September 2001 in dieser Form nicht da war.

Wilde: Die Bedrohung des Lebens hat eine neue Dimension erreicht. Wir wissen, dass vieles Schlimmes passieren kann, keine Gefahr kann mehr ausgeschlossen werden. Dieses Gefühl der Unsicherheit ist neu und überschattet unser Leben. Als ich jetzt am Ground Zero stand und über mir, weit oben, ein Flugzeug sah, dachte ich unmittelbar an das Ereignis vor fünf Jahren. Das geht mir eigentlich bei jedem Flugzeug, das ich hier fliegen sehe, so. Ich merke es bei mir, dass sich das Gefühl der Bedrohung fest einprägt und ich mir immer wieder die Frage stelle: Was kommt als nächstes?

Was sollten Christen Ihrer Ansicht nach gegen diese weit verbreitete Angst tun?

Wilde: Christen können aus einer Position der Geborgenheit leben. Wir wissen: Diese Welt liegt in Gottes Händen und er hält die Fäden der Geschichte in der Hand. Christen haben zwar auch Angst, können aber anders mit ihren Ängsten umgehen. Wir Christen sollten auch deutlich machen, dass die Extreme des Islam vernichtend wirken. Ich halte es für falsch, wenn auch manche Christen den Islam als eine Alternative zum Christentum darstellen oder den Islam auf eine Stufe mit dem christlichen Glauben stellen. Das ist eine Illusion, die lebensgefährlich sein kann.

Am Dienstag sprechen Sie beim ersten Frauenfrühstück in der St.-Pauls-Gemeinde über die Frage: "Warum lässt Gott das Leid zu?" Gerade jetzt brennt genau diese Frage den Menschen unter den Nägeln. Welche Antwort geben Sie den Menschen?

Wilde: Letztlich können wir diese Frage ja nicht beantworten. Wir Menschen können Gott nicht in die Karten schauen und sagen, warum Leid geschehen ist. Doch es kann sein, dass Menschen rückblickend erfahren, dass ihr Leiden nicht sinnlos war. Doch in der Situation des Leidens erscheint es immer sinnlos.

Herr Wassermann, Sie haben am Sonntag in ihrer Predigt, die vom ZDF übertragen wurde, von einer uns fremden "Kultur des Todes" unter Islamisten gesprochen, dagegen stehe die "Kultur des Lebens", von der Jesus Christus und das Evangelium spricht.

Wassermann: Es ist der christliche Glaube, der Hoffnung machen kann. Es gibt keine Alternative. Wir können nur das weitergeben, was wir als Christen haben: Wir leben von der Liebe Gottes, wie sie sich in Jesus Christus geäußert hat. Das gibt Lebensraum, öffnet Möglichkeiten. Dem Islam, der es ablehnt, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist und leugnet, dass Christus am Kreuz starb, können und müssen wir das Zeugnis der Liebe Gottes verkünden und bringen.

Von: Andreas Dippel

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