"Auf dünnem Eis": Wenn Leser zu Volks-Paparazzi werden

B e r l i n (PRO) - Immer mehr Zeitungen und Online-Anbieter fordern ihre Leser auf, Schnappschüsse von Prominenten und anderen Zeitgenossen einzuschicken. Bei einem Abdruck winken ein ordentliches Honorar und die Gewissheit: Ich bin ein echter Volks-Paparazzo. Doch Experten kritisieren nicht nur solche Aktionen, sondern warnen auch vor möglichen Folgen – für die Hobbyfotografen und die Gesellschaft.

Die Aktion der "Bild"-Zeitung ist mittlerweile ein riesiger Erfolg für das Blatt. Seit Wochen ruft die Zeitung ihre zwölf Millionen Leser auf, Fotos von Prominenten, den "verrücktesten Unfällen", "kuriosesten Pannen" oder Bilder von "ungewöhnlichen, peinlichen oder lustigen Polizei-Ereignissen" einzuschicken.

Bei Abdruck erhalten die "Leser-Reporter" ein Honorar von bis zu 500 Euro ausgezahlt. Täglich erscheinen Bilder von Schauspielern, Fernsehmoderatoren, Politikern und Musikstars in "Bild", auf "bild.de" können Leser durch Datenbanken und Sammlungen klicken. Auch das Hamburger Magazin "stern" ruft Leser auf, ihre Bilder von Prominenten, Unfällen und Kriminalität einzusenden. Unter augenzeuge.de können die Bilder besichtigt und die Abdruckrechte erworben werden.

Zu sehen ist bei einem "Bild-Leser-Reporter"-Schnappschuss etwa ein Polizist, der einen Jungen als Beifahrer auf seinem Motorrad mitnimmt. Das Problem: Der Jungen trägt keinen Helm. Auf einem anderen Bild ist ein Bulle zu sehen, der hinter einem Polizeiwagen herrennt. Unter dem Schnappschuss steht: "Welcher Bulle jagt hier eigentlich welchen? Fragte sich auch Leser-Reporter Olaf Michalk und drückte den Auslöser."

"Kultur des Zusammenlebens" beeinträchtigt

Die Aktion hat unterdessen riesige Ausmaße angenommen – und nicht nur Prominente, auch die Polizei fühlt sich unangebracht öffentlich bloßgestellt. Experten – und Betroffene – üben grundsätzliche Kritik an zahlreichen der veröffentlichten Fotos. Gegenüber dem ZDF-Magazin "Frontal21" kritisierte der Berliner Polizeipräsident Dieter Glietsch, dass die Laien-Paparazzi die "Kultur des Zusammenlebens" beeinträchtigten.

"Das schadet nach meiner Überzeugung nicht nur dem Ansehen des Journalismus, sondern es behindert Rettungsdienste, es behindert die Polizei bei der Arbeit; es fördert die Sensationslust", sagte er in der "Frontal21"-Sendung am Dienstag. "Wir sollten dafür sorgen, dass die Hilfsbereitschaft gefördert wird in solchen Situationen, und wer nicht helfen kann, der sollte sich von Unglücksstellen fernhalten."

"Der gedankenlose Motorradpolizist mit dem helmlosen Kind - auch hier war ein Leser-Reporter zur Stelle", heißt es etwa bei "bild.de" zu dem Foto mit dem Jungen auf dem Motorrad. Die Polizei behauptet jedoch gegenüber "Frontal21", dass das Bild in einem abgesperrten Stadiongelände anlässlich einer Motorradwallfahrt entstand. "Davon wird bei bild.de nichts erwähnt", so die ZDF-Reporter.

Mögliche rechtliche Probleme

Doch Konsequenzen könnte die Bild-Reporter-Aktion nicht nur für die "Kultur des Zusammenlebens" haben, sondern auch für die Hobby-Fotografen und die Zeitung selber. Die bewege sich nach Ansicht des ZDF-Rechtsexperten Bernhard Töpper "auf ganz dünnem Eis". In Einzelfällen könne bereits die Aufnahme einer bekannten Persönlichkeit - nicht erst die Veröffentlichung des Bildes - eine strafbare Handlung darstellen, so Töpper in einem ZDF-Interview. Grundsätzlich gilt: "Jeder Mensch hat das Recht an seinem eigenen Bild. Das heißt: Fotos dürfen nur mit seiner Einwilligung veröffentlicht werden." Kinder dürfen zudem generell nicht ohne die Einwilligung des Erziehungsberechtigten fotografiert oder abgebildet werden.

Für so genannte "'absolute Personen der Zeitgeschichte" – Prominente also -  gelten jedoch andere Regeln. Sie sind Personen des öffentlichen Lebens, Fotos von ihnen können daher auch veröffentlicht werden. Doch auch sie haben ein Recht auf Privatsphäre, das nicht nur Hobby-Paparazzi wahren müssen.

Immerhin: Auch die "Bild"-Zeitung ist sich der möglichen Folgen bewusst, die ihre "Leser-Reporter"-Aktion mit sich bringen könnte. "Wichtig: Die Arbeit von Rettungsdiensten oder Polizei darf nicht behindert werden", warnt "Bild". Und bittet ihre Leser zudem: "Respektieren Sie bei Ihren Foto-Aufnahmen die Privatsphäre anderer Menschen." Nur gut, wenn die Appelle für die Fotografen wichtiger sind als 500 Euro schnell verdientes Geld.

Von: Andreas Dippel

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