Biologe: "Religiöse Gehirnwäsche", "evangelikale Sekten"

T ü b i n g e n (KEP) - In der Debatte um Schöpfungslehre und Evolutionstheorie, die in den Medien seit Monaten geführt wird, legt die "Netzeitung" am Dienstag mit einem Interview mit dem Tübinger Biologiehistoriker Thomas Junker nach. In den USA würden Schüler einer "religiösen Gehirnwäsche unterzogen", auch US-Präsident Bush fördere die Lehre der "Fundamentalisten", lauten einige der Begründungen des Biologen für die Ausbreitung der Kreationisten.

"Wer mit religiösem Fundamentalismus nur islamische Gotteskrieger assoziiert, übersieht eine Entwicklung, die sich seit geraumer Zeit im Zentrum der USA vollzieht. Hier führen dogmatische, meist evangelikale Christen einen Kulturkampf, der auch vor Schulen nicht halt macht. Die wichtigsten Begriffe dabei sind Kreationismus und Intelligent Design (ID)", heißt es in der Einleitung zum Interview.

Und auch in Europa seien in jüngster Zeit immer häufiger kreationistische Stimmen zu vernehmen, heißt es weiter. "Der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) wollte im Herbst Deutschlands wohl bekanntesten ID-Verfechter Siegfried Scherer zu einer Veranstaltung einladen. Erst nach Protesten zog er seinen Vorschlag zurück", schreibt die "Netzeitung".

US-Regierung fördert religiöse Weltanschauung

Der Biologe Thomas Junker stellt im Gespräch mit der Online-Zeitung dar, dass es in den vergangenen 50 Jahren zwischen Vertretern von religiösen und wissenschaftlichen Weltbildern einen Kompromiss gegeben habe. "Die Kräfte hielten sich lange die Waage", so Junker. "Seit einigen Jahren fühlen sich die zahlreichen religiösen Gruppen in den USA offenbar stark genug, um den Kompromiss aufzukündigen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie mittlerweile eine starke politische Unterstützung erfahren." Und: "Die religiöse Weltanschauung wird von der derzeitigen Regierung ja insgesamt gefördert", so Junker.

Die amerikanischen Evolutionsbiologen sehen die Thematisierung der Kreationisten und Verfechter von Intelligent Design als ein "gravierendes Problem" an. "Denn immer mehr Studenten an den Universitäten wurden in der Schule einer religiösen Gehirnwäsche unterzogen. Das sind keine guten Voraussetzungen, um an der Universität Naturwissenschaften zu lehren", meint der Tübinger Biologe.

Eine Gefahr sei zudem, dass sich "Kreationisten in die Aufsichts- und Elternbeiräte wählen lassen und auf diese Weise Einfluss ausüben. Noch problematischer ist, dass Intelligent Design in den Schulen gelehrt wird und dass Schulabgänger so etwas dann auch von ihren Universitäten verlangen könnten".

Gefahr: "Stärke der evangelikalen Sekten und Freikirchen"

Kritik übte Junker auch an den großen christlichen Kirchen in Europa und Deutschland, die sich bei diesem Thema zwar noch zurückhalten. Dennoch gebe es leider "Versuche, auf diesen Zug aufzuspringen".

Einen besonderen Augenmerk richtete der Biologiehistoriker auf die "Gefahr durch die Evangelikalen": "Es hängt einiges von der Stärke der evangelikalen Sekten und Freikirchen ab, die 1,5 Millionen Mitglieder haben sollen. Das ist nicht wenig. Aber eine richtige Breitenwirkung konnten sie bisher nicht erzielen."
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Das vollständige Interview unter der Überschrift "Im Biologieunterricht hat Gott nichts verloren" lesen Sie unter http://www.netzeitung.de/

Von: AD

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