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“Gern mitten im Leben”: Nikolaus Schneider wird 65

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, feiert am Montag seinen 65. Geburtstag. Der rheinische Präses gilt als "scharfe Zunge" und "Arbeiterbischof" seiner Kirche. Mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) hat er nun über Sterbehilfe, die Schere zwischen Arm und Reich und den Islam gesprochen – und über sich selbst. 
Von PRO

Foto: pro

Nach Erreichen des Rentenalters endet Schneiders Amtszeit als rheinischer Präses offiziell im März. Das Amt des EKD-Vorsitzes behält er aber noch bis 2015. Kaum in "Teilzeitrente", zieht es Schneider und seine Frau Anne weg aus dem Revier nach Berlin. Schon im Februar wollen sie ihre Koffer packen und in die Hauptstadt umsiedeln, wo Tochter und Enkelkinder leben und die EKD auch ein Büro hat. Dabei ist Schneider ein Kirchenmann, der lieber hinter den Kulissen der Politik wirkt, als im Blitzlicht der Kameras zu stehen.

Schneider war vor zwei Jahren Nachfolger der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann geworden, die ihr Amt nach einer Trunkenheitsfahrt aufgegeben hatte. Er ist oberster Repräsentant der rund 24 Millionen Protestanten in Deutschland. Am 3. September 1947 in Duisburg-Rheinhausen geboren, wuchs Schneider mitten im Stahlrevier auf, wo er 30 Jahre später seine erste Stelle als Gemeindepfarrer antrat. Seit 2003 ist er Präses der rheinischen Kirche.

Glückwünsche zur Vollendung des 65. Lebensjahres kommen aus ganz Deutschland – auch vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch. In einem am Sonntag veröffentlichten Brief schrieb er, dass der Mensch im Vordergrund von Schneiders wirken stünde. "Die Leitfrage nach einer gerechten Gesellschaft prägt Ihre Arbeit. Ich bin froh, dass wir hier als evangelische und katholische Kirche gemeinsame Wege gehen", so der Erzbischof.

In seinem Gespräch mit der dpa sprach Schneider nicht nur über politische und theologische Fragen, sondern auch darüber, was für ihn persönlich "Glück" bedeutet. pro veröffentlicht das Interview im Folgenden im Wortlaut.

dpa: Was macht mehr Spaß – rheinischer Präses zu sein oder der
EKD-Ratsvorsitz?

Nikolaus Schneider: Beides macht viel Spaß! Als rheinischer Präses habe ich die Chance, dass ich noch sehr häufig in den Gemeinden bin und unseren Gemeindemitgliedern begegne. Das macht mir ganz viel Freude, mittendrin zu sein. Das Amt des Ratsvorsitzes heißt, mit ganz vielen interessanten Menschen auch auf Bundesebene zusammenzukommen. Das ist nicht vergleichbar. Ich mache beides gern.

Sie treten in der Politik nicht so stark im Rampenlicht auf wie Ihre
Vorgängerin Margot Käßmann …

Ich bin ich: Nikolaus Schneider, mit seinen Prägungen, seinen Möglichkeiten. Ich bin engagiert bei den Nöten der Menschen. Mittendrin im Leben bin ich gern. Mir ist es wichtig, dass unser Glaube verständlich, einladend weitergegeben wird. Und die Themen der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung waren und sind immer meine Themen.

Sie sind die "scharfe Zunge der Kirche für die soziale Gerechtigkeit". Was bewegt Sie im Moment besonders?

Die Frage der sozialen Gerechtigkeit ist sehr stark auch eine Frage der Bildung. Ich hoffe, dass der gleiche Zugang zu Bildung sich so auswirkt, dass wir das Aussortieren nach sozialer Herkunft, das im Augenblick in unseren Schulen leider ein Thema ist, überwinden können. Ich hoffe auch, dass die ganze Debatte um Inklusion ehrlich vorangetrieben wird.

Und wie sieht es mit der Gerechtigkeit der Einkommensverteilung aus?

Wir haben mehr als 20 Jahre hinter uns, wo der Mittelstand abgegeben hat, abgeschmolzen wurde, wo der Unterschied zwischen den oberen zehn oder ein Prozent und der normalen Bevölkerung enorm auseinandergegangen ist. Das sind Entwicklungen, die machen mir wirklich Sorgen. Ich hoffe, dass es der Politik gelingt, hier stärker gegenzusteuern und für größeren Ausgleich zu sorgen. Denn diese Ungleichgewichtigkeiten sind am Ende eine Gefährdung des sozialen Friedens in unserem Land.

Das heißt, man müsste die Reichen stärker besteuern?

Man hört ja von ganz vielen Wohlhabenden, dass sie sich wundern, dass sie nicht stärker herangezogen werden zur Finanzierung des Gemeinwesens. Es ist ein Zerrbild zu meinen, reiche Leute seien automatisch habgierig und egoistisch und nur auf sich bezogen.

Das Sterbehilfegesetz bewegt Sie sehr. Wie ist da ihre Meinung?

Erstens darf es kein Geschäftsmodell sein, keine Kommerzialisierung. Zweitens ist ärztliche Kunst dazu da, Menschen zu heilen oder auch beim Sterben zu begleiten, aber nicht den Tod herbeizuführen. Das muss klar bleiben im ärztlichen Ethos und im Bewusstsein unserer Gesellschaft. Drittens: Das ist die klassische Unterscheidung zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe. Passive Sterbehilfe ist ja völlig unbestritten, aber wir kommen in Grauzonen. Da kann man die Unterschiede nicht mehr so genau definieren.

Wie soll man Grauzonen gesetzlich definieren?

Man kann nicht alle Grauzonen regeln wollen. Meine Lebenserfahrung und meine Jahre als Gemeindepastor haben mir gezeigt, dass die Menschen, die den Betroffenen persönlich sehr nahe stehen, mit dieser Grauzone im Geist der Liebe sehr verantwortlich umgehen. Und dieses Zutrauen möchte ich weiterhin den Menschen gegenüber bewahren.

Sie predigen nicht dogmatisch schwarz oder weiß, sondern trauen den
Menschen zu, mit Grauzonen und Unsicherheiten verantwortungsvoll
umzugehen.

Ich traue den Menschen sehr viel zu, das stimmt. Auch bei klarer Definition der Grenzen und bei deutlichem Gespräch darüber, welche Ethik wir brauchen, um diesen Raum gestalten zu können. Ich bin aber auch zutiefst davon überzeugt, dass man nicht alles regeln kann, weil die Situationen des Lebens so vielfältig sind, dass die Kasuistik hier an ihre Grenzen kommt.

Also auch die Gesetzgebung …

Man muss einen am Geld orientierten und einen kaltschnäuzigen Egoismus beim Umgang mit dem Tod verhindern. Wie gesagt, das ärztliche Ethos muss klar bleiben. Da wo Angehörige Menschen, die sie lieben, begleiten, bin ich sicher dass sie das richtige Gefühl haben, das Maß zu finden.

Gehört der Islam zu Deutschland?

Muslime gehören zu Deutschland, die ihren Glauben mitbringen und hier leben. Und insofern gehört auch der Islam zu Deutschland. Aber der Islam hat bisher nur sehr eingeschränkt prägende und kulturelle gesellschaftliche Kraft entwickeln können. Es
entwickelt sich erst eine islamische akademische Theologie an unseren Hochschulen, dass auch Imame und Religionslehrer hier ausgebildet werden. Das heißt, die Möglichkeit, in der Tradition eines von Aufklärung, griechischer Philosophie, römischem Recht und christlichen Glauben geprägten Welt eine Stimme zu erheben und in die Debatte einzugehen, braucht noch ein bisschen Zeit, aber das wird kommen.

Es gibt in NRW als erstem Land jetzt islamischen Religionsunterricht.
Wie finden Sie das?

Das finde ich okay. Der Religionsunterricht soll in Übereinstimmung mit den Vorstellungen der Religionsgemeinschaften erteilt werden. Hier wünsche ich sehr, dass auch die muslimischen Verbände sich darauf verständigen, ein entsprechender Partner zu sein. Ich weiß, wie schwer das für sie ist, aber ich finde, dass hier die Gegebenheiten unseres Grundgesetzes normbildend sein müssen.

Muss die christliche Kirche hier um ihre Dominanz fürchten?

Das ist keine Entwicklung, die mir Angst oder Sorge macht. Ich sehe die größere Herausforderung darin, dass wir die dem Frieden und dem friedlichen Zusammenleben der Menschen dienenden Potenziale unserer Religionen stark machen, so dass es kein Wettbewerb wird oder sogar ein Kampf, sondern dass wir auf einem Niveau des Respektes und des freundlichen Miteinanders leben.

Die Kirchen leiden unter massivem Mitgliederschwund …

Das stimmt schon. Hier ist für mich auch ein Feld kirchlichen Handelns, wo wir den erneuten Zugang zur Kirche oder den Wiedereintritt in eine Gemeinde so werbend und einfach wie möglich machen müssen.

Was ist das Glück auf Erden?

Das ist ein Mensch, der mich liebt.

(pro/dpa)

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