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Genies sind auch nur Menschen

Der britische Historiker Robin Lane Fox hat mit seinem Buch „Augustinus. Bekenntnisse und Bekehrungen im Leben eines antiken Menschen“ eine umfangreiche Darstellung des Lebens und der Entwicklung des Theologen und Geistlichen vorgelegt. Eine Rezension von Marcus-B. Hübner
Von PRO
Der Theologe Marcus-B. Hübner rezensiert für pro regelmäßig Bücher

Foto: Eli Francis

Der Theologe Marcus-B. Hübner rezensiert für pro regelmäßig Bücher

Eine gute Eigenschaft haben Genies, da können sicher alle zustimmen. Trifft man eines, dann braucht man gar nicht neidisch zu sein, braucht man sich nicht mit ihr oder ihm zu vergleichen. Bei wirklichen Genies, das merken die Durchschnittsmenschen sehr schnell, steht man vor allem beeindruckt, vielleicht sogar ein wenig ehrfürchtig, vor den Errungenschaften und weiß, dass man sich in der eigenen Mittelmäßigkeit, in der Anonymität des Normalen eigentlich ganz wohl fühlt.

Jede Generation hat ihre Ausnahmetalente. Jedes Feld der Forschung kennt seine Genies, kennt seine unerreichten Lichtgestalten. Und die meisten von ihnen werden im Nachhinein gerne verklärt. Eine Hagiographie nennt die Geschichtswissenschaft ein solches Schriftstück, das die Lebensgeschichte eines Menschen darstellt, aber der völlig kritiklos die Brillanz des Sujets in den Vordergrund stellt.

Der Kirchenvater Augustinus von Hippo lässt sich ohne große Mühe in die Reihen der Genies einsortieren. Seine Schriften haben bis heute Menschen der unterschiedlichsten Hintergründe bewegt. Seine Gedanken prägen die Theologie und Philosophie bis heute. An ihm arbeiten sich Studenten jeder Generation ab. Und von seinen Predigten und seiner Autobiographie – den „Bekenntnissen“ – fühlen sich bis heute Menschen verschiedenster konfessioneller Hintergründe geistlich erbaut und ernährt.

Der britische Historiker und Biograph Robin Lane Fox hat mit seinem Buch „Augustinus. Bekenntnisse und Bekehrungen im Leben eines antiken Menschen“ eine umfangreiche Darstellung des Lebens und der Entwicklung des Theologen und Geistlichen vorgelegt, die nebenher auch in die theologiegeschichtlichen Verwicklungen des Mannes einführen will. Dabei ist ein substanzielles, aber auch zähes Werk entstanden, das den Kirchenvater vor allem als Menschen, nur anhand seiner Wirkungsgeschichte verstehen will.

Konzentrische Kreise vom Hauptwerk

Ein Lebensbild von Augustinus zu entwerfen ist gar nicht so einfach. Das liegt nicht nur daran, dass er eine schillernde Persönlichkeit ist, dessen Leben nicht an modernen Verkaufsargumenten wie Sex und Gewalt mangelt. Es liegt auch daran, dass das Leben des Augustinus das vielleicht bestbezeugte seiner Zeit ist. Und eine Überfülle an Material macht die Forschung durchaus komplizierter, als einfacher.

„Augustinus ist der antike Mensch, über den wir am meisten wissen. Noch sechzehnhundert Jahre später können wir seinen Lebensweg anhand seiner eigenen, vielbändigen Schriften mal mehr, mal weniger genau folgen.“ (S. 12)

Fox beginnt so seine Biographie, und beschreibt auch noch, mit welcher Fülle sich die Forschung um diesen Koloss der Kirchengeschichte dreht. Einen Überblick über die jährlich erscheinenden Werke zu bekommen ist dabei schier unmöglich.

Es gilt also, sich einen Überblick zu verschaffen.

Fox verankert seine Biographie deswegen an zwei Punkten, die seine Rekonstruktion solide machen. Zum einen ist seine erste und wichtigste Quelle für das Leben des Augustinus dessen bekanntestes Werk „Bekenntnisse“. Hier beschreibt eher der Christ Augustinus seine Gottessuche, als der Theologe. Deswegen werden die wichtigsten Eckpunkte seines Lebens hier angesprochen, und in Bezug auf den christlichen Glauben reflektiert. Fox reichert diese Darstellung dann immer wieder mit dem Auge des Kenners aus den Selbstzeugnissen in Predigten und Briefen an, sodass ein breites und detailliertes Bild des Kirchenvaters entsteht.

Dass die Bekenntnisse nicht unkritisch gelesen werden dürfen, ist dem profilierten Historiker natürlich klar. Deswegen entwickelt er als zweiten Ankerpunkt seiner Biographie zwei Zeitgenossen Augustinus‘, die dem Leser dabei helfen sollen, die Aussage des Augustinus einzuordnen. Der eine, Libanios, ist älter als Augustinus und bekennender Heide. Der andere, Synesios, ist jünger, selbst Christ und späterer Bischof sowie Philosoph.

Beide Personen treten durch ihre Briefe und Schriften immer wieder im Buch auf, um die Darstellungen des Kirchenvaters in eine historische, antike Perspektive zu rücken. So positioniert der Autor sein Objekt mitten in der Geschichtswissenschaft, und nicht so sehr in der Theologie, wo man Augustinus nur zu gerne findet.

Konzentration braucht einen langen Atem

Das Buch vollzieht einen starken Detailblick, der in der Auseinandersetzung mit Augustinus sicher hilfreich ist, dem Buch aber nicht zu Gute kommt. Immer wieder finden sich in dem Buch lange Ausflüge in die Ideengeschichte. Exemplarisch dafür ist die Beschäftigung mit dem Manichäismus, dem Augustinus als junger Mann anhängte.

Fox, Robin Lane: „Augustinus. Bekenntnisse und Bekehrungen im Leben eines antiken Menschen“, Klett Cotta, 745 Seiten, 38,00 Euro. ISBN: 9783608981155 Foto: Klett Cotta
Fox, Robin Lane: „Augustinus. Bekenntnisse und Bekehrungen im Leben eines antiken Menschen“, Klett Cotta, 745 Seiten, 38,00 Euro. ISBN: 9783608981155

Im Buch wird über viele Seiten diese frühchristliche Bewegung beschrieben, ihre Urgeschichte rekonstruiert und diese auch geschichtswissenschaftlich abgesichert, dass sich der Leser streckenweise mehr in einem theologiegeschichtlichen Werk zu bewegen glaubt, als in der Rekonstruktion eines antiken Menschen.

Und dabei will dieses Buch doch gerade das nicht sein. Dabei will doch Fox gerade ein Buch schreiben, das Augustinus als einen von vielen, einen ganz normalen antiken Menschen beschreibt, und ihn nicht von seiner Wirkungsgeschichte her aufrollt.

Dabei muss dem Buch sicher zugestanden werden, dass es die Ideen beschreibt, die Augustinus geprägt hat. Es ist also nicht wirklich problematisch, dass die verschiedenen Strömungen ihre Erwähnungen finden. Doch dabei ist es eine Frage des Verhältnisses.

Selbst einem ideengeschichtlichen Leser wird dieses Buch einen langen Atem abverlangen. Die Rekonstruktion antiker frühchristlicher Mythologie kann durchaus amüsante Passagen haben; aber auf die Länge des Buches gemessen scheint das Buch einen deutlichen Überschuss an ideengeschichtlicher Einordnung zu haben, während dahingegen die profangeschichtliche Beschreibung ins Hintertreffen gerät.

Können wir heute von Augustinus lernen?

Man könnte natürlich dem Autor diesen engen Fokus auch vorwerfen; und dann im Umkehrschluss darüber frohlocken, dass er seinem eigenen Anspruch nicht gerecht wird. Was, mag man fragen, soll denn am Leben eines antiken Menschen interessieren, wenn nicht seine Wirkungsgeschichte? Immerhin schreibt Fox ja auch keine Biographie über Augustinus, weil er ein zufälliger antiker Mensch ist.

Diese Reaktion wäre aber zu kurz gegriffen.

Fox’ Ansatz in der Beschreibung des Kirchenvaters – und selbst, obwohl er seinem eigenen Anliegen immer wieder untreu wird – bringt dem Leser eine wichtige Lektion über den Hintergrund der eigenen weltanschaulichen Überzeugungen bei. Als Kinder der Aufklärung, die von der Wiege auf mit der sprichwörtlichen Objektivität der naturwissenschaftlichen Methoden konfrontiert sind, halten wir unsere weltanschaulichen Grundsätze oft für unangreifbar. Immerhin haben wir Gründe, diese Dinge so oder anders zu nennen.

Dass Weltanschauung und die eigene Biographie mehr als einen losen Zusammenhang haben, zeigt dabei auch Augustinus’ Leben. Deswegen ist die ständige Reflektion der eigenen Grundlagen, das Aufspüren der biographischen blinden Flecke, das nötige Hinterfragen der eigenen Glaubensgründe eine der wichtigsten Aufgaben jedes Christen.

Augustinus – das macht Fox deutlich – kam zu seinen Schlüssen nicht als ein über der Materie schwebender Kirchenvater; der Theologe Augustinus ist kein Kopffüßler, der jedem Moment vom vermeintlich objektiven Grund des Verstandes begegnet. Er ist ein normaler antiker Mensch, mit Schlüssen, die zu seiner Zeit viel Sinn ergeben haben.

Das gilt es wahrzunehmen – über ihn, und über die eigene Theologie – und gleichzeitig zu bekennen, dass die situative Natur jeder Weltanschauung über ihren Wahrheitsgehalt noch gar nichts aussagt.

Marcus-B. Hübner - Theologe aus Berufung, Buchliebhaber aus Leidenschaft. Nach seinem Theologiestudium an der FTH Gießen (M.A.) ist er nun Pastor im Vikariat in der Arche Flensburg, die zum Mülheimer Verband freikirchlich-evangelischer Gemeinden gehört. Nebenher schreibt er seit Jahren regelmäßig Rezensionen auf seinem Blog; und nun auch für pro Online. Foto: privat
Marcus-B. Hübner – Theologe aus Berufung, Buchliebhaber aus Leidenschaft. Nach seinem Theologiestudium an der FTH Gießen (M.A.) ist er nun Pastor im Vikariat in der Arche Flensburg, die zum Mülheimer Verband freikirchlich-evangelischer Gemeinden gehört. Nebenher schreibt er seit Jahren regelmäßig Rezensionen auf seinem Blog; und nun auch für pro Online.

Von Marcus Hübner

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