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„Generation Allah“: Mit Kollektivtherapie gegen den Islamismus?

Der arabische Israeli Ahmad Mansour therapiert Jugendliche, die in den Islamismus abdriften. In seinem Buch „Generation Allah – Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“ kritisiert er eine weit verbreitete und von ganz oben verordnete Praxis der Ignoranz, die ein immer größer werdendes Problem verharmlost. Eine Rezension von Judith Schmidt
Von PRO
Der palästinensisch-israelische Psychologe Ahmed Mansour schlägt im Kampf gegen religiösen Extremismus einen Kurswechsel vor

Foto: European Foundation for Democracy

Der palästinensisch-israelische Psychologe Ahmed Mansour schlägt im Kampf gegen religiösen Extremismus einen Kurswechsel vor
Ahmad Mansour erlebt in seiner täglichen Arbeit mit Jugendlichen beunruhigende Entwicklungen: „Du Opfer“ und „Jude“ sind an Schulen inzwischen gängige Schimpfwörter, Mädchen werden gemobbt, wenn sie kein Kopftuch tragen, Schwimmunterricht und Schulausflüge sind Tabu. Im Unterricht äußern Schüler fragwürdige und teils schockierende Einstellungen zu Geschlechterrollen und Konflikten im Nahen Osten, doch die Lehrer schweigen, um den Ruf der Schule nicht zu gefährden. Warum bekommen radikal-islamische Ansichten unter deutschen Jugendlichen immer größeren Zulauf und bewegen einige sogar dazu, in den „heiligen Krieg“ nach Syrien zu ziehen? Mansour sucht nach Antworten – und findet sie in den Biographien der Jugendlichen, die sich, wie er schreibt, erstaunlich ähneln und ein Schema erkennen lassen. Patriarchalisch geprägte Familien mit autoritären Vätern förderten statt kritischem Denken eher strikten Gehorsam und Unterwerfung. Oft sei auch physische Gewalt im Spiel, zumindest sei aber eine Angstpädagogik, in der mit Einschüchterung und Drohung gearbeitet werde, weit verbreitet. Dies habe Konsequenzen für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Die erlebte Gewalt werde später oft nach außen getragen. Junge Erwachsene mit einer instabilen Persönlichkeit suchten den stabilisierenden Zusammenhalt in einer Gruppe mit klaren Regeln und fänden diesen bei den Fundamentalisten – oft auch als Akt der Rebellion gegen die Eltern. Dass der Kontakt zur Familie oft abgebrochen werde, spiele den Radikalen in die Hände, die dann einen noch größeren Einfluss auf den Jugendlichen ausüben könnten.

Naive Behörden, die verkappte Islamisten finanzieren

Mansour beginnt das Buch mit seiner eigenen Biographie, die sich besonders spannend liest, und erzählt dann im zweiten Kapitel exemplarisch die Geschichten einiger Jugendlicher, die ihm in der Therapie und Sozialarbeit so oder so ähnlich immer wieder begegnen. Im dritten Kapitel beschreibt er, was er in der Arbeit mit den Jugendlichen und in Auseinandersetzungen mit inkompetenten Behörden erlebt. Diese wählten etwa unwissentlich islamistische Organisationen und Einzelpersonen als Partner in Projekten gegen die Radikalisierung und unterstützten diese finanziell, kritisiert Mansour. Beamte müssten geschult werden, bei der Vergabe von Geldern und auf der Suche nach Partnern genauer hinzusehen.

Zwischen Verharmlosung und Panik

Zusammengefasst lautet Mansours Hauptthese, die Islamismus-Debatte in Deutschland schwanke zwischen zwei Extremen, die beide wenig hilfreich seien: Auf der einen Seite sieht er Verharmlosung, das Beschönigen und Zurechtbiegen von Statistiken, etwa zu Übergriffen mit antisemitischem Hintergrund oder aus Gründen der Familienehre. Außerdem macht er eine Politik aus, die immer größere Probleme mit radikalisierten Jugendlichen schlichtweg leugne. Auf der anderen Seite sieht er Panikmache, gerade nach Anschlägen wie Mitte November in Paris, die in blinden Aktionismus münde. Millionensummen flössen dann in kurzzeitige, medienwirksame, aber wenig durchdachte Projekte – ohne übergreifende Langzeitstrategie. Inzwischen habe sich eine Art „Projektmafia“ herausgebildet, die Gelder kassiere und die Projekte dann nur zu Schauzwecken oder gar nicht durchführe. Die Effizienz der Projekte und die Vertrauenswürdigkeit der Partner werde nicht überprüft.

Vom politischen Willen, die Wahrheit zu sehen

Im vierten Kapitel finden sich dann konkrete Lösungsvorschläge, etwa die Einrichtung einer zentralen, im Kanzleramt angesiedelten Stelle für Islamismusprävention und –bekämpfung. Mansour fordert eine ungeschönte und ideologiefreie Datenbasis, die islamischen Radikalismus, Antisemitismus und Fundamentalismus an Schulen und in Gemeinden erfasst. Bisher fehle der politische Wille, die Wahrheit zu sehen. Zudem müsse an Schulen verpflichtender, konfessionsübergreifender Religionsunterricht stattfinden, der zu Diskussionen ermutigt und kritisches Denken fördert sowie gehegte Vorurteile und Fehlinformationen über andere Religionen abbaut. Pädagogen sollten im Umgang mit radikalisierten Jugendlichen besser geschult werden. Vor allem müsse es aber eine aufklärende Elternarbeit gezielt unter Muslimen geben, die diese etwa über gewaltfreie Erziehung, den Sinn von Sexualkunde, Schwimmunterricht und Klassenreisen aufkläre und ihnen die Chancen ihrer Kinder in dieser Gesellschaft vor Augen führe. Mansour warnt: Weder das Ignorieren der Probleme noch „Hochglanzbroschüren und Mahnwachen“ würden uns vor „Pariser Zuständen“ bewahren. Außer einigen Wiederholungen, dem manchmal etwas schwerfälligen Pädagogen-Duktus und teils langatmigen Passagen enthält das Buch interessante Einsichten und wertvolle Ideen. Bleibt nur noch zu fragen, wie die ambitionierten und ohne Frage sinnvollen Pläne finanziert werden sollen- und ob sich moderate Einstellungen und Toleranz „von Oben“ verordnen lassen. Mansour jedenfalls glaubt fest daran. (pro)

Ahmad Mansour: Generation Allah – Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen, S. Fischer, 271 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-10-002446-6

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